Künstlerische Spielräume

Die österreichische Künstlerin und Fotografin Theres Cassini befasst sich mit der kontinuierlichen Analyse des menschlichen Körpers.
www.cassini.at


Einen Teil meiner künstlerischen Arbeit widme ich den Themen Krankheit, Gewalt, Behinderung und Tod. In den Projekten „Realität“ und „balance akte“ verwendete ich versehrte Puppenwelten. Barbies, die auf ihrem Beinstumpf tanzen, die verwundet im Krankenbett liegen oder erschossen im Sarg. Das Bild „Die gebrochene Säule“ von Frida Kahlo habe ich als Barbie-Skulptur im Stahlkorsett nachgebildet und fotografiert. Zu diesen Themenschwerpunkten zieht es mich immer wieder hin. Die Wurzel dafür liegt in meiner Vergangenheit. Im Alter von 12 Jahren wurde Skoliose an mir festgestellt. (Skoliose ist eine Verkrümmung der Wirbelsäule, durch die der Brustkasten, die Hüften, der gesamte Oberkörper seitlich verschoben werden.) Stundenlange spezielle Gymnastik war angesagt, um eine Operation zu vermeiden. Ohne Erfolg. Mit 16 musste ich doch operiert werden. Dabei wurden die Wirbel mit Knochenplantat aus meiner Hüfte fixiert. Monatelanger Oberkörpergips und Training folgten. Ich teile diese schmerzhafte Wahrnehmungswelt mit vielen Menschen: z.B. mit Frida Kahlo, der mexikanischen Künstlerin, oder mit Isabella Rosselini. Von ihr heißt es, sie sei „eine der schönsten Frauen der Welt“. Und sie hat keine Scheu, ihre Rückennarbe (als Folge der gleichen Skoliose-Operation) demonstrativ, ja stolz, in die Kamera zu halten – wie in „blue velvet“ zu sehen.

Auch bei meinem aktuellen Projekt „wir sind noch nicht soweit“ ließ mich die Wirbelsäule nicht los. Ein Röntgen – aufgenommen vor meiner Operation – benutzte ich für eine interpretative Darstellung: verfremdete Realitäten und Märchenhaftes, Albtraumartiges und Kitsch, Ekel und Schönheit. Durch eine geharzte „gläserne“ Oberfläche versuchte ich zusätzlich Distanz zu erzeugen. Denn wir benötigen beides: mittendrin zu sein und gleichzeitig auf Distanz zu gehen; eine Symbiose all unserer inneren Welten herzustellen. Das verschafft uns die notwendige Meta-Ebene, die Reflexion, die Aussöhnung mit uns selbst. Die Basis für Glück.


Seitenanfang

© MAIN_Medienarbeit Integrativ
Wien 2005