Barrierefreie Museen und Ausstellungen gelten auch unter Insidern als Herausforderung in Bezug auf Design und Didaktik. Die zu klärenden Fragen reichen dabei vom Orientierungssystem über die Auswahl bis hin zur Präsentation der Exponate.
Nach den ethischen Richtlinien für Museen von ICOM (International Council of Museums) "... müssen Gebäude und Einrichtungen eines Museums geeignet sein, diesem die Erfüllung seiner grundlegenden Aufgaben zu ermöglichen: Sammeln, Forschen, Lagern, Bewahren, Vermitteln und Ausstellen. Alle Auflagen des Gesetzgebers bezüglich Gesundheit, Sicherheit und Zugänglichkeit sind umzusetzen. Dabei sollte auch Rücksicht auf die speziellen Bedürfnisse behinderter Menschen genommen werden. ... Das Museum hat die wichtige Aufgabe, seine bildungspolitische Funktion weiterzuentwickeln und ein immer breiteres Publikum aus allen Bereichen der Gesellschaft ... anzuziehen. Es sollte diesen Menschen Möglichkeiten bieten, sich im Museum zu engagieren und seine Ziele und Aktivitäten zu unterstützen. Für die gesellschaftliche Funktion des Museums ist die Interaktion mit den Bevölkerungsteilen, die sein potentielles Publikum bilden, äußerst wichtig ..."
Menschen mit Behinderungen sind eine wichtige Zielgruppe von Museen und Ausstellungen, die wie alle anderen BesucherInnen kulturelle Angebote nützen wollen. Dies zeigt klar, wie wichtig es ist, neue Standards zu erarbeiten, um Inhalte und Qualität einer Ausstellung allen Bevölkerungsgruppen zu vermitteln. Derzeit wird in Österreich unter Barrierefreiheit hauptsächlich der rollstuhlgerechte Zugang zu einer Ausstellung verstanden, der in einigen kulturellen Institutionen bereits vorbildlich geschaffen wurde. Barrierefreiheit bedeutet jedoch wesentlich mehr als rollstuhlgerecht: Vor allem blinde, sehbehinderte und gehörlose Personen werden nach wie vor von visuellen und akustischen Vermittlungsstrategien in Ausstellungen ausgeschlossen. Daher müssen bereits bei der Konzeption eines Museums/einer Ausstellung speziell Infrastruktur und Gestaltungsformen für Menschen mit Behinderungen berücksichtigt werden. Die barrierefreie Präsentation der Ausstellungsinhalte erfordert eine enge Kooperation von Wissenschaft, Gestaltung, Vermittlung und ExpertInnen in eigener Sache. Dabei sind Besucherorientierung, Präsentation und Didaktik immer unter dem Aspekt des freien Zugangs für alle zu betrachten.
Multisensorisches Design - inklusive Gestaltung
Ausstellungen bedienen sich seit jeher der visuellen und akustischen Vermittlung ihrer Inhalte. Um Ausstellungen für sehbehinderte und blinde BesucherInnen erfahrbar zu machen, ist zunächst ein klares und durchgängiges Leitsystem erforderlich. Taktile Überblicks- und Orientierungspläne im Eingangsbereich geben erste Informationen über Größe und Inhalt der Ausstellung. Die Ausstellungsräume mit ihren kreuz und quer im Raum angeordneten Vitrinen, Inszenierungen und didaktischen Elementen bilden oft unübersichtliche "Hindernisrouten". Eine taktile Detailorientierung mittels Raumplänen und zusammenfassenden Raum- bzw. Thementexten schafft hier Abhilfe: Der eigene Standort wird angezeigt, über die Lage der Vitrinen und betastbaren Objekte wird informiert. Für jeden Themenbereich werden Leitobjekte definiert, die frei präsentiert werden und zum Betasten auffordern. Wenn dies - etwa aus konservatorischen Gründen - mit dem originalen Objekt nicht möglich ist, wird eine Kopie eingesetzt. Die ausgewählten Objekte legen einen "roten Faden" durch die Ausstellung und ihre musealen Inhalte und ermöglichen eine aktive Auseinandersetzung.
Wichtige zweidimensionale Exponate wie Dokumente und Fotos werden mit einer transparenten Folie überlegt, in der die dargestellten Inhalte in Braille oder als Relief tastbar und damit sinnstiftend erfahrbar werden. Die Umsetzung von Schrift und Bild in taktile Relieffolien erfolgt mittels einer aus der Verpackungsindustrie kopierten Methode, dem Tiefziehverfahren. Die Wahrnehmung von nicht-sehbehinderten Menschen ist dadurch in keiner Weise beeinträchtigt. Im Gegenteil: Die Hilfsmittel werden bewusst in die herkömmliche Ausstellungsgestaltung integriert, so dass eine Vermittlung für Menschen mit Behinderungen nicht "exklusiv" und außerhalb des eigentlichen Ausstellungsrahmens erfolgt. Selbstverständlich eignet sich auch der Einsatz von Audioguides als Orientierungshilfe und akustisches Informationssystem. Um Ausstellungsinhalte gehörlosen Personen zugänglich zu machen, können analog zu den wichtigsten Aspekten Video-Stationen eingerichtet werden. Die Videos zeigen wesentliche Ausstellungstexte von DolmetscherInnen in Gebärdensprache übersetzt. Gehörlosen BesucherInnen werden damit neben den schriftlichen Informationen die Inhalte adäquat und auf einem für sie bequemen Weg vermittelt. Easy to Read-Texte erleichtern für Menschen mit Lernproblemen das Lesen der Ausstellungstexte, wie überhaupt eine einfache und verständliche Sprache im Museum eine Selbstverständlichkeit sein sollte.
Die multisensorische Präsentation bewirkt über die bloße Inhaltsvermittlung hinaus, dass völlig unaufdringlich die Ansprüche und Wahrnehmungsformen von Menschen mit Behinderungen ins Blickfeld rücken. Damit setzt ein dringend notwendiger Bewusstwerdungs- und Sensibilisierungseffekt ein.
Standards eines "Museums für alle" werden in Österreich erst langsam und zaghaft umgesetzt. Konkrete Beispiele haben die Autorin und ihr "prenn_punkt buero fuer kommunikation und gestaltung" im Rahmen der Ausstellung "Wert des Lebens" in Schloss Hartheim bei Alkoven realisiert.
Weitere Ideen zur barrierefreien Ausstellungsgestaltung von prenn_punkt buero fuer kommunikation und gestaltung finden sich online unter: www.prenn.net
ICOM - International Council of Museums ist ein der UNESCO assoziierter, nichtstaatlicher Berufs- und Interessenverband für Museen und deren MitarbeiterInnen. Der Internationale Museumsrat wurde vor über 50 Jahren gegründet und besteht heute aus 116 Nationalen Komitees und 28 Internationalen Fachkomitees sowie 7 regionalen und 14 angegliederten Organisationen. Der Sitz mit dem Generalsekretariat dieser weltweit rund 18.000 Mitglieder zählenden Vereinigung befindet sich in Paris. http://icom.museum
Das Österreichische ICOM-Nationalkomitee orientiert sich an den Standards des Internationalen Museumsrats und vermittelt die aktuellen Trends im Museumswesen an Mitglieder und Museen in Österreich. www.icom-oesterreich.at
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