JournalistInnen haben eine Vermittlerfunktion. Eine ihrer Aufgaben ist es, über Menschen mit Behinderungen so zu schreiben, dass nichtbehinderte LeserInnen im Anderssein nicht nur Gegensätze, sondern auch Gemeinsamkeiten erkennen. Gleichzeitig sollen sich die behinderten LeserInnen in den Texten korrekt beschrieben und nicht abgewertet fühlen. Gehen wir davon aus, dass JournalistInnen nach bestem Wissen und Gewissen arbeiten. Bleibt die Frage, warum dennoch viele Artikel dem Anspruch der realistischen Vermittlung nicht gerecht werden. Eine denkbare Antwort wäre, dass es sich bei vielen Geschichten um mythologische Bruchstücke handelt.
Ein Mythos ist eine von vielen Menschen geteilte Phantasievorstellung. Ein Mythos braucht wenig Realistisches, um Identität zu stiften und Unterhaltung zu bieten. So werden die großen Unbekannten im Leben wie Krankheit, Leid und Sterben nicht nur in Märchen und Sagen gebannt, sondern auch in Medienberichten. Menschen mit Behinderungen sind ihre HeldenInnen, sie leiden und meistern, sind anders. Da werden Geschichten zum Thema Behinderung etwa mit Titeln „Eintauchen in eine andere Welt“ oder mit „Uneinholbares Fremdsein“ versehen. Mit der Realität haben die meisten Artikel über behinderte Personen nur wenig am Hut. Im Gegenteil. Die Geschichten werden zu Märchen aufgebauscht, Menschen zu HeldenInnen stilisiert. Eine gehörige Portion Pathos meist inbegriffen. Nach dem Motto „Das Beste aus dem Leben machen. Nicht aufgeben!“ wird berichtet, wie es behinderte Menschen schaffen, „aus den Tränen ein Lächeln zu machen“ oder „aus der tiefen Betroffenheit neuen Optimismus zu entwickeln“. Auf mythologische Bruchstücke – wenig Wirklichkeit und viel Gefühl – verweist auch das martialisch klingende Vokabular, das oft mit Behinderung einhergeht. So „kämpfen“ in vielen Artikeln behinderte oder kranke Menschen ihren „alltäglichen Kampf“ gegen eine unheilbare Krankheit, gegen ein furchtbares Schicksal, gegen den Tod. Wie es auch anders gehen kann, zeigt ein Artikel über das selbstbestimmte Leben einer behinderten Frau. Trotz der kriegerischen Überschrift: „Kampfgeist und Mut, hart erkämpft, was für andere selbstverständlich ist“ wird in diesem Beitrag ohne Leid und Last aus dem Alltag berichtet: „Ein Elektrorollstuhl sorgt für Mobilität, die persönlichen AssistentInnen für den reibungslosen Ablauf der täglichen Bedürfnisse. Nach einer Fotoausstellung, die sie initiiert hat, steht nun ein Filmprojekt mit dem Titel ‚Andrea – selbstbestimmt leben mit Assistenz' auf dem Programm.“ (Salzburger Nachrichten, 20.2.2004).
Es sind einfache Mythen, die immer wieder in den Medien strapaziert werden. In der Erhöhung oder Erniedrigung werden Menschen mit Behinderungen als außerhalb der Gesellschaft befindlich betrachtet und dargestellt. Die Angst vor Fremdem, Krankheit und Leiden wird so gebannt und auf ihren Platz verwiesen. So gesehen leisten die kleinen mythologischen Bruchstücke eigentlich recht viel. Bleibt die Frage, für welches Publikum? Viele LeserInnen mit Behinderungen fühlen sich durch den zitierten Schreibstil diskriminiert. Sollte Journalismus nicht besser seinem Publikum eine reale Welt – abseits von Mythos und Mitleid – vermitteln?
Seitenanfang