Das Wort „Bild“ stammt von dem germanischen Wortstamm „bil“ ab, was soviel wie „Wunderkraft“, „Wunderzeichen“ bedeutet. Eine gewisse Beziehung zwischen Bild und Wunder lässt sich auch durchaus herstellen. Ein Bild, dessen Wesen ja im Gegensatz zur begrifflichen Sprache die Mehrdeutigkeit ist, kann seine Bedeutung ebenso wandeln wie ein Wunder, das Dinge in fast beliebiger Weise verwandeln kann.1 Das unterscheidet auch die bildliche Sprache von der verbalen Sprache.
Bildern wird oft eine magische Wirkung zugeschrieben. Dies rührt nicht zuletzt daher, dass sich der bildhafte (rechtshemisphärische) Denkmodus von unserem bewussten verbalen Denken unterscheidet. Während die linke Hemisphäre dem begrifflichen, analytischen und punktuell sezierenden Denken dient, ist die rechte für das bildhafte Denken und somit das ganzheitliche Erfassen zuständig. Ein Bild vermag also Personen zu „verzaubern“, indem es bildhafte Denkprozesse und den Erlebnismodus der rechten Gehirnhälfte anstößt. Es gelangen Informationen in unser Gehirn, ohne die kritischen Tore des Bewusstseins passieren zu müssen.2 Damit wird auch klar, dass gerade bei Bildern die Gefahr der Manipulation sehr groß ist, insbesondere bei Fotografien, die einem gewissen Realitätsmythos unterliegen.
Interpretationen
Die Fülle an Bildern in der Medien-, Werbe- und PR-Welt suggeriert, dass durch Bilder objektive und sachliche Aussagen getroffen werden können. Bilder allein können aber keine eindeutigen Aussagen treffen und lassen dadurch auch keine logischen Schlussfolgerungen zu. Sie funktionieren auch nicht nach dem Prinzip kausaler Zusammenhänge. Möchte ich verbal die Aussage treffen, dass beispielsweise der Baum grün ist, wird diese Aussage wahrscheinlich auch so beim Hörer/der Hörerin ankommen. Möchte ich diese Aussage durch ein Bild vermitteln, ist nicht garantiert, dass sich der/die BildbetrachterIn genau diese Aussage herausholt. Vielleicht vermittelt es ihm/ihr die Botschaft, dass der Baum schief ist, dass der Sommer kommt oder dass er/sie endlich daran gehen sollte, einen Baum im Garten zu pflanzen. Den Möglichkeiten unterschiedlicher Interpretationen sind also kaum Grenzen gesetzt. Das ist auch ein Grund, warum sich allgemeine Standpunkte zu einer nichtdiskriminierenden Bildgestaltung nur schwer festmachen lassen. (Etwas anders verhält es sich mit dem Film, da er in der Lage ist, eine zeitliche Kontinuität und einen Kontext in sich zu schaffen, was ihn der Sprache auch verwandter macht.)
Blickpunkte
Dennoch gibt es Gestaltungselemente, welche die Aussagekraft eines Bildes beeinflussen. Eine ganz wesentliche Charakteristik der Fotografie ist die Ausschnittwahl und die mit ihr verbundene Informationsbegrenzung. Fotografiere ich beispielsweise einen Menschen – unabhängig davon ob er/sie nun eine Behinderung hat oder nicht – in einer belebten Umgebung, kann durch die Wahl eines kleinen Ausschnitts der Eindruck entstehen, als stünde dieser Mensch allein und einsam, weit ab von allem Geschehen. Oder aber, indem ich die Umgebung in den Ausschnitt miteinbeziehe, als einer unter vielen Menschen, mitten drinnen im Geschehen. Durch die Wahl des Blickpunkts kann der Bildinhalt auf Informationen von großer Einseitigkeit eingeschränkt werden. Ebenso ist es möglich, das abgebildete Objekt durch die Wahl eines einfärbigen Hintergrunds zu isolieren. Eine weitere informationsbeschränkende Auswahlmethode stellt das Gestalten mit Unschärfe dar. Details können durch eine scharfe Wiedergabe wesentlich herausgehoben und in den Vordergrund gerückt werden.3
Anschauungen
Während also die begriffliche Sprache Aussagen festzulegen vermag, enthält ein Foto eine Fülle möglicher Aussagen. Der/die BildbetrachterIn bestimmt das, was er/sie sehen will und gestaltet die Aussage mit. Begegnen wir Menschen mit Behinderungen auf einem Bild, wird die Information oder Aussage, die wir aus diesem Bild schließen, zu einem großen Teil davon abhängen, welches Bild von Menschen mit Behinderungen wir selbst haben, aufgrund unserer persönlichen Vor- und Einstellungen und aufgrund von Eindrücken, die uns von bereits gesehenen Bildern vermittelt wurden. „Vergangene Fotos von Menschen mit Behinderungen haben neben dem medizinischen und dem gnadenlos interessierten Menschensammler-Blick auch noch den Betroffenheitsblick etabliert. Medien aber auch soziale Organisationen sorgen für ‘Betroffenheitsbilder’, um Menschen zu faszinieren, einen moralischen Impuls auszulösen oder als Nachweis geleisteter sozialer Arbeit. Die meisten Menschen kennen Menschen mit Behinderungen in sozialdramatischen Schwarz-Weiß-Versionen oder in der ewig färbig-lächelnden ‘Seht-her-auch-wir-können-etwas-leisten bzw. auch-wir-können-glücklich-sein-wenn-ihr-uns-helft’-Variante. Diese Botschaften liegen in den seltensten Fällen in der Person selbst, sondern in der Art ihrer Abbildung, einer ständigen Reproduktion von Darstellungsklischees.“ 4 Fotografien können eingesetzt werden, um eine gewünschte Realität zu inszenieren. Bilder können dabei sowohl zum Erhalt eines Status quo als auch zur Umformung der Weltwahrnehmung dienen. So formuliert etwa der englische Schriftsteller und Kulturkritiker Herbert Read in seinen Werken den Gedanken, dass sich in der Kulturgeschichte Anschauungen zunächst in vorbewusster bildhafter Form, als neuer Bildinhalt und insbesondere auch als neue bildliche Darstellungsweise äußern, lange bevor sie dann auch verbal ausformuliert werden.
