Mediale Perspektiven

1. Marktmacht.
Menschen mit Behinderungen sind eine große Zielgruppe, die wie alle anderen KonsumentInnen Produkte kaufen und Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Unternehmen, die sich mit verbrauchernaher Gestaltung dieser Gruppe verstärkt zuwenden, haben die Chance auf hohe Sympathie, starke Markenbindung und eine hohe Weiterempfehlungsrate.

2. Corporate Conduct.
Unternehmen, die sich für Menschen mit Behinderungen engagieren, indem sie ihnen Arbeitsmöglichkeiten bieten oder ihre Leistungen so gestalten, dass Menschen mit Behinderungen sie besser nützen können, können auch durch deren Darstellung als KonsumentInnen in ihrer Werbung mit ihrem Unternehmensimage profitieren. In Zeiten der vergleichbaren Produkte ist das soziale Verhalten eines Unternehmens immer stärker ausschlaggebend für seine Akzeptanz. Die gesellschaftlichen Aktivitäten von Unternehmen, die nicht mehr ursächlich mit der Leistung zu tun haben, mehren sich.

3. Mut zur Innovation.
Wer in seiner Werbekampagne Menschen mit Behinderungen zeigt, hat die Chance, als erster ein neues gesellschaftliches Verhalten zu zeigen. Im Markt gewinnt der, der erster ist. Gegen den Strom schwimmen braucht Mut, bringt aber Aufmerksamkeit und Anerkennung.

4. Kreativität.
Werbung lebt in hohem Maß von Überraschung, von Überzeichnung, von der unerwarteten Problematisierung eines Mangelzustandes und der verblüffenden und deshalb besonders überzeugenden Darstellung eines spezifischen Kundennutzens. Behinderung von Menschen bedeutet in den meisten Fällen, dass ihnen etwas fehlt – der Seh- oder Hörsinn, die freie Bewegung. Dieses Nichtvorhandensein kann die Darstellung eines Produktvorteils für KonsumentInnen überdeutlich machen. Ein blinder Mensch riecht und hört, was andere nicht einmal wahrnehmen, ein gehörloser Mensch kann mit Gebärden mehr ausdrücken als andere zu sagen vermögen, ein Mensch im Rollstuhl sitzt fest im Sessel, wo andere stehen müssen. Agenturen, deren Kreative eine Behinderung als Herausforderung für ihre kreative Leistung erkennen, erweitern ihr Repertoire um prägnante Kampagnen-Ideen.

5. Witz.
Menschen mit Behinderung sind – in deutlichem Gegensatz zum gesellschaftlichen Mitleidsbild – in der Lage, über sich zu lachen. Sie sehen sich nicht als bedauernswerte, sondern als lebenstaugliche, selbst bestimmte Menschen. Witz hilft über Werbe-Zuschauer-Ängste hinweg, bringt Nähe und ermöglicht entspannte Wahrnehmung und Akzeptanz.

6. Vorbilder.
Die Zielgruppe der Menschen über 50 war lange Zeit eine Gruppe, die ebenso wie behinderte Menschen aus der Werbung ausgegrenzt wurde. Mit der Wahrnehmung der sich ändernden Altersstruktur der Bevölkerung, der ungleichgewichtigen Verteilung von Einkommen, der gesteigerten Mobilität der über 50-Jährigen, ihrer Reiseund Konsumlust ist auch bei den Werbe- und Mediaplanern ein Umdenken eingetreten. Es hat allerdings einige Jahre gedauert vom ersten großen Symposium zum Thema 50+ bis zur ersten Kampagne mit älteren Menschen. Die Darstellung von TV-Serien-HeldInnen durch ältere SchauspielerInnen hat dazu sicher viel beigetragen. Bauen wir darauf, dass die TV-Serienkultur in ihrer Suche nach neuen Menschen und Rollenmodellen auf Menschen mit Behinderungen kommt. Es würde ihre Akzeptanz und die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens als KonsumentInnen in der Werbung stark erhöhen.


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© MAIN_Medienarbeit Integrativ
Wien 2005