Der gebürtige Salzburger Sigo Bachmayer lebt derzeit in Wien, ist als EDV-Trainer tätig und hat bereits einige Kurzfilm-Projekte realisiert. Der gehörlose Lebenskünstler will seine visuell-kreativen Fähigkeiten weiter ausbauen und plant eine Karriere als freischaffender Filmemacher. Bei einem Studienaufenthalt in den USA hat er nicht nur Kenntnisse der Filmarbeit und der American Sign Language erworben, sondern auch Selbstvertrauen. Der selbstverständliche Umgang mit gehörlosen Menschen, den er dort erlebte, hat ihn beeindruckt. Seine Geschichte gibt Einblicke in den Werdegang eines jungen gehörlosen Menschen und vermittelt auch einen Eindruck vom Schreibstil eines Autors, der nicht in der deutschen Lautsprache, sondern in der Gebärdensprache zu Hause ist.
Ich wurde an einem wunderschönen Sonntag im fünften Monat des Jahres 1975 früh geboren und fühlte mich nicht dabei, ein Handicap zu haben und gehörlos zu sein, während ich aufwuchs. Man sah mich mit Mitleid an und dachte: „Oje, ein armer Bub“. Dabei fühlte ich mich voll motiviert und wild und unternahm sehr viel an Sport- und Turn-Therapieaktivitäten. Mit drei Jahren begann ich, das Schifahren zu lernen und den Kinderlift dank der Hilfe der Mutter zu benutzen. Ich übte und lernte die Schiwelt in den Bergen kennen. Mit vier oder fünf Jahren bettelte ich den Vater an, das Dreirad abzumontieren. Er machte sich Sorgen und weigerte sich, die kleinen Räder abzumontieren, da wurde ich stur und schrie ihn an. Meine Mutter sagte ihm, er solle tun, was ich ihm sagte. Geschafft! Dann stieg ich voller Freude auf das Rad und brauste davon, während die Eltern mir voller Sorge nachliefen und völlig überrascht zusahen, wie ich trotz keiner vorherigen Übung wie ein kleiner Profi herumradelte.
Mit sechs Jahren kam ich wie jeder Erstklassler in die Schule, in die Sonderschule für die gehörlosen und schwerhörigen Kinder in Salzburg. An jedem freien Wochenende fuhr ich heim zu den Eltern. Im folgenden Schuljahr weinte ich am Ende jedes Wochenendes. So bemerkte meine Mutter, dass ich mit der Schule in Salzburg unzufrieden war. Die Lehrer meinten, ich wäre zu faul zum Lernen, obwohl das nicht stimmte. Dann begann für meine Mutter ein sechsjähriger „Krieg gegen die Schule und den Schuldirektor und die niedrige Gehörlosen- Schulbildung“, bis ich die Schule wechselte. Bevor der Wechsel stattfand, schaffte ich die Aufnahmeprüfung beim Schulpsychologen, der dann dem Hauptschuldirektor per Telefon das grüne Licht zu meiner so genannten „steilen Schulkarriere“ gab.
Als die Hauptschule im September wie jedes Jahr öffnete, begann das alltäglich endlose Lernen. In den Schuljahren von 1981 bis 1998 war ich praktisch ein Außenseiter, am Rande der gehörlosen als auch der hörenden Gesellschaft und in der Schule, wobei ich fast keine Freizeit mit den so genannten Freunden aus dem Ort verbrachte.
Als ich den Hauptschulabschluss 1991 schaffte, wollte ich gleich in die Höhere Technische Lehranstalt. Meine Mutter meinte aber, ich soll ein Jahr in die Fachschule gehen, um zu sehen, ob ich die noch bevorstehende schwierige Schulzeit schaffen könnte. Schließlich bestand ich nach dem ersten Schuljahr in der landwirtschaftlichen Fachschule in Bruck die Aufnahmeprüfung für die Höhere Technische Lehranstalt im dritten Wiener Bezirk. Aber die Mutter drohte mir mit der Lehre im Finanzamt, falls ich das Zeugnis im ersten HTL-Jahr nicht positiv nach Hause bringen würde. Trotz der Schwierigkeiten mit den Professoren wies ich ihr realistisch das Gegenteil der Drohung auf.
