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24. September 2008, von Maria Putzhuber

Accessibility Consulting Alltag

…wird zäh mit der Zeit. Man braucht eine missionarische Ader, um ihn dauerhaft zu mögen oder zumindestens mehr Ferien.

Seit Jahren ernähre ich mich unter anderem mit dem Verfassen von Accessibility Prüfberichten für Webseiten. Ich schreibe dort z.B. hinein, dass ein versteckter Skiplink “Zum Inhalt” am Anfang einer Seite stehen, bei Tastaturfokus sichtbar werden und in der englischen Version der Seite auch übersetzt werden soll. Oder ich schreibe hinein, dass von den 15 gutgemeinten Skiplinks 14 wieder raus sollen und der eine übriggebliebene nicht mit display:none verborgen werden darf. Solches Barrierefreiheits Basiswissen liegt auch im Internet nur einen Suchbegriff entfernt, aber die Web Frontend EntwicklerInnen haben sichtlich nach wie vor keine Lust, danach zu suchen.

Und so verdiene ich jahraus jahrein mein Brot mit den immer gleichen Ratschlägen.

Sie wissen Bescheid

Alle (vermutlich zwangsbeglückt) Beratenen behaupten, eh Bescheid zu wissen, aber sie wissen oft die einfachsten Dinge nicht, wie etwa den sinnvollen Einsatz von alt und title Attributen.
Wie eine Volksschullehrerin vom alten Schlag mit Rotstift sitze ich vor einem Stoß von Webseiten und schüttle beständig konsterniert den Kopf.
Ich wundere mich nicht nur über unnötige Barrieren, sondern auch über generell schlampige Programmierung, bei ganz simplen Seiten etwa über sinnlos aufgeblasene div Konstrukte und sich wiederholende unnötige Inline Styles. Ich erkläre den gescheiten ProgrammiererInnen Anfänger CSS und Internet Explorer Bugs, die jedes Webkind kennt.

Dabei sind es gar nicht Stümper, die ich beraten darf, sondern oft hochbegabte Profis, die nur vor lauter Cleverness anscheinend die Webgrundschule übersprungen haben. Sie haben ihr HTML, CSS, JavaScript Alphabet nie richtig gelernt und Schönschreiben plus Rechtschreiben – Webstandards, zu denen ich auch die Accessibility Guidelines zähle, schon gar nicht.
Vielleicht genieren sie sich dafür und haben auch deshalb Hemmschwellen, sich Grundschulwissen im Nachhinein anzueignen.

…und sie wissen nicht, was sie tun

Sie bauen supercoole, raffinierte, beeindruckende, teure Seiten, mit allen erdenklichen Funktionen, aber ohne Fallback Lösungen bei fehlendem JavaScript für ihre Web 2.0 Widgets, Akkordeons und Tabs, nicht tastaturbedienbar, nicht skalierbar und schludrig im Quellcode. Und die, die sich angeblich mit Accessibility auseinandergesetzt haben, streuen noch großzügig Skiplinks, Accesskeys, Tabindexes und title Attribute, die den Linktext wiederholen, dazu.

Schön, wenn man gebraucht wird…

Es spricht vieles dafür, die Qualitätskontrolle von Websites an externe PrüferInnen auszulagern. Sie sind nicht betriebsblind, objektiv und ExpertInnen in ihrem Fach. Auch wenn es bei uns noch kein offizielles Pickerl gibt, das die Kosten sichtbar legitimiert, lohnt sich eine Überprüfung durch eine extra Kontrollinstanz, nicht zuletzt um AuftragnehmerInnen, die Qualität behaupten, die sie nicht liefern, auf die Finger zu klopfen.

…aber eigentlich möchten wir uns abschaffen

Die sture Ignoranz gegenüber Basisqualitätsanforderungen an eine Website, mit der ich im Beratungsalltag und in Zusammenarbeit mit anderen Agenturen manchmal konfrontiert bin, geht mir aber zunehmend auf die Nerven. Wenn meine Ratschläge dann auch noch in der Schublade verschwinden und auf einer getesteten Seite nach Wochen noch Accesskeys und onfocus:blur Scripts bei jedem Menüpunkt stehen oder wunderbare Tipps von Typo3 im title Attribut von Links wie “opens internal link in current window“, dann würde ich meinen KundInnen das erhaltene Honorar gerne vor die Füße schmeißen.

Während ich den Rohrstock hervorholen möchte, geht ein entspannterer Berufskollege wie Tomas Caspers heiterer mit dem Dilemma um, dass uns ernährt, was uns verrückt macht. Launig wie immer hat er beim Webkongress in Erlangen aus dem Nähkästchen und Berufsalltag eines Accessibility Gurus geplaudert. MP3-Podcast und Folien davon hier.

Als Pflichthausübung für alle, die noch von mir beraten werden möchten: Lesen Sie den WebAIM Artikel Web Accessibility Gone Wild. Jared Smith beschreibt dort typische Fehler, die barrierefreiheitsbemühten Webmenschen regelmäßig unterlaufen.

Er hat dort auch dem Fachmann in mir ein paar mal auf den Schlips getreten:
Ja, Hinweise auf brave Programmierung mit XHTML, CSS und WCAG auf jeder Seite, die keiner versteht, sind sinnloser Page Clutter.
Ja, ich weiß, dass Schriftvergrößerungsbuttons kein wirklich sinnvolles Accessibility Feature sind, aber unerfahrene InternetnutzerInnen finden sie trotzdem nett.
Und ja, ein Formular mit ja / nein Radiobuttons habe ich neulich auch gebaut, ohne die dazugehörigen kilometerlangen Fragen als Legend zu markieren. Ich stehe dazu!

6 Reaktionen zu “Accessibility Consulting Alltag”

  1. Jürgen Liechtenecker

    Hallo Maria,

    ein wunderbarer Blogbeitrag der es auf den Punkt bringt. Ich habe es hier intern ebenso vor Augen. Täglich setze ich mich mit echten IT-Profis auseinander, die vor Java und ähnlichem nur so strotzