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Nachlese: Kultur wird barrierefrei

OTS 23.02.2006

Impulse und Herausforderungen für Museen und Bibliotheken – eine Nachlese zur Veranstaltung von MAIN_Medienarbeit Integrativ

“Kultur wird barrierefrei” lautete das Motto einer gut besuchten Veranstaltung von MAIN_Medienarbeit Integrativ Mitte Februar 2006 in Wien. Als Gast war dazu Marcus Weisen vom Museums, Libraries and Archives Council (MLA) in London eingeladen. In seinem Vortrag zum Thema “Kommunikationskultur für alle Sinne – Luxus oder Rechtsanspruch” am 16.2.2006 in der Hauptbücherei Wien gab Weisen einen fundierten Überblick über Gesetze und Initiativen zur barrierefreien Kunst- und Kulturvermittlung in Großbritannien und Europa.

Bei einem Praxis-Workshop am 17.2.2006 erhielten rund 30 österreichische Fachleute aus Kulturvermittlung, Ausstellungsdesign und Bibliothekswesen durch den britischen Experten vielfältige Anregungen zur barrierefreien Gestaltung ihrer Einrichtungen. Die Teilnehmenden bewerteten das Treffen als wichtigen Impuls, sich künftig stärker zu vernetzen, um die Barrierefreiheit im österreichischen Kulturbetrieb voranzutreiben.

Recht auf Zugang

Grundlage dafür bietet eine Reihe von Gesetzen und Richtlinien, wie Marcus Weisen in seinem Vortrag ausführte. “Der Zugang zur Kunst und Kultur ist ein Recht für alle Menschen”, erklärte er und verwies dabei auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Artikel 27.1, 1948) und eine Resolution des EU-Ministerrates vom Mai 2003, die dieses Recht festschreiben.

Die gesetzliche Anerkennung des Rechts auf den Zugang ist für Weisen eine der wesentlichen Vorraussetzungen, damit Kultur barrierefreier wird. Weiters sollten Kulturförderungen nur dann gewährt werden, wenn die zu fördernden Institutionen auch die Kriterien der Barrierefreiheit erfüllen. Um das Ziel einer “Kultur für alle” zu erreichen, sei grundsätzlich ein Kurswechsel und Wertewandel innerhalb der Kulturstätten notwendig, meinte Weisen in Wien.

Wegweiser Großbritannien

In Großbritannien sichert der 1995 beschlossene und bis 2004 schrittweise umgesetzte “Disability Discrimination Act” (DDA) Menschen mit Behinderungen das gesetzliche Recht auf den Zugang zu Dienstleistungen und damit auch zu Kultureinrichtungen. Als Folge des Antidiskriminierungsgesetzes wurde 2002 das “Museums, Libraries and Archives Council (MLA)” gegründet, für das Marcus Weisen als “Health and Disability Adviser” tätig ist. Das Council machte es sich zur Aufgabe, Ratgeber auszuarbeiten, die Richtlinien in Bezug auf die barrierefreie Zugänglichkeit enthalten. Diese 12 Ratgeber sind über das Internet verfügbar und bieten viele praktische Tipps, wie Barrierefreiheit in Museen, Bibliotheken und Archiven gewährleistet werden kann.

Als gute Beispiele für Museen in England erwähnte Marcus Weisen etwa die Tate Modern in London oder das Colchester Museum, die bei der barrierefreien Gestaltung ihrer Ausstellungen und Websites vorbildhaft agierten. Auch in Frankreich finden sich interessante Ansätze, wie Weisen berichtete, etwa die “Cité des Sciences et de l’Industrie” in Paris. Dieses Wissenschafts- und Technikmuseum zeigte bereits 1986, wie umfassende Barrierefreiheit zu verstehen ist. So wurden dort gleich zu Beginn eine blinde, ein gehörlose und zwei gebärdensprachkundige MitarbeiterInnen beschäftigt, die ihre Erfahrungen aus erster Hand in die Gestaltung des Museums einbrachten und sicher stellten, dass der Zugang zu den vermittelten Informationen wirklich für alle BesucherInnen möglich ist.

Umfassende Barrierefreiheit

Dass sich das Verständnis von Barrierefreiheit nicht auf die bauliche Zugänglichkeit für Menschen im Rollstuhl beschränken darf, machte Weisen in seinem Vortrag deutlich. So genügt es heute für eine Kulturinstitution keineswegs, eine Rampe oder einen Lift einzubauen, notwendig sind auch Leitsysteme für sehbehinderte und blinde Menschen, Führungen in Gebärdensprache für gehörlose Menschen, leicht verständliche Texte für Menschen mit Lernschwierigkeiten und viele andere Angebote, die Kunst und Kultur für alle Sinne erfahrbar machen. Vorausschauende Planung und das Wissen um die Bedürfnisse von behinderten BesucherInnen minimieren dabei die Kosten bei Anpassungen. Barrierefreiheit dient dabei nicht nur behinderten, sondern auch vielen anderen Menschen, etwa Eltern mit Kinderwagen oder schlecht sehenden älteren Personen.

Wichtiges Diskussionsthema der Veranstaltung war auch das österreichische Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz, das am 1. Jänner 2006 in Kraft getreten ist. Ob es die gleiche Impulsfunktion haben wird, wie der DDA 1995 in Großbritannien, bleibt abzuwarten. “Weitere Initiativen zur barrierefreien Kultur in Österreich sind jedenfalls gefragt”, so das Resumee der Veranstalterinnen von MAIN_Medienarbeit Integrativ.”

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