Nur wer sich selbst dauernd die Mühe macht, bewusst Sprache und Sprachgebrauch zu hinterfragen, wird nicht unkritisch den in Sprache gelegten Fährten sozialer Ungerechtigkeit folgen und die Diskriminierung dadurch – und sei es auch nur unbewusst – fortsetzen.
Sprache sozial sensibel zu verwenden, setzt voraus, sich auch der in ihr aufgehobenen Geschichte bewusst zu sein. In Bezeichnungen und Begriffen, in verfestigten Wendungen und Redensarten ist das (sprachliche) Verhalten vergangener und gegenwärtiger Generationen aufgehoben – und damit auch die Geschichte und Gegenwart ihrer Unrechtshandlungen. Und ob man will oder nicht – das bleibt auch eine gewisse Zeit lang so. Wäre dem nicht so, ließen sich nicht Schimpfwörter prägen und bestimmte Worte so leicht und „selbstredend“ dafür nutzen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Jahrhunderte lang und weltweit diskriminierte Menschen, die in menschenverachtenden Handlungskontexten als „Neger“ bezeichnet wurden, werden auch heute dadurch verletzt und diskriminiert. Unabhängig davon, ob auch die nicht-sprachlichen Diskriminierungen heute noch in dieser Intensität anhalten. Für dieses Wort gibt es keine neutrale „Privatbedeutung“, es lässt sich – außer in einem historisch beschreibenden Gebrauch – einfach nicht „neutral meinen“, auch wenn es nicht „böse“ gemeint ist.
Wer sich mit so geschärftem Blick vor Augen hält, was alles im Sprachgebrauch einer Gesellschaft an Vorund Einstellungen, an gesellschaftlichen Werten und Bewertungen, an (Un-)Menschlichkeit, an Macht- und Herrschaftsansprüchen (aktiv und passiv) zum Ausdruck kommen kann, wird wahrscheinlich versuchen, sozial sensibler sprachlich zu handeln und insbesondere mit gesellschaftlich Benachteiligten und Minderheitengruppen sprachlich sensibler umzugehen.
Sprache ist ein sehr komplexes System der Sinnproduktion, aber mit ihrer „Willkürlichkeit“ und mit all ihren Unschärfen und ihrer Vagheit gerade deshalb auch kreativ nutzbar, lebendig und veränderbar. Wer die wahre Dimension und die individuelle Verantwortung sprachlich vermittelter und aufrechterhaltener Diskriminierung erkennt, kann und sollte möglichst offensiv sprachliche Alternativen suchen und einsetzen.
Quellenangabe:
Der Text und die Checkliste zum sensiblen Sprachgebrauch sind Auszüge
aus unveröffentlichten Vorarbeiten
zu einer Broschüre, die Bernd Matouschek im Auftrag des Bildungsministeriums
erstellt hat:
Bernd Matouschek: Macht und Sprache. Handreichungen für Multiplikator/innen.
Hg.: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Wien 2001
Vgl. dazu vor allem auch: Bernd Matouschek: Böse Worte? Sprache und Diskriminierung.
Drava Verlag, Klagenfurt 1999
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