Die Berliner Mauer ist weg. Viele BerlinerInnen wissen aber, dass es in ihrer Stadt noch viele Mauern gibt, die einzureißen wären. Es sind Menschen mit Behinderungen, die auf zahlreiche Barrieren stoßen und in ihrer Mobilität schwer beeinträchtigt werden. Im Wesentlichen treffen die Berliner und Berlinerinnen auf dieselben Hindernisse wie behinderte Menschen überall: unüberwindliche Stufen, fehlende Orientierungshilfen für blinde Personen, zu enge Toiletten und Lifte, planerische Ignoranz, überfordertes Verkaufspersonal und mangelhafte gesetzliche Baurichtlinien. Berlin barrierefrei – das ist einerseits immer noch ein frommer Wunsch, andererseits auch das Anliegen einer engagierten Initiative, die Barrieren zu Fall bringen will.
Berliner Vorzeigeprojekt
Die Aktion "Berlin barrierefrei" will bewusst machen, dass tausende Menschen aus dem öffentlichen Leben
gedrängt werden, weil sie sich in ihrer Umgebung nicht frei bewegen können. Kern der Aktion ist das Signet
"Berlin barrierefrei". Es wird an Einrichtungen angebracht, welche die erforderlichen Kriterien der Barrierefreiheit
erfüllen. Mit dem Signet soll das Prädikat "Barrierefreiheit" als Qualitätsstandard für Geschäfte, Gaststätten,
Hotels, Banken, Sparkassen, Veranstaltungsorte, Museen usw. in der Öffentlichkeit auf Dauer verankert werden.
Es hebt die bereits heute schon barrierefreien Einrichtungen optisch hervor und ist zugleich Ansporn für andere,
Barrierefreiheit zu schaffen.
Fünf Grundkriterien müssen die Unternehmen erfüllen, um mit dem Signet ausgezeichnet zu werden. Das
sind: stufenloser Zugang (ggf. mit Rampe oder Lift), ausreichend breite Türen, ausreichend große Bewegungsflächen,
Orientierungsmöglichkeiten für seh- und hörbehinderte Menschen und die Markierung von gefährlichen
Glastüren und Stufen sowie personelle Unterstützung. Je nach Branche gibt es weitere Zusatzkriterien, die erfüllt
werden müssen, um das mittlerweile ziemlich begehrte Prädikat "barrierefrei" zu erhalten.
Manche BerlinerInnen mit Behinderungen kritisieren allerdings, dass das Signet zu locker vergeben werde.
Nicht alle der damit ausgezeichneten Einrichtungen seien auch tatsächlich uneingeschränkt barrierefrei. Jedenfalls
ist die Aktion ein öffentlichkeits- und medienwirksames Instrument. Entwickelt wurde sie vom Berliner Behindertenbeauftragten
Martin Marquard. Er ist auch für die Koordination zuständig und plant, die Angebote
künftig auch auf andere, nicht bautechnische Bereiche auszuweiten, etwa auf Speisekarten in Braille-Schrift,
Audiodeskription in Kinos und Theatern, Museumsführungen und Lesungen in Gebärdensprache etc.
Salzburg für alle
Auch in Österreich wird versucht, mit verschiedenen Marketingaktivitäten das Bewusstsein für Barrieren
im Alltag zu heben. Die Palette reicht von der "Infoplattform für barrierefreien Tourismus" über sprechende
Haltestellen in Linz bis hin zur Initiative "Salzburg für alle – barrierefreie Stadt", die auch international als vorbildhaft
gilt. So wurden für Salzburg ein Rahmenplan und ein Maßnahmenkatalog entwickelt und (zum Teil)
umgesetzt, die bauliche Barrieren abbauen sollen. Ein "Behindertenbeirat" und ein "Behindertenbeauftragter"
wurden installiert, ein Mobilitätspreis ausgeschrieben. All das wurde durch verschiedene PR-Maßnahmen entsprechend
begleitet. Unter anderem wurden sieben Plakataktionen durchgeführt, die auf die speziellen Bedürfnisse
und Probleme von Menschen mit Behinderungen hinwiesen. Sie sorgten für eine periodische Präsenz der
Anliegen im öffentlichen Raum und versuchten so zur Bewusstseinsbildung beizutragen.
