Gute Beispiele | Mediale Perspektiven

Kennen Sie eine blinde Moderatorin oder einen Reporter im Rollstuhl? Nein? Kein Wunder. Schließlich sind wir in Österreich, wo behinderte JournalistInnen bislang kaum zu finden sind. Dass behinderte Menschen erfolgreich als JournalistInnen tätig sind, beweisen zahlreiche Beispiele aus anderen Ländern.


Vorreiter Großbritannien

In Großbritannien wurden und werden Rahmenbedingungen geschaffen, um behinderten Menschen den Zugang zum Journalismus zu ermöglichen. Bereits 1989 publizierte die British Broadcasting Company BBC ein „Corporate Disability Strategy Document“, das Maßnahmen zur Integration in Rundfunkanstalten beinhaltet. Das Dokument umfasst so unterschiedliche Bereiche wie Ausbildung, Beschäftigung, Programmgestaltung, Portraitierung und Bewusstseinsbildung innerhalb des Unternehmens.
www.bbc.co.uk

Bestes Beispiel dafür, wie ernst die BBC diesen Anspruch nimmt, ist der blinde Journalist Peter White. In seiner 30-jährigen Laufbahn hat sich Peter White als Moderator und Reporter für verschiedene BBC-Radioprogramme einen Namen gemacht. 1995 war er der erste blinde Journalist, der jemals Beiträge für TV-Nachrichten produzierte. Peter White ist als BBC-Korrespondent für Behindertenfragen tätig und hat eine Autobiografie mit dem Titel „See it my way“ veröffentlicht (Warner Books, London 2000).

Die BBC-Website Ouch bietet Raum für ein ungewöhnliches Lifestyle-Magazin. Ouch wird von behinderten JournalistInnen gestaltet und zeichnet sich durch satirischen Biss, schwarzen Humor und schräge inhaltliche Zugänge aus.
www.bbc.co.uk/ouch

Die BBC beteiligt sich auch am britischen Broadcasting and Creative Industries Disability Network (BCIDN), einer weltweit einzigartigen Organisation, die 1997 gegründet wurde. Eine wichtige Aufgabe dieses Netzwerks besteht darin, Sendeanstalten zum Engagement von MitarbeiterInnen mit Behinderungen anzuregen. Das BCIDN beschäftigt eine Gruppe von behinderten JournalistInnen und SchauspielerInnen, die als BeraterInnen und BotschafterInnen des Netzwerks agieren. Ausführliche Informationen zum BCIDN gibt es auf der Website des britischen Employers’ Forum on Disability:
www.employers-forum.co.uk

Auch der britische Privatsender Channel 4 zählt zu den Mitgliedern des BCIDN und beschäftigt behinderte MitarbeiterInnen vor und hinter der Kamera.
www.channel4.com/life

Um die geeigneten AkteurInnen zu finden, hat Channel 4 eine innovative Datenbank eingerichtet. Eintragen können sich hier behinderte SchauspielerInnen, ModeratorInnen und JournalistInnen, die beim TV arbeiten wollen, und Produktionsfirmen, die MitarbeiterInnen suchen. Damit die Zusammenarbeit gelingt, enthält die Website auch gute Tipps für ArbeitgeberInnen und -nehmerInnen, die auch für österreichische Medienbetriebe interessant sind.
www.channel4.com/fourall


Deutschland holt auf

In Deutschland sind sie noch EinzelkämpferInnen, aber es gibt sie: erfolgreiche JournalistInnen mit Behinderungen. Ein Beispiel ist etwa der blinde Journalist Franz Josef Hanke, der 1986 in Marburg das fjh-Journalistenbüro gründete. Seither arbeitet Hanke freiberuflich für Tageszeitungen, Zeitschriften und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Spezialisiert hat sich Hanke auf Behindertenthemen und Gentechnik, er befasst sich aber auch mit allen anderen Bereichen, von der Politik bis zur Kultur. Neben Hörfunkbeiträgen und Zeitungsartikeln hat Hanke auch einige Bücher veröffentlicht.
www.fjh-journalistenbuero.de

Auch die Redakteurin Christiane Link übt heute ihren Traumberuf aus. Dass sie im Rollstuhl sitzt, spielte bei ihrer Berufswahl keine Rolle. Nach dem Studium der politischen Wissenschaft absolvierte sie Praktika beim ZDF und bei SAT 1, heute arbeitet Link bei der dpa-infocom, der Online-Tochter der Deutschen Presseagentur (DPA).
www.ortegalink.com/christiane

Die deutsche Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien e.V. (abm) arbeitet seit vielen Jahren zu behindertenspezifischen Fragen im Medienbereich. Die abm produziert wöchentlich mehrere TV-Programme zum Thema Behinderung, etwa für die deutschen Privatsender Kabel 1 und DSF, das Schweizer Fernsehen und 3sat. Neben den TV-Produktionen, die großteils von behinderten RedakteurInnen gestaltet werden, setzt die abm auch Serviceangebote. Dazu zählen Medienseminare und die Beratung von JournalistInnen ebenso wie eine Videothek für hörbehinderte Menschen, die ein adäquates Angebot an untertitelten Spiel- und Dokumentarfilmen zur Verfügung stellt.
www.abm-medien.de

Geschäftsführer und leitender Redakteur der abm ist der Journalist, Schriftsteller und Schauspieler Peter Radtke.
www.peter-radtke.de


Spanien geht eigene Wege

Der spanische Blindenverband Once betreibt nicht nur die populäre Blindenlotterie, sondern auch zahlreiche Medien. So ist Once etwa im Besitz der Nachrichtenagentur Servimedia, die großteils behinderte JournalistInnen beschäftigt.
www.servimedia.es

Unter der Schirmherrschaft von Once finden sich auch eine Vielzahl von Radiostationen, zum Beispiel der Sender Onda Cero mit 187 Stationen. Auf Onda Cero sendet auch Canal 11 Programme, die von blinden JournalistInnen für blinde Menschen gemacht werden. Die Sendungen können in 40 Städten und 17 Kommunen des Landes empfangen werden.
www.ondacero.es

Um den journalistischen Nachwuchs für die vielen Medienbetriebe zu schulen, führt Once auch verschiedene Ausbildungsprogramme durch.
www.once.es

In Spanien gibt es übrigens mit Nuria del Saz beim Sender Canal 2 Andalucía eine bekannte blinde Nachrichtensprecherin im Fernsehen.
www.canalsur.es


Blick nach Südafrika

Auch Südafrika hat seit dem Ende der Apartheid 1990 mit Rhulani Baloyi eine schwarze blinde Nachrichtensprecherin, die sowohl im Hörfunk als auch im Fernsehen arbeitet – ähnlich wie auch Peter White in Großbritannien.


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