Die Jahre vergingen. Als die Reifeprüfung näher rückte, flog ich in den Osterferien 1998 in die Vereinigten Staaten, um die Gallaudet University in Washington zu besichtigen. Dort war ich so sprachlos, dass alle gleichbehandelt werden, sogar die Polizei in Washington und Umgebung wusste die amerikanische Gebärdesprache im Umgang mit den gehörlosen Menschen zu schätzen. Nach der Heimkehr nach Wien investierte ich in das Lernen für die Reifeprüfung, die dann den teilweise schwierigen Lebensabschnitt der Schulzeit und des kommunikativen Umgangs mit den Menschen in der alten Welt abschloss. Ein neuer Lebensabschnitt in einem fremden Land begann. Erst in den folgenden Studienjahren in den USA wurde mir weitergeholfen, meine kreativ-exzentrischen Talente zu entwickeln.
Von der Matura-Reise aus Griechenland zurück, bestellte ich sogleich ein Flugticket direkt nach Washington. Ich besorgte mir noch einen neuen roten Pass samt Visum der amerikanischen Botschaft und flog schließlich in Richtung Washington D.C. ab. Dort angekommen, dachte ich erschöpft, dass mich niemand vom Flughafen International Dulles Airport abholen würde und niemand auf mich wartete. Ich war ganz allein auf mich gestellt und fragte jemanden von der Informationsstelle des Flughafens. Ich gab an, dass ich gehörlos bin und bekam sofort die nötige Information in der auf dem Papier geschriebenen Kommunikation. Mir gefiel die Freundlichkeit des Mannes am Flughafen und ich bemerkte nicht die geringste der sonst so typischen Eigenschaften gegenüber behinderten Menschen, nicht die geringste Zaghaftigkeit oder Scham oder Mitleid. Ich war total überrascht von der Einfachheit, also der Sicherheit im Umgang mit diesem „geschriebenen Gespräch“.
Anschließend nahm ich einen Shuttle-Bus und kam zwei Stunden später in der Universität an. Am Eingang der Universität wurde ich von der universitätseigenen Polizei, der so genannten University Security, aufgehalten und befragt. Ich erzählte, dass ich gerade aus Europa angekommen bin – zu dieser späten Nachtstunde – und wurde zum „Polizei-Revier“ der University Security geschickt. Dort meinten die Beamten, dass ich morgen vorbei kommen sollte, um die nötigen Dokumente auszufüllen, ohne das Wort „Zimmer“ nur zu erwähnen. Ich habe ein bisschen Englisch und kein Wort der amerikanischen Gebärdesprache verstanden, die ein Beamter benutzte. Da wurde ich, nach 14 Flug- und zwei Fahrtstunden, sehr müde und ungeduldig. Ich sagte, gebärdend in der österreichischen Gebärdensprache, dass ich ein Zimmer zum Übernachten brauche und bot an, dass ich am nächsten Tag frisch und munter in aller Ruhe alle nötigen Formulare ausfüllen werde. Letztlich stand ich dann vor der Tür eines Studentenheims, begleitet von Beamten der University Security, und hatte ein Zimmer.
In den ersten zwei Jahren an der Gallaudet University machte ich mein Studium in den Bereichen der Politik- und Computerwissenschaften. In der Freizeit lernte ich neue Leute aus den Staaten und aller Welt kennen. So lernte ich die amerikanische und internationale Kulturen kennen. Die Vielfältigkeit und Perspektiven dieser Multikulturen förderten meine geistigen Fähigkeiten. In diesen Kulturen gab es viele Diskussionen über die Politik, das Geschehen des alltäglichen Lebens, Religionsfragen oder Kulturenkonflikte zwischen den Amerikanern und Europäern. Diskussionen, die nichts mit Gehörlosigkeit und Behinderung zu tun hatten, obwohl alle gehörlos und hörend, aber auch Gebärdensprach-Benutzer waren.