Ähnliche Anstrengungen werden auch in anderen Städten und Gemeinden unternommen. Ein Grundproblem
dabei: So manche der Initiativen beginnen engagiert, schlafen aber bald wieder ein. Denn ein generelles Konzept
für "die barrierefreie Stadt" fehlt. Jede Gemeinde kann ihr eigenes Süppchen kochen. Dieses ist zwar
manchmal recht gehaltvoll, aber mangels übergreifender Koordination der einzelnen Aktivitäten oft auch sehr
schnell "gegessen".
Alltag raus – Österreich rein
Im heimischen Tourismus mehren sich die Zeichen barrierefreier Gastfreundlichkeit. Die Aktivitäten reichen von Broschüren über rollstuhlgeeignete Quartiere, wie sie etwa der Oberösterreich-Tourismus herausgebracht hat, bis hin zu Führungen für sehbehinderte Menschen, wie sie etwa im Nationalpark Donauauen durchgeführt werden. Zu den Initiativen, die überregional informieren, zählt die "Infoplattform für barrierefreien Tourismus" des ÖHTB (Österreichisches Hilfswerk für Taubblinde und hochgradig Hör- und Sehbehinderte). Dieses Datenbankprojekt sammelt, sichtet und koordiniert Angebote für barrierefreien Tourismus in ganz Österreich und bietet dazu aktuelle Informationen im Internet. Ein systematischer Ansatz, an dem sich die offizielle Österreich- Touristik ein Vorbild nehmen könnte. Denn zumindest im Web lässt sich eine vernetzte, gezielte und aktive Promotion für einen barrierefreien Tourismus in der Alpenrepublik noch nicht ausmachen.
Barrierefrei mit Plan
Ein Programm, das bereits in Innsbruck, Graz und Gmunden verwirklicht worden ist, wird neuerdings auch in Wien umgesetzt: Der "tastbare Stadtplan", der stark sehbehinderten oder blinden Menschen die Orientierung in fremder Umgebung erleichtert. Als Teilplanbündel aus Reliefdruckfolien ist der Stadtplan transportabel, wenn auch ein wenig sperrig; als große Relieftafel, mit zusätzlichen tastbaren Informationen frei aufgestellt (z.B. auf dem Grazer Hauptplatz), erlaubt er sehbehinderten Reisenden, ihren Weg durch die Stadt zu planen und zu finden.
Mauer im Bewusstsein
Nicht zuletzt deshalb, weil es viele Tourismusverantwortliche offenbar nicht interessiert, ob ein Hotelzimmer
mit dem Rollstuhl tatsächlich erreicht und benützt werden kann, sind immer noch schwere Mängel im
barrierefreien Bauen bei Hotels und Gastgewerbebetrieben zu orten. Oft ist für behinderte Menschen tagelange
Recherche nach einem geeigneten Lokal notwendig, nur weil sie mit Freunden essen gehen wollen. Kein Wunder,
bei den vielen unterschiedlichen Bauordnungen in Österreich. Alltag in Österreich.
Fragt sich, was speziell Unternehmen daran hindert, zumindest für barrierefreie Zugänge zu sorgen.
Immerhin werden für solche Umbauarbeiten 50 Prozent der Kosten von der öffentlichen Hand übernommen. Außerdem
wird eine ernstzunehmend große Zielgruppe vernachlässigt. Es geht dabei nicht nur um die Menschen mit Behinderungen – immerhin
rund 10 Prozent der österreichischen Bevölkerung. Auch ältere Menschen oder Menschen mit Kinderwagen würden sich über
barrierefreie Eingänge, mehr "Rangierraum", verbesserte Orientierungsmöglichkeiten oder über größer geschriebene Preistaferln
freuen. Als bislang einzige Supermarkt-Kette hat beispielsweise ADEG mit den so genannten "50+"-Märkten diese Lücke zu füllen
begonnen. Die meisten Firmen verzichten jedoch aufgrund von Unwissen oder blanker Ignoranz nicht nur auf wesentliche
Käuferschichten, sondern auch auf eine ganz simple aber sehr Erfolg versprechende Möglichkeit der Imagewerbung.
Und genau da setzt "Berlin barrierefrei" an. Durch den gelben Aufkleber (Signet) und durch begleitende Marketingaktivitäten
(Internet-Seite, öffentliche Auszeichnungen, Pressearbeit etc.) profitieren die ausgezeichneten Unternehmen gegenüber der
Konkurrenz, die an dem Programm nicht teilnimmt. Sicher werden mit dem Berliner Vorzeigeprojekt nicht alle Mauern eingerissen,
aber es ist eben ein erster Schritt in die richtige Richtung.
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