Kulturelle Pfade

Ziel einer barrierefreien Kulturvermittlung ist es, einen Zugang zum kulturellen Leben für alle zu schaffen. Aber nicht nur das, sie beinhaltet auch den Auftrag, die Vielfalt der Kultur zu vermitteln und die Akzeptanz für die unterschiedlichen Ausdrucksformen zu fördern. Grundsätzlich bedeutet barrierefreie Kulturvermittlung, die Barrieren im alltäglichen Umgang und im kulturellen Austausch von Menschen mit und ohne Behinderungen abzubauen.


Er-fahrbare Kunst

Bauliche Barrieren sind konkret und somit auch für nichtbehinderte Menschen leicht zu verstehen. Setzen Sie sich einmal in einen Rollstuhl und versuchen Sie, in ein Museum zu gelangen, das Konzert am Abend zu besuchen oder die Bilder in der nächstgelegenen Galerie zu betrachten. Mit viel Glück haben Sie gerade bei Letzterem nur Nackenverspannungen vom nach oben Spähen.
In den meisten Fällen werden Sie die Innenräume nicht erreichen. Warum aber sollten RollstuhlbenützerInnen nicht zur Zielgruppe dieser kulturellen Angebote gehören? Dabei wären die eine oder andere Rampe, genügend breite und leicht gängige Türen, ein Lift mit erreichbaren Tasten und vielleicht sogar ein rollstuhlgerechtes WC eine Investition wert, die außerdem staatlich gefördert wird.

Be-greifbare Erlebnisse

Etwas komplexer wird die Frage nach dem barrierefreien Zugang zu Kunst und Kultur für Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen. Hier bietet sich eine kreative Herausforderung für Kunst-PädagogInnen und Kulturschaffende, die eigene Wahrnehmung zu schärfen und Formen der barrierefreien taktilen, visuellen und audiophonen Präsentation zu kreieren. Be-greifbare Erlebnisse schaffen - mit diesem Ansatz lassen sich auch Menschen mit mentalen und intellektuellen Beeinträchtigungen als Zielgruppe der Kunst- und Kulturvermittlung ansprechen. Auch dabei ist es wesentlich, dass Ausstellungsobjekte mit allen Sinnen erlebt werden können - durch ihren unmittelbaren Ausdruck selbst, im Gefallen oder in der Ablehnung, aber auch in ihren Erklärungen und Vermittlungen - letztere so gestaltet, dass diese begreifbar gemacht werden.

Viel-seitige Kultur

Der Zugang zu Kunst und Kultur für Menschen mit Behinderungen ist nur eine Seite des Themas. Die andere Seite betrifft die gesellschaftlichen Erfahrungen und die kulturellen Ausdrucksformen von Menschen mit Behinderungen, die es zu verstehen gilt. Das heißt, Kulturvermittlung kann keine Einbahnstraße sein, sondern muss in mehrere Richtungen erfolgen.

Wussten Sie, dass gehörlose Menschen eine eigene Geschichte, eigene Techniken, Verhaltensweisen, eigene Sprachen, in der Eigendefinition eine eigene Kultur, die Gehörlosenkultur, haben? Haben Sie schon einmal einen gehörlosen Schauspieler bei seiner Arbeit beobachtet oder eine Gebärdensprachdolmetscherin beim Übersetzen? Hier finden Wörter, Haltungen und Gefühle einen unmittelbaren Ausdruck in Mimik und Gestik. Hier gibt es für die Kultur der Hörenden viel zu entdecken und von der Kultur der Gehörlosen zu lernen. Kulturvermittlung kann zu diesem Lernprozess beitragen. So trat etwa im Rahmen des Projektes "barrierefrei dabei" im Sommer 2004 der gehörlose deutsche Theaterschauspieler Ralf Gaderbauer auf öffentlichen Plätzen in Salzburg auf. Er gab mit seinen pantomimischen Interventionen den PassantInnen einen Einblick in seine Kultur, auf humorvolle und zugängliche Weise. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich, kaum unberührt. Der Bogen spannte sich von Abwendungen und Flucht vor etwas Fremden bis hin zu meist großem Interesse und sich daraus entwickelnden Dialogen.

Auch der Einsatz von GebärdensprachdolmetscherInnen bei Führungen, Lesungen und anderen Veranstaltungen kann für beide Seiten bereichernd sein, für hörende wie für gehörlose BesucherInnen. Allerdings wäre es falsch zu glauben, damit würden sich die kulturellen Einrichtungen mit gehörlosem Publikum füllen. Der Anteil an kunst- und kulturinteressierten gehörlosen Personen dürfte nicht anders sein, als, in Relation, der Anteil an aktiven Kultur-KonsumentInnen in der Gesamtbevölkerung. Im Gegenteil: Es ist anzunehmen, dass allgemein der Anteil an kulturinteressierten Personen mit einer Behinderung nach wie vor unter dem Durchschnitt liegt. Denn eine Sozialisation mit Ausgrenzungen, ein Leben mit Barrieren fördert das Interesse an Kunst und Kultur wahrlich nicht. Umso mehr bedarf es verstärkter Anstrengungen, diese Barrieren möglichst rasch zu beseitigen, um Teile unserer Gesellschaft nicht im kulturellen Abseits stehen zu lassen.

barrierefrei dabei

In Salzburg läuft seit Sommer 2003 das Projekt barrierefrei dabei, das im Auftrag des Bundessozialamtes, Landesstelle Salzburg, durchgeführt wird. Im Rahmen des Projekts werden kulturelle Einrichtungen über die Möglichkeiten barrierefreier Gestaltung informiert. Veranstalter werden beraten, wie bauliche Barrieren beseitigt werden und wie Inhalte für die Zielgruppen der gehörlosen und blinden Menschen barrierefrei aufbereitet werden können. Außerdem werden thematische Kunst- und Kultur-Schwerpunkte gesetzt, die für Menschen mit Behinderungen interessant sind. Ein wesentlicher Grundsatz von barrierefrei dabei ist es, Menschen mit Behinderungen als ExpertInnen in eigener Sache in den Prozess der barrierefreien Kulturarbeit einzubeziehen. Projektträger ist die Soziale Initiative Salzburg: www.sisal.at


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Wien 2005