Einleitung

Ein Buch entsteht natürlich nicht von heute auf morgen. Viele Personen sind daran beteiligt: das Team im Büro von MAIN, die Fachleute der Wiener Landesstelle des Bundessozialamts, zuständig für die Projektförderung, die Dolmetscher und Dolmetscherinnen, die bei Meetings in Gebärdensprache übersetzten, die Lektorin, die Kollegen von der Grafik, die Fotografen und Fotografinnen, die Bilder beisteuerten, und nicht zuletzt die vielen Autoren und Autorinnen, die ihr Wissen eingebracht haben. Mitgewirkt haben ganz unterschiedliche Menschen: gehörlose Kreative, blinde InternetexpertInnen, JournalistInnen im Rollstuhl, Profis mit und ohne Behinderungen aus Medien, Werbung, Öffentlichkeitsarbeit. Allen Beteiligten sei für die gemeinsame Anstrengung herzlich gedankt.

Zur Zielsetzung dieses Buchs gab es zahlreiche Überlegungen und Brainstormings. Welche Begriffe passen, welche Zielgruppen wollen wir erreichen, wie lassen sich die verschiedenen thematischen Aspekte auf einen Nenner bringen, wie ist Barrierefreiheit in einem umfassenden Sinne zu definieren? Das Projekt, das dieser Publikation voranging, war vielschichtig. In einer Reihe von MAINual-Workshops wurden inhaltliche Zugänge erarbeitet und Artikel festgelegt. Die Diskussionen zum Thema Barrierefreiheit waren rege, aufgrund unterschiedlicher Betroffenheiten auch kontroversiell. Denn was für eine Gruppe hilfreich ist, kann einer anderen Probleme bereiten. Vielzitiertes Beispiel dafür ist die abgeschrägte Gehsteigkante, die mit dem Rollstuhl gut zu nehmen ist, für sehbehinderte FußgängerInnen aber leicht zum Stolperstein wird. Ein Problem, das übrigens heute schon vielerorts behoben ist. So werden abgeschrägte Randsteine ganz einfach mit farblichen Markierungen und taktilen Leitlinien versehen, die von sehbehinderten StadtbenutzerInnen ertastet werden können.

Der Anspruch auf eine barrierefreie Öffentlichkeit, die allen Menschen gleichermaßen offen steht, ist gewiss groß. Gefragt sind heute nicht mehr "Sonderangebote", sondern integrierte, intelligente Lösungen, die niemanden behindern und ausschließen. Dazu braucht es Geldmittel, aber auch Kreativität und die Bereitschaft von politisch Verantwortlichen, ArchitektInnen, (Informations-)DesignerInnen, Medien- und Kommunikationsfachleuten. Dann wird sich zunehmend ein barrierefreies und alltagsgerechtes Planen, Bauen und Denken durchsetzen, von dem behinderte und viele andere Menschen profitieren – alte Leute, Eltern mit Kinderwagen, Jugendliche mit Bewegungsdrang.

Was für den öffentlichen Raum gilt, gilt auch für den virtuellen Raum der Information und Kommunikation, das Thema des ersten Teils dieses Buchs. Warum eigene Sonderseiten für die blinden UserInnen kreieren, wenn es doch ansprechende Gesamtlösungen des barrierefreien Webdesigns gibt? Das Internet kann dadurch insgesamt nur an Benutzerfreundlichkeit gewinnen, und zwar für alle UserInnen, die sich schnell und einfach informieren wollen. Dieses Plus von Barrierefreiheit aufzuzeigen, ist ein Anliegen dieses Buchs.

2003 war das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen. Eine Fülle von Aktivitäten wurde präsentiert, die sich die Inklusion, also den Einschluss von behinderten Menschen in die Gesellschaft zum Ziel setzten. Neue Wege wurden beschritten, innovative Ansätze entwickelt. Dennoch bleibt vieles zu tun. Noch ist es nicht selbstverständlich, die Lebenswelten von Menschen mit Behinderungen und auch anderer in der umfassenden gesellschaftlichen Teilhabe "behinderter" Gruppen bei der Gestaltung von Umwelt und Öffentlichkeit als selbstverständlich mitzubedenken. In Österreich wird Barrierefreiheit nach wie vor eher als Rand(gruppen)-Thema verstanden, denn als zentrales gesellschaftliches Anliegen. Das fehlende Bewusstsein spiegelt sich auch in Sprache, Bildern, Medienberichten und Spenden-Kampagnen wider, die ein öffentliches Image schaffen, das viele Menschen mit Behinderungen als diskriminierend empfinden. Der zweite Teil dieses Buches will dazu beitragen, dass die tief einzementierten Barrieren in den Köpfen abgebaut werden.

In vielen Ländern engagieren sich Personen und Organisationen für eine barrierefreie, inklusive Gesellschaft, in der sich alle Menschen ungehindert bewegen und entfalten können. Ihr Ziel ist es, dass Barrierefreiheit zu einem Qualitätsmerkmal und Standard der sozialen Architektur wird, im Zugang zu Information, Bildung, Arbeit und Kultur. Das MAINual gibt einen Überblick über die vielfältigen Ideen und Initiativen, die den Trend zu einem erweiterten Verständnis von Barrierefreiheit setzen und vorantreiben. Die Bestandsaufnahme, die das Handbuch vornimmt, erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist eine inhaltliche Zusammenschau, die sich als Anstoß versteht, Barrierefreiheit ein Stück weiter vom Rand in die Mittelspur zu bringen und im gesellschaftlichen Mainstream zu denken.

Wir wünschen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser,
eine anregende Lektüre im MAINual – Handbuch für barrierefreie Öffentlichkeit.

Das Redaktionsteam
Beate Firlinger, Michaela Braunreiter, Brigitta Aubrecht
MAIN_Medienarbeit Integrativ
www.mainual.at


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Wien 2005