Das Bild behinderter Menschen in den österreichischen Medien ist ein Bild voller Missverständnisse. Im Spannungsfeld von Medien und Behinderung finden sich auch Auswege aus den eingefahrenen Pfaden, und zwar auf allen Seiten.
Journalistische Auswahl
Das Thema Behinderung spielt sich in Rundfunk und Printmedien primär zwischen zwei Polen ab: „Heldenglorifizierung“ hier, „Armutschkerl“ dort; Stephen Hawking und Andrea Bocelli einerseits, hilfsbedürftiges und geschlechtsloses Wesen andererseits. In die Medien kommt, wer ein „Wunderwuzzi“ ist oder wer sich bemitleiden lässt. Ein Großteil der behinderten Menschen sieht sich selbst aber weder hier noch dort und möchte nicht in vorgefertigte Rollenmuster gezwängt werden. MedienpraktikerInnen sehen diese Problematik naturgemäß anders. Für sie gelten auch bei „Behinderten-Themen“ die allgemeinen Regeln der Berichterstattung. Eine Geschichte wird erst dann zu einer „G’schichte“ für Fernsehen, Radio oder Zeitung, wenn sie die klassischen Nachrichtenfaktoren erfüllt. Wie entspricht und wo entzieht sich Behinderung den strengen Regeln der journalistischen Themenwahl? Um einen kreativen journalistischen Umgang und neue mediale Wahrnehmungsmuster anzuregen, scheint eine kritische Reflexion der gängigen Auswahlkriterien angebracht. Als Kriterien für die journalistische Relevanz gelten: Aktualität, Normabweichung, Betroffenheit, Nähe zur Zielgruppe, Bekanntheit und emotionaler Gehalt eines Ereignisses bzw. der handelnden Personen.
Latente Aktualität
Was bedeutet Aktualität? Viele RedakteurInnen verstehen unter einem „aktuellen Anlass“ vor allem Termine, Pressekonferenzen, Veranstaltungen u. Ä. Nicht selten wird in Redaktionskonferenzen ein Vorschlag mit dem Argument abgelehnt, er sei nicht aktuell, weil es keinen „Aufhänger“ gäbe. Dabei wird die so genannte „latente Aktualität“ ignoriert: Die Tatsache, dass es jede Menge Themen gibt, die auch ohne einen konkreten Anlass wichtig sind und bearbeitet werden sollten. Behindertenpolitik ist selten tagesaktuell, sondern eine längerfristige Angelegenheit. Es geht um komplexe Gesetzesvorgaben oder -änderungen, infrastrukturelle Veränderungen, bauliche wie soziale Barrieren. Behindertenpolitik heißt, auch im Hinblick auf die Fortschritte der Medizin und der zunehmenden „Überalterung“ der Gesellschaft, langfristige (Medien-)Perspektiven zu entwickeln. Es erfordert ein wenig Fingerspitzengefühl, um Aktualität und Relevanz mancher Themen für heute erscheinende Massenmedien sichtbar(er) zu machen. Gelingt dies, ist gleichzeitig auch das Kriterium der Betroffenheit (die Zahl „Betroffener“ wächst stetig) schlüssig zu argumentieren.
Imaginäre Norm
Je ungewöhnlicher Geschehnisse oder Menschen sind, umso interessanter sind sie für die Medien. Die Normabweichung ist im Zusammenhang mit dem Thema Behinderung ein wesentlicher Faktor. Behinderung ist ja für viele MedienmacherInnen quasi per Definition ein Abweichen von der Norm. Genau das ist es aber, was die meisten behinderten Menschen NICHT sein wollen: außerhalb der Norm, also außerhalb des Norm-alen. Hier sollten alle, die sich für ein neues mediales Bild von behinderten Menschen einsetzen, eine langfristige Strategie entwickeln. Denn um irgendwann als nicht normabweichend wahrgenommen zu werden, müssen erst die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen soweit verändert werden, dass ein Leben innerhalb dieser – eigentlich ja nur imaginären – Norm möglich ist. Das bedeutet, solange auf die Barrieren eben dieser „imaginären Norm“ hinzuweisen, bis sie – zumindest großteils – nicht mehr bestehen und mit den Barrieren auch die Norm verschwindet.
Emotionale Strategien
BehindertenvertreterInnen argumentieren gerne in der Öffentlichkeit, dass jedermann/-frau rasch selbst „in der gleichen Situation“ sein könnte. Ihre Anliegen würden daher viele Menschen etwas angehen und seien somit auch für das Medienpublikum relevant. Diese Argumentation erscheint kontraproduktiv. Schließlich geht es ja nicht darum, Behinderung gleichsam als „Schreckensszenario aus sich selbst heraus“ den Medien zu vermitteln, sondern die Möglichkeit zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben einzufordern. Dass es sich dabei an der Seite von Berühmtheiten leichter auf der Medien-Klaviatur spielt, versteht sich von selbst. Die Suche nach prominenten, klugen, interessanten und vor allem menschlichen BündnispartnerInnen ist daher zu forcieren. Ebenso klar ist, dass viele Medien bewusst mit Emotionen arbeiten. Stories, die das Publikum bewegen, lassen sich eben besser verkaufen. Dennoch: Wenn Einigkeit darin besteht, dass das langfristige Ziel behindertenpolitischer Lobbying- und Medienarbeit nur sein kann, die selbstverständliche Inklusion zu erreichen, dann verbietet es sich, „auf die Tränendrüse zu drücken“. Arme Hascherl waren behinderte Menschen lange genug: Emotionen bzw. emotionalen Gehalt muss und kann den Medien heutzutage anders geliefert werden.