Ich kaufte mir ein Auto, um die Umgebung und weite Entfernungen besser kennen zu lernen und zu erweitern, da das Transportsystem Amerikas katastrophal ist im Vergleich zum europäischen Transportsystem. Ich unternahm viel in weiten Wegen an Wochenenden und in den Ferien. Die Reisen gingen nach West Virginia, Vermont, Maryland, Washington D.C., Pennsylvania, Virginia, Kenntucky, Tennessee, Alabama, Georgia, New York, New Jersey, Nebraska, Kansas und Iowa.
Um finanziell zu überleben, arbeitete ich neben dem Studium als Nachhilfe-Lehrer (als Master Tutor vom Tutorial Center geehrt) in Mathematik und Deutsch. Im Sommer 2000 traf ich einen Amerikaner, der mein Leben total veränderte: Er erzählte mir vom Filmstudium an der New York University und ich bewarb mich dort für einen Filmstudienplatz. Ich änderte völlig meinen Lebens- und Kleidungsstil. Ein neuer, eigenartiger Stil.
Als ich die Zusage von der New York University erhielt, meldete ich mich von der Gallaudet University ab und wanderte sofort nach New York aus. Dort übernachtete ich bei einer der berühmten Gebärdensprach-Dolmetscherinnen in Manhattan, die mir dann auch bei der schwierigen Wohnungssuche half. Natürlich gehörte das wilde Nachtleben New Yorks auch dazu.
Während des Filmstudiums erwarb ich viel an technischen Kenntnissen und führte einige Studienprojekte erfolgreich durch, während meine visuell-künstlerischen Fähigkeiten rasant anwuchsen. Das Geheimnis des visuell-künstlerischen Talents liegt in den Augen, die scharf jede winzige Bewegung und den Fluss im Filminhalt wahrnehmen, als wäre es als eine akustische Musik produziert, wo die Lieder mit ihren Musiknoten zusammenpassen und in einem bestimmten Raum der akustischen Wahrnehmung „ausstrahlen“. Die Augen beherrschen (fast ähnliche) visuelle Naturgesetze wie das Gehör die akustischen Naturgesetze. Ohne die Gehörlosigkeit hätte ich keine Möglichkeit, den visuellen Sinn zu erfassen und erklärend umzusetzen. Schließlich erhielt ich ein spezielles Projekt von meinem Professor, bei dem ich einen Trailer für „Requiem for a Dream“ erfolgreich zusammenschnitt.
Ich machte an der Uni weitere Projekte und hatte die Zusage für einen Job in der 44sten Straße am Broadway. Aber ich spürte eine starke Intuition, die mich aus den Vereinigten Staaten nach Österreich „heimschickte“. Ich wusste nicht einmal genau, aus welchem Grund ich das Land verlassen wollte, ich spürte wohl schon die eigenartigen Wellen nach der Wahl des US-Präsidenten und entschied mich zur Rückkehr.
Als ich Anfang Juni 2001 wieder in der alten Welt erschien, dachte ich zuerst, dass sich während meiner dreijährigen Abwesendheit in Österreich etwas gebessert hätte. Ein Bekannter hatte mir einen Job als EDVTrainer zugesagt. Leider wurde ich zunächst einmal enttäuscht und rutschte in einen tief liegenden Kulturschock. Jeder Mensch hat mal Höhen und Tiefen in seinem Leben. Zuerst dachte ich: Veni, vidi, vici – ich kam, sah – und dann der Schock. Mir kam Österreich wie ein unterentwickeltes Land vor, mit einem engen Horizont. Die Essenskultur und der Umgang mit den Freunden hier inspirierten mich schon, aber die Menschen hier, die nie mit behinderten Menschen zu tun hatten, bremsten mich durch ihre Art und Weise voller Unsicherheit.
Die Lebenseinstellung der Österreicher ist nicht vergleichbar mit den Amerikanern und den Europäern, die ich in den USA getroffen hatte. Die Umstellung und Eingewöhnung waren schwierig. Ich wollte mich nicht wieder dieser österreichischen Denkweise unterordnen und blieb bei meiner internationalen Perspektive. Ich brauchte aber eine gewisse Zeit und Mut, um trotz der Schwierigkeiten mit der soziokulturellen Umgebung in Österreich meine persönlichen Ziele privat und beruflich weiter zu verfolgen.
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