Perfekte Körper geben perfekte Fotos. Aber meiner? Mein Körper ist ebenso ein Teil meiner Vollkommenheit und ohne ihn wäre ich nicht ein Ganzes. Ein schöner Gedanke, aber stimmt er auch für mich? Fühle dich einmal mit einem Körper vollkommen, der Beine hat, die alles andere als schön sind. Zu klein, zu dünn und unendlich viele Narben. Ihre Form erinnert an einen ins Wanken geratenen Turm. Meine Beine sind einfach nicht schön. Zuerst haben sie meinen Eltern eine Menge Kummer bereitet. Heute tragen sie mich durch mein Leben. Sie tragen immer wieder stabil zu einem Gefühl der Belastung bei.
Mit den körperlich schmerzlichen Erfahrungen lernst du umzugehen. Den seelischen Schmerz zuzulassen, ist da viel schwieriger. Unser Leben bewegt sich nicht nur in der Öffentlichkeit. Wir lassen uns aufeinander ein, lassen Nähe zu. In meinem Leben hat Nähe sehr oft schon keinen – oder sagen wir: zu wenig – Platz gehabt, weil mir selbst mein „nicht Hinschauen können“ im Weg war. Mit meinen 33 Jahren fällt es mir immer noch schwer, mich nackt im Spiegel zu betrachten. So bleiben Spiegel und Bild fremd, so bleibt das einfache Annehmen meiner selbst (in dem ja ein Vertrauen können und sich Fallen lassen stecken) erschwert. Das hindert mich manchmal, das Glück zu fassen und mich dem hinzugeben, was auch unser Leben ausmacht: der Liebe. So ist es und nicht anders.
Natürlich, der Mensch besteht nicht alleine aus seinem Körper. Aber wir wissen alle, dass gerade dieses Beschränktwerden auf das Äußerliche ganz schön verletzend sein kann. Durch sein Anderssein spielt mein Körper in meinem Leben eine besondere Rolle. Er fällt auf und macht betroffen. Mich vor allem. Meinen Alltag lebe ich ganz gut. Die Einschränkungen habe ich zu akzeptieren gelernt und all die Dinge, die ich tun möchte, tue ich einfach. Fast alle.
Durch Zufall stoße ich auf einen Fotoband von Rasso Bruckert. Seine Bilder faszinieren mich vom ersten Augenblick an. Die Aussagen und das Aussehen seiner Models lassen mich erstaunen. Ich sehe überrascht, dass ihre Behinderung erst beim zweiten Blick sichtbar wird. Der Gedanke lässt mich nicht mehr los: Ich möchte diesen Fotografen kennenlernen. Ich beschließe, Rasso Bruckert in Heidelberg zu besuchen.
Mit gemischten Gefühlen breche ich auf. Rasso Bruckert holt mich vom Bahnhof ab. Wir fahren in sein Studio in der Nähe von Heidelberg. Zuerst unterhalten wir uns über Dinge, die uns beide bewegen. Das Eis ist schnell gebrochen. Dann frage ich ihn viel, zu seinem Werdegang, zu seiner Berufung. Zur Fotografie ist er durch seinen Vater gekommen. „Er hat das Fotografieren geliebt und mich mit dem Thema vertraut gemacht“, erzählt er. Die professionelle Arbeit mit der Kamera folgt aber erst viel später. Mit 18 Jahren hat Rasso Bruckert einen Autounfall. Seither ist er querschnittgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Nach dem Unfall absolviert er seine Ausbildung zum Sozialarbeiter und ist jahrelang in einer Rehabilitationseinrichtung tätig. Sein Interesse für das fotografische Handwerk bleibt wach. Rasso Bruckert geht in die USA und studiert am City College in San Francisco Fotografie. Seine Lehrerin in Portraitfotografie ist Gypsy Ray. Die prominente Fotografin bestärkt ihn darin, den Gedanken an Aktfotografie von körperbehinderten Menschen weiter zu verfolgen. Drei Jahre lang lebt Rasso Bruckert in Amerika. Dann kehrt er 1991 aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten nach Deutschland zurück und beginnt als freier Fotograf zu arbeiten. „Das war nicht einfach“, sagt er. Anfangs hindern ihn seine eigenen Barrieren im Kopf, sein Projekt Aktfotografie einfach umzusetzen. Doch er überwindet seine eigene Skepsis und die von anderen Leuten. „Ich habe mich in meinem Umfeld bewegt. Ich selbst bin behindert, die Modelle sind behindert. Ganz nach dem Motto: Schuster bleib bei deinen Leisten.“