Aktive Aufklärung
Angesichts dieser klassischen Relevanz-Kriterien lässt sich schon auf den ersten Blick erkennen, warum Medienberichte über „Behinderten-Themen“ immer wieder nach dem gleichen Muster gestrickt sind. Zumindest thematisch. Aber es ist gar nicht so sehr die Auswahl der Themen, die das mediale Bild behinderter Menschen prägt. Es ist primär das „WIE“ der journalistischen Aufbereitung, nicht das „WORÜBER“, das behinderte Menschen verletzt und stereotype Bilder in den Köpfen der nichtbehinderten Menschen prägt. Es sind die vielen unüberlegten, tradierten und abwertenden Floskeln. Menschen, wie etwa auch der Autor dieser Zeilen, sind ganz einfach nicht „an den Rollstuhl gefesselt“ – und wenn Sie jemanden sehen, der es ist, verständigen Sie bitte sofort die Polizei! Solche Formulierungen vermitteln ein Bild von Hilflosigkeit und Abhängigkeit. Doch was dagegen tun? Die pragmatische Antwort: Nur wer sich zu Wort meldet, findet auch Gehör! Menschen mit Behinderungen müssen, wie alle anderen gesellschaftlichen Gruppen auch, aktiv Einfluss auf die Berichterstattung nehmen. Sei es als JournalistIn, sei es mit eigenen Alternativ-Medien oder einfach durch gezielte Aufklärung der Medienschaffenden. Wie sollte diese Aufklärung aussehen? Ganz einfach. Es ist nicht böse, sondern legitim, jemanden zum Beispiel in Form eines Leserbriefes auf Fehler hinzuweisen. Falsche Wortwahl beruht meist auf Unachtsamkeit, journalistischer Schludrigkeit (meist verursacht durch den enormen Zeitdruck, der in dieser Branche üblich ist) und schlichtem Nicht-Wissen. Wenn JournalistInnen nicht von den „Betroffenen“ auf diese „sprachlichen Fallstricke“ hingewiesen werden, von wem dann? Nur weil jemand selbst ein Leben lang damit konfrontiert ist, bedeutet das ja noch lange nicht, dass es allen Mitmenschen ebenso geht.
Sinnvoller Dialog
ExpertInnen in eigener Sache müssen ihr Wissen aus erster Hand vermehrt mit anderen Personen teilen. Dabei wird es vermutlich wenig bringen, mit dem moralischen Zeigefinger auf unachtsame JournalistInnen zu zeigen. Die Angst, im Umgang mit behinderten Menschen etwas falsch zu machen, ist gerade bei sensiblen Menschen groß – und gerade die sind es oft, die sich „einschlägiger“ Themen annehmen. Fällt die Kritik zu hart aus, werden potentielle MitstreiterInnen leicht vergrault. Wir müssen nachsehen lernen, dass es für nicht behinderte Menschen, auch JournalistInnen, eine wesentlich größere Hemmschwelle gibt, Behinderung zu thematisieren, als für uns Betroffene. Wo sollten sie denn auch lernen, „relaxed“ damit umzugehen? Heute werden Integrationsklassen wieder abgebaut, haben öffentliche wie privatwirtschaftliche Gebäude noch viel zu selten Aufzüge und Rampen oder Leitsysteme für blinde Menschen. Und auch Arbeitsplätze werden kaum entsprechend adaptiert. Bauliche und soziale Barrieren gehen so Hand in Hand. Der Umgang mit behinderten Menschen ist für viele ÖsterreicherInnen noch ungewohnt und eben dadurch nicht entspannt und selbstverständlich genug. Wohl auch deshalb kommen behinderte Menschen in den Medien auch nicht als betroffene AnrainerInnen, Wirtschaftsbosse, Werbemodels, Premierenbesucher oder Nachrichtensprecherinnen vor. Gewiss: Nutzlose, diskriminierende Floskeln sind ärgerlich. Die Kritik daran sollte aber nüchtern ausfallen und RedakteurInnen die Gelegenheit bieten, aus Fehlern zu lernen. Machen wir aufmerksam, weisen wir hin, führen zum Nachdenken und „helfen beim Lernen“. Bieten wir unsere Mitarbeit an und geben wir Gelegenheit, die Wortwahl gemeinsam abzustimmen. Und auch die Medien sind aufgerufen, ihre Anforderungen an Lobbyisten, die Themen medial transportieren wollen, klar zu formulieren. Auf dass wir alle zukünftig „den richtigen Ton“ treffen!
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