Niemand wird daran zweifeln, dass blinde oder sehbehinderte Personen Gefallen am Sprechtheater finden oder sich für Podiumsdiskussionen interessieren. Manchmal haben sie auch schlicht das Bedürfnis, in einem Geschäft Milch zu kaufen oder irgendwo das WC und schließlich den Ausgang zu finden. Es gibt Vieles, das interessant, begehrt oder einfach notwendig ist. Nur ist es oft nicht zu finden oder – und das ist noch schlimmer – es ist nichts davon zu erfahren.
Blinden und sehbehinderten Menschen bereitet im Alltag weniger das geringe
Sehvermögen Probleme. Vielmehr "leiden" sie darunter, dass
ihre Fähigkeiten sich zu informieren und zu orientieren falsch eingeschätzt
oder gar nicht beachtet werden.
Ein großes Problem ist die Orientierung in unbekannten Gebäuden. Nicht
wegen der Gefahr, über Stiegen zu fallen oder gegen Wände zu laufen,
wie manche meinen könnten. Die Kompetenz, sich in der Öffentlichkeit
zu bewegen, kann bei nahezu allen sehbehinderten und blinden Menschen vorausgesetzt
werden. Aber ein hoch aufgelöster Lageplan (im Internet, per Versand,
am Türeingang zum Mitnehmen oder etwa auch als Beilage in einer Speisekarte)
wäre nicht nur für sehbehinderte Personen eine riesige Hilfe. Auch
Hinweisschilder in öffentlichen Gebäuden, Gaststätten, Kaufhäusern
und ähnlichen "Institutionen" sollten ihren eigentlichen Zweck,
gut sichtbar Hinweise zu geben, erfüllen.
Werden in Geschäften Produkte in großem Stile neu platziert, bedeutet
das für sehbehinderte KundInnen zurück an den Start. Sie müssen
sich den Weg zu den Produkten neu und mühsam erarbeiten. Ähnliches
gilt auch für "Umstrukturierungen" in öffentlichen Gebäuden.
Im Zuge solcher Veränderungen wäre es hilfreich, sehbehinderte Menschen
entsprechend zu informieren.
Blinde und sehbehinderte Menschen haben den Anspruch, sich eigenständig
bewegen zu können und für sie lesbare Informationen zu erhalten.
Fragen kostet zwar (oft) nichts, aber um Hilfe zu bitten, bedeutet immer auch
eine gewisse Aufgabe von Souveränität und Privatheit.
Sehbehinderte Menschen leiden erstaunlicherweise nicht an einem Zuwenig, sondern
oft an einem verwirrenden Zuviel an Information. Ein voll geschriebenes Blatt
an einer bunten Pinwand in drei Schriftgrößen und -farben überfordert
viele, deren Gehirn damit leben lernen musste, dass nur wenige und deutlich
geschriebene Worte auf einmal wahrgenommen und gelesen werden können.
Ähnliches gilt für übervolle Auslagen und Regale. Dazu kommt,
dass die Augen von sehbehinderten Personen beim Lesen Fixpunkte und eine klare
Struktur brauchen. Grafiken, Verläufe, Verschnörkelungen und andere
Effekte können zur völligen Unlesbarkeit führen und senken
die Lesegeschwindigkeit. Daher sollte bei Beschriftungen mit Stilelementen
gespart werden, aber nicht bei der Schriftgröße.
Für Menschen mit Sehbehinderungen gilt ein Spruch nicht: "Bilder
sagen mehr als tausend Worte!" Sie sind abhängig von jeder Information,
die als Text und/oder Ton vorliegt. Das Bild eines Pullovers kann noch so
toll sein, erst wenn möglichst die Größe, die Farbe, das Muster,
die Schnittform und der Preis les- und/oder hörbar sind, kann eine Kaufentscheidung
getroffen werden. Gleiches gilt für Informationen zu Konzerten, Kongressen
und anderen Veranstaltungen: Sehbehinderte oder blinde BesucherInnen wollen
vor allem wissen, was dort passiert und wie sie dort hinkommen. Entzieht sich
diese Information ihren Wahrnehmungsmöglichkeiten, kann es sein, dass
ein Konzert oder ein Theaterstück ohne sie stattfindet.
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