In seinem Studio bewegt sich Rasso Bruckert völlig barrierefrei. Seine Lebensumstände und seine Art zu fotografieren sind aufeinander abgestimmt. Er denkt, dass ihm seine Behinderung manchmal das Leben leichter gemacht hat. „Einfach aus dem Grund, weil du auffällst, wenn du dich als behinderter Mensch mit Dingen beschäftigst, die aus dem Bild des ‚normalen Behinderten’ fallen. Du wirst bewundert. Du erregst Aufmerksamkeit und Türen gehen auf, die du als so genannter ‚normaler Mensch’ vielleicht nie hättest öffnen können.“ Im Laufe der Jahre habe er viele starke und intelligente Menschen mit Behinderungen getroffen, berichtet der 50-jährige Fotograf. „Dadurch bin ich selbst als körperbehinderter Mensch viel selbstbewusster geworden. Ich bin stolz darauf, aus dieser Ecke zu kommen. Die Kraft, die ich durch diese Menschen spüren durfte, gab mir für meine Arbeit und mein Leben sehr viel Bestätigung.“
Rasso Bruckert beschäftigt sich heute in seinen Fotos mit vielen Aspekten: Sport, Portraits und Reportagen. Sein zentrales Interesse gilt aber der Aktfotografie, der Ästhetik des behinderten Körpers. „In der Aktfotografie begegne ich dem menschlichen Körper in seiner Nacktheit und diese strahlt für mich etwas ungemein Sinnliches, Verletzliches und Empfindsames aus“, erklärt er. „Das gemeinsame Sich-daran-Wagen hat für mich einen besonderen Reiz. Aus dem Menschen den Mut hervorzuzaubern, ist meist ein wunderbares Erlebnis. Viele Modelle verlassen mein Studio und staunen darüber, dass dieses Sich-Fotografieren-lassen so viel Spaß gemacht hat.“
Der Blick durch die Linse ist schonungslos, denke ich. Aber er kann uns dabei helfen, uns anzunehmen. Vollkommenheit gibt es nicht, aber ein Gefühl des Ganzseins ist möglich.
Ich wage es: Das Herz in der Hose, tausend Gedanken, Angst vor Missbilligung, zugleich Blitze der Lust und aufkeimender Mut, es zu probieren. Rasso Bruckert nimmt sich viel Zeit für das Shooting mit mir. Wir reden zwischendurch und in keinem Augenblick empfinde ich seinen Blick durch die Kamera als negativ. Im Gegenteil. Ich spüre eine Lebendigkeit in mir, die schön ist. Wir haben eine Unmenge Fotos gemacht. Manche sind irgendwie geworden, aber viele sind wunderbar. Sie zeigen mir einen Menschen, der mir gefallen könnte. Und vor allem: Es hat unglaublich Spaß gemacht!
Die Arbeiten von Rasso Bruckert, der die Bildagentur Querschnitt betreibt,
können auch online erkundet werden: www.bildagentur-querschnitt.de
Die Fotoserie ganz unvollkommen von Rasso Bruckert zeigt einfühlsam und
offen die Ästhetik und Erotik behinderter Menschen. Die Bilder entstanden über einen Zeitraum
von mehreren Jahren und noch immer kommen neue hinzu. Die Sammlung behält dadurch
eine aktuelle Lebendigkeit. Ausgewählte Aktfotos liegen auch in einem Fotoband vor:
Bruckert, Rasso: ganz unvollkommen. Akt und Körperbehinderung. Hg.: Wheel-it
AG, Verlag Reinhardt Verlag, München, Basel 2003. 109 Seiten. 67 Fotos. ISBN 3-497-01685-3
Der Salzburger Fotograf Andreas Hauch hat für die Ausstellung Ein Hauch von Gefühl – weiblich, behindert, sinnlich sieben Frauen in sinnlichen Schwarzweiß-Fotos portraitiert. „Die Bilder sollen unsere Sinne aufwecken, entdecken und verwöhnen“, erklärt die Initiatorin Andrea Mielke, die auch selbst als Modell mitwirkte: „Frauen brechen ein Tabu: Sie machen sichtbar, dass Frau mit Behinderung nicht dem Fluch einer unattraktiven und bedürftigen Person erlegen ist, die durch unsere Gesellschaft und deren erotisch-weibliche Ideale zum Neutrum und damit zur Nichtexistenz gezwungen wird.“ Ergänzend zur Ausstellung wurde auch ein sehenswerter Katalog herausgebracht.
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