Visuelle Welten

Die deutsche Pädagogin und Fotografin Simone Boog hat sich in ihrer Examsarbeit an der Humboldt-Universität Berlin mit der „Darstellung von Menschen mit einer Körperbehinderung in der Fotografie“ befasst. In einer kurzen Zusammenfassung stellt sie ihre Erkenntnisse zur visuellen Rhetorik vor.


Menschen mit einer Behinderung bezeichnen das „Angestarrtwerden“ als eine der prägnantesten sozialen Erfahrungen innerhalb ihres „Behindertseins“. Die Fotografie bietet dem/der BetrachterIn die Möglichkeit des hemmungslosen „Starrens“, wobei sich je nach Absicht des Fotografen/der Fotografin und des Modells die Beziehung zwischen dem/der BetrachterIn und der dargestellten Person unterschiedlich gestalten lässt. Man kann hier von dem Begriff der „visuellen Rhetorik“ sprechen, der sich als die „Überredungskunst“ einer Fotografie beschreiben lässt. Im Folgenden werden verschiedene visuelle Rhetoriken erläutert, die sich auf die Klassifizierung von R. Garland Thomson1 beziehen und diese erweitern.

Die Rhetorik der Bewunderung ist die älteste Darstellungsweise von Menschen mit einer Behinderung. Das betrachtete Objekt wird innerhalb dieser Rhetorik auf eine erhöhte Position gesetzt. Sie erstaunt und inspiriert den/die BetrachterIn, indem sie Dinge vollführt, die sich der nichtbehinderte Mensch nicht vorstellen kann. So zeigt beispielsweise eine Fotografie des 19. Jahrhunderts einen jungen Mann namens Charles Tripp, genannt das „Armlose Wunder“. Er sitzt auf einem Stuhl, auf dem Tisch vor ihm steht ein Teegedeck. Sein linker Fuß hält eine Gabel zwischen den Zehen. Da die zu betrachtende Person Dinge in einer Umgebung vollzieht, die dem/der BetrachterIn vertraut sind (an einem Tisch sitzen und essen), wird ihm/ihr die Möglichkeit gegeben, sich mit dem Objekt der Betrachtung zu identifizieren. Es löst Ehrfurcht und Bewunderung aus, dass die behinderte Person die vertrauten Handlungen ganz anders auszuführen vermag. Dabei liegt der visuelle Schwerpunkt auf der körperlichen Differenz. Das Merkmal der Beeinträchtigung wird innerhalb eines vertrauten Kontextes präsentiert und der/die BetrachterIn wird so dazu veranlasst, die Beeinträchtigung eher als Ausnahme denn als die Regel zu begreifen. Die rhetorische Absicht, die sich dahinter verbirgt, besteht weniger darin, den/die BetrachterIn, der/die sich selbst als nichtbehindert wahrnimmt, zu demütigen. Vielmehr geht es darum, die Außergewöhnlichkeit des behinderten Körpers zu verdeutlichen, um so die Gewöhnlichkeit des Betrachters/der Betrachterin zu unterstreichen.

Während der Blick der Bewunderung die behinderte Figur über den/die BetrachterIn erhöht, platziert der sentimentale Blick den Menschen mit einer Behinderung unterhalb des/der Beobachters/in. Dargestellt in der Position des sympathischen Opfers oder des hilflosen Leidenden, der Unterstützung und Schutz benötigt, erfährt das behinderte Subjekt eine metaphorische Minimierung. Hauptsächlich bedienen sich die Werbungen der Wohlfahrtsverbände dieser sentimentalen Rhetorik, um beim betrachtenden Publikum Mitleid zu erregen.

Wiewohl der bewundernde ebenso wie der sentimentale Blick auf behinderte Menschen den/die BeobachterIn erhöht oder hinabsetzt, wird ein gewisser Grad der Identifizierung doch zugelassen. Die exotische Rhetorik hingegen verwandelt den Menschen mit einer Körperbehinderung in eine befremdliche, sensationalisierte und unterhaltende Figur, die sich besonders durch ihre Andersartigkeit und Befremdlichkeit von dem/der BeobachterIn abgrenzt. Im exotischen Blick verschafft sich die beobachtende Person hauptsächlich Distanz zu der abgebildeten Figur. Die behinderte Person wird dabei in übertreibender Weise andersartig dargestellt, oftmals erotisiert, mit dem Ziel, Faszination hervorzurufen. Das Foto „Jüdischer Riese“ von Diane Arbus bedient sich z.B. der exotischen Rhetorik, um die „Andersartigkeit“ des großen Modells sensationell ins Bild zu setzen.2

Die vierte visuelle Rhetorik ist die Rhetorik des Realistischen, auch als die Rhetorik der Gleichheit bezeichnet. Sie will die behinderte Person nicht als eine Figur präsentieren, die sich von dem/der BeobachterIn unterscheidet, sondern soll es ihm/ihr ermöglichen, sich mit der dargestellten Person identifizieren zu können. Im Gegensatz zu den Rhetoriken der Bewunderung, des Sentimentalen oder des Exotischen wird das fotografierte Subjekt nicht metaphorisch „vergrößert“ oder „verkleinert“ dargestellt, sondern dem/der BetrachterIn „auf gleicher Ebene“ gegenübergestellt. Die Behinderung erfährt so eine „Normalisierung“ und oftmals eine Minimalisierung. Indem die Behinderung als ein „selbstverständliches“ Attribut des Portraitierten ins Bild gesetzt wird, soll die Nähe zwischen BetrachterIn und dargestellter Figur gefördert werden. Hauptsächlich zielt der Realismus darauf ab, die Körperbehinderung zu routinieren und als etwas „Gewöhnliches“ abzubilden.

Innerhalb der vier genannten Arten der Rhetorik wird „Behinderung“ immer durch die Visualisierung der Beeinträchtigung definiert und kategorisiert, ohne jedoch auf weiterführende Konsequenzen und Erfahrungen einzugehen, die sich für den beeinträchtigten Menschen daraus ergeben.

Die fünfte Rhetorik, die sich als ein Zusatz zur realistischen Rhetorik begreifen lässt, möchte ich die Rhetorik der Vermittlung nennen. Die Fotografien, die sich dieser Art der Rhetorik zuordnen lassen, visualisieren persönliche Erfahrungen von Behinderung, die über die bloße Teilhabe der Modelle an dem Bildfindungsprozess hinausgeht. Die Modelle versuchen sich dem/der BetrachterIn mit Hilfe des fotografischen Mediums mitzuteilen, entweder nach einer intensiven Auseinandersetzung mit dem/der FotografIn oder im Falle der Selbstinszenierung mit sich selbst. Als Beispiel dafür möchte ich die Arbeit von Martin Bruch erwähnen.

Der in Wien lebende Tiroler hat Multiple Sklerose und bewegt sich seit Jahren auf Rädern durch die Welt. Anfangs auf einem Trittroller, heute, wo das nicht mehr möglich ist, vorwiegend mit dem Handbike. Seine Erkrankung hat ihn zu ungewohnten künstlerischen Perspektiven geführt. Infolge von Gleichgewichtsstörungen stürzte Bruch immer wieder zu Boden. Er wurde zu einem „Fachmann für die Froschperspektive“, wie es in einem Artikel (Falter 14/2003) heißt, und hatte stets eine Einwegkamera zur Hand, mit der er seine Landungen festhielt. Im Mai 1996 entstand sein erstes Foto und bis zum Juli 2000 kam es zu mehr als 300 Stürzen, die alle in dem Fotoband „Bruchlandungen“3 abgebildet sind. Die Fotos sind penibel mit Angaben zu Ort, Datum und Uhrzeit des jeweiligen Sturzes versehen. Sie zeigen aus der Position des Gestürzten Gesichter von potenziellen Helfern oder Wegschauern, die von oben herab mitleidig, erschrocken oder überrascht auf ihn blicken. Manchmal ist auch nur eine Hauswand oder ein Stück Himmel zu sehen. Martin Bruch fotografiert in einem Moment der Hilflosigkeit und Verletzlichkeit einen Ausschnitt seiner Umgebung, der er sich ausgeliefert fühlt. Damit lässt er den/die BetrachterIn teilhaben an seiner Situation. Mit dem experimentellen Dokumentarfilm „handbikemovie“ hat Martin Bruch 2003 ein weiteres Stück Lebenserfahrung dokumentiert. Der subjektive filmische Reisebericht basiert auf mehr als 16.000 Kilometern mit dem Handbike quer durch die Welt. Martin Bruch hat die Filmbilder mit einer eigens konstruierten Helmkamera eingefangen. So nimmt er die ZuseherInnen mit auf seine Reise und vermittelt authentisch seine Sicht der Welt.

Visuelle Rhetoriken und Fotografien, die sich der Bildsprache der „Vermittlung“ bedienen, können – über die bloße (ästhetisierende) Inszenierung von Menschen mit einer Behinderung hinaus – das „Verständnis“ zwischen den Individuen fördern.


Literaturhinweise:

1 Die amerikanische Wissenschaftlerin R. G. Thomson stellt die Unterteilung in folgendem Aufsatz vor:
Seeing the disabled: Visual Rhetorics of Disability in Popular Photography.
In: Longmore, 2001, S. 335-374
(zurück zum text)

2 Arbus, D.: Diane Arbus. An Aperture Monograph.
Millerton, New York 1972
(zurück zum text)

3 Bruch, M.: Bruchlandungen.
Haymon Verlag, Innsbruck 2000.
(zurück zum text)


Literaturtipp:

Boog, Simone: Die Darstellung von Menschen mit einer Körperbehinderung in der Fotografie.
Shaker Verlag, Aachen 2004. 188 Seiten. ISBN 3-8322-3260-5


Seitenanfang

© MAIN_Medienarbeit Integrativ
Wien 2005