Kommunikative Kanäle

Lesen macht müde. Immer mehr Menschen greifen daher auf hörbare Informationen zurück. Neue Dateiformate bringen sehbehinderten Personen mehr Teilhabe und allen anderen mehr Komfort.

Hörbücher sind längst aus ihrem Schattendasein als Nischenprodukt für blinde und sehbehinderte Menschen getreten. Als Reaktion auf den visuellen Overkill gewinnen akustische Informationsträger zunehmend an Bedeutung. Ein großes Problem der Audiobooks waren bislang die fehlenden Navigationsmöglichkeiten. Der Umstieg von Kassette auf CD erwies sich dabei als vermeintlicher Fortschritt. Für Heinz Zysset von der Schweizerischen Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte (SBS) sind CDs „die schlechteste Lösung, die man sich vorstellen kann“. Zysset kritisiert damit nicht die Silberscheibe an sich, sondern das simple Bespielen der Musik- CDs mit gesprochenem Text, das den raschen Neueinstieg bei der letztgehörten Passage oder das Ansteuern einer bestimmten Seite verhindert. Die SBS hat mittlerweile praktisch ihren gesamten Bestand an gedruckten Büchern digitalisiert und viele davon im so genannten DAISY-Format archiviert.

Das Anfang der 1990er Jahre in Schweden entwickelte Verfahren ermöglicht sinnesbehinderten Menschen den gleichwertigen Zugang zu Büchern und elektronischen Texten. Mit DAISY, dem „Digital Accessible Information System“, können erstmals auch bei Hörbüchern sozusagen die Seiten geblättert, Kapitelüberschriften angesprungen, Textmarken gesetzt oder Fußnoten gelesen werden. Das DAISY-Konsortium definiert und spezifiziert dabei die technologischen Standards und gewährt so eine weltweit einheitliche Nutzung und Weiterentwicklung des neuen Audioformates.

Längst haben auch die großen Buchverlage erkannt, dass nicht nur sehbehinderte Menschen, sondern auch die breite Masse der AudioleserInnen die Vorzüge der DAISY-Bücher zu schätzen wissen. Der Branchenriese Time Warner hat erste belletristische Titel im DAISY-Format produziert und deren Markttauglichkeit in einer Studie getestet.


Das Zauberwort heißt „XML“

Technologische Basis des DAISY-Formates sind XML-Dateien, die weltweit als Speicherformat textbasierter Informationen rapide an Bedeutung gewinnen. Im DAISY-Format können Original-Texte nicht nur akustisch aufbereitet werden. „Daisyfizierte“ Texte ermöglichen es auch, dass der geschriebene und gesprochene Text synchron wiedergegeben oder auch in Groß- oder Brailleschrift ausgegeben wird. Denn im Gegensatz zu vielen patentgeschützten Lösungen bietet DAISY bereits auf der Quellebene einen barrierefreien Zugang zu Informationen. In enger Anlehnung an das World Wide Web-Konsortium (W3C) werden die technologischen Spezifikationen für DAISY-Formate möglichst nahe an den Mainstream-Standards ausgerichtet. Für den SchwedenMarkus Gylling, Software-Ingenieur beim DAISY-Konsortium, ist die Mission klar: „Das Ziel von Organisationen wie der unseren kann es letztlich nur sein, dass sich ihre Existenz erübrigt, weil Informationen von Haus aus so aufbereitet sind, dass sie für jeden Menschen zugänglich sind.“


Gewinnbringende Gemeinnützigkeit

Die traditionellen Konflikte zwischen den verschiedensten Interessengruppen hält Gylling dank XML für überwunden, weil das Dateiformat neben freier Zugänglichkeit auch für Content-Provider jede Menge Vorteile bringt. So können etwa XML-Datensätze ohne weitere Bearbeitung in beliebige User-Interfaces eingespeist werden: ganz gleich ob PC-Bildschirm, Handy- oder PDA-Screen. Es sind zuweilen sehr pragmatische Interessen der großen Medienkonzerne, die in Sachen Barrierefreiheit mehr Fortschritt bringen als die jahrzehntelangen Anstrengungen der einschlägigen Interessenvertretungen. Die jüngst im US-amerikanischen Kongress eingebrachte Gesetzesvorlage, die vorsieht, von jedem publizierten Werk eine XML/DAISY-Version einzufordern, bestätigt Markus Gylling in seiner Überzeugung: „Mit XML steht die Technologie für langfristige Datensicherheit und freie Zugänglichkeit bereit. Wenn es uns gelingt zu kommunizieren, dass alle etwas davon haben, dann haben wir unseren Job erledigt.“


Webtipps:

DAISY-Konsortium: www.daisy.org
Schweizerische Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte (SBS): www.sbs-online.ch


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