Zuschreibungen
Bilder gewinnen ihre Bedeutung aber weniger aus sich selbst heraus, als durch die Zuschreibungen und Verwendungszusammenhänge.5 Sie bedürfen eines Kontextes oder einer sprachlichen Zusatzinformation, damit der/die BildautorIn eine Chance hat, die Aussagewahl, die der/die BildbetrachterIn trifft, in eine bestimmte Richtung zu lenken. Deswegen ist auch der begleitende Text des Fotos so wichtig. In den Print- und Onlinemedien werden Bilder vermehrt eingesetzt, um Beiträge zu untermauern bzw. die Aufmerksamkeit der LeserInnen auf einen bestimmten Artikel zu lenken. Dabei können sich Wort und Bild in ihren Aussagen entweder auf harmonische Weise ergänzen oder aber auch durchaus Widersprüchliches ausdrücken. Dies gilt sowohl für den dem Bild zugeordneten Artikel, als auch für den das Bild näher erläuternden Bildtext. Stelle ich zum Beispiel neben einen Artikel über die „Verabschiedung eines Behindertengleichstellungsgesetzes“ ein Bild, auf dem ein Mensch mit deutlich sichtbarer Behinderung abgebildet ist, dem vielleicht auch noch ein nichtbehinderter Zeitgenosse beschützend den Arm auf die Schulter legt, so wird dieses Bild auch den engagiertesten Text wohl kaum untermauern und gewiss kein authentisches Selbstbild behinderter Menschen repräsentieren.
Projektionen
Generell lässt sich sagen, dass die Medienpräsenz behinderter Menschen nach wie vor sehr klischeebehaftet, voreingenommen und dadurch diskriminierend ist. Dies lässt sich auch daraus ableiten, dass Bilder behinderter Menschen so gut wie ausnahmslos in Zusammenhang mit der Berichterstattung eben zum Thema Behinderung zu sehen sind, was weder einer Selbstbestimmung noch einem Selbstverständnis behinderter Menschen gerecht wird. Wobei sich die Schwierigkeit, als Modell ein SELBSTbestimmtes BILD von sich zu vermitteln, schon im Prozess des Fotografierens selbst stellt. Denn der/die FotografIn katapultiert sich sozusagen aus der Welt heraus, die er/sie fotografiert und tritt zu ihr in ein distanziertes Verhältnis. (Wie ja gerade der/die BildjournalistIn beispielsweise bei einem Unfallgeschehen nicht am Geschehen beteiligt ist, die Rettung ruft oder sich sonst irgendwie einbindet, sondern die Rolle des distanzierten Beobachters/der Beobachterin einnimmt.) Abgesehen davon hat auch der/die FotografIn genauso wie das Modell und der/die BildbetrachterIn ein eigenes Weltbild sowie eigene Vorstellungen über sich und andere Menschen. Die Gefahr der gegenseitigen Projektionen ist also immer gegeben. Ob eine Begegnung durch die Fotografie gelingen kann, wird von allen drei Beteiligten abhängen, davon, wie sie sich mit ihrem eigenen Verhältnis zu sich und ihrer Umwelt auseinandersetzen.
Trugbilder
Geht es einerseits darum, ein authentisches Bild behinderter Menschen in der Öffentlichkeit zu positionieren, geht es andererseits auch um Werbung und PR, die hauptsächlich ein Image kreieren und transportieren sollen. Nehmen wir an, wir kommen an einer Plakatwand vorbei und uns springt beispielsweise ein Foto ins Auge, auf dem mehrere junge Menschen zu sehen sind, die sich, umgeben von einem wunderschönen Bergpanorama, die Sonne auf den Bauch scheinen lassen und dabei sichtliches Wohlbefinden signalisieren. Bei näherer Betrachtung entdecken wir, dass eine der abgebildeten Frauen in einem Rollstuhl sitzt. Wenn wir deshalb stutzig oder neugierig werden, hat das vielleicht damit zu tun, dass die Präsenz behinderter Menschen auf Werbeplakaten lange noch nicht selbstverständlich ist und die Vorstellung dieser Selbstverständlichkeit auch in unserem Bewusstsein nicht präsent ist. Wahrscheinlich werden wir fragen, was uns dieses Bild denn nun sagen will. Ist es eine Imagekampagne für behinderte Menschen (das „für“ ist hier absichtlich gewählt), handelt es sich um Werbung für den Behindertensport oder will uns eine Liftfirma weis machen, dass mit ihren Seilbahnen nun wirklich jedermann und jedefrau sich in luftige Höhen aufschwingen kann? Wenn wir dann – anhand des Bildtextes – feststellen, dass sich hier eine bestimmte Region oder eine Brauerei (die jungen Leute liegen nämlich nicht nur in der Sonne, sondern trinken auch noch Bier) oder eine neue Sonnencreme ins rechte Licht setzen will, so werden wir uns vielleicht wundern oder über unsere eingefahrenen Gedankengänge schmunzeln ... oder vielleicht annehmen, dass diese Region sicherlich vermehrt auf „Behindertentourismus“ setzt oder die Brauerei bzw. der Sonnencreme-Hersteller vermutlich als Sponsoren der Paralympics fungieren.
Dieses Beispiel soll veranschaulichen, dass wir es gewohnt sind, dass die Bilder behinderter Menschen fast ausschließlich in Zusammenhang mit „Behinderung“ präsent sind. Besonders in der Werbung und PR erscheint der Spagat zwischen Authentizität und Image schwierig. Ist doch das Image dem Fotopsychologen Günter Spitzing zufolge „ein Trugbild im Sinne eines absichtlich geschönten manipulierten Fremdbildes, das der breiten Öffentlichkeit zum Fraße vorgeworfen werden soll“.
Sichtweisen
Müssen sich Menschen (mit ihrer Behinderung) zunächst selbst auf
medialen Bildern in Szene setzen,
damit die Bilder von behinderten Menschen (oder anderen sozialen, kulturellen
etc. Gruppen) in der Öffentlichkeit
als selbstverständlich wahrgenommen werden? Eine komplexe Frage, die
unseren Umgang mit Stereotypen
berührt. Die Wiener Fotografin Lisl Ponger befasst sich mit diesem Thema
im Zusammenhang mit kulturellen Minderheiten. In ihrem Bildband „Phantom
Fremdes Wien“ geht es ihr um die „Darstellung eines Katalogs kultureller
Präsenz“, wie Ponger ihre fotografische Sichtweise beschreibt.
„Es geht um die Gegenwart von Menschen,
die im besten Fall öffentlich nicht in Erscheinung treten, im schlechtesten
als politisches und soziales
‘Problem’
betrachtet werden.“6 Pongers Idee war es,
„die kulturelle Vielfalt ihrer Heimatstadt
darzustellen und eine Plattform für das
zu schaffen, was die Menschen sagen
wollten. ... Rückblickend erscheint aber
gerade die Idee des Sichtbarmachens sehr
problematisch, ... da sie ein Machtverhältnis
enthält, bei dem einer den anderen
sichtbar werden lässt. ... Unter anderem
führt dies (die Sichtbarmachung) zu
der falschen Ansicht, dass Menschen in
erster Linie ihre Kultur repräsentieren ...
Daraus geht auch die Gefahr hervor,
bereits vorhandene Stereotypen zu verfestigen.“ 7
Bleibt eine Erkenntnis, die vieles offen lässt: Bei der Gestaltung und beim Einsatz von Bildern kommt es immer auf den Kontext an und auf die einzelne Person, die mit Bildern Inhalte gestaltet und öffentlich transportiert, und auf die Frage, welche Aussagen sie treffen, welche Botschaften sie vermitteln will.
Literaturhinweise:
1 Spitzing, Günter: Fotopsychologie. Beltz Verlag, Weinheim und Basel
1985, S. 157
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2 Schuster, Martin: Wodurch Bilder wirken. Psychologie der Kunst. DuMont Literatur
und Kunst Verlag,
Köln 2002, S. 24-27
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3 Vgl. Spitzing, 1985, S. 226 f.
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4 Honnef, K.; Honnef-Harling, G.: Bilder, die noch fehlten. In: Stiftung Deutsches
Hygiene-Museum;
Deutsche Behindertenhilfe; Aktion Mensch e. V. (Hg.).: Bilder, die noch fehlten.
Zeitgenössische Fotografie.
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2000, S. 9-15
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5 Jäger, Jens: Photographie: Bilder der Neuzeit. Einführung in die
Historische Bildforschung.
edition diskord, Tübingen 2000, S. 68
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6 Ponger, Lisl: Phantom Fremdes Wien. Wieser Verlag, Klagenfurt 2004, S. 31
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7 Ebd., S. 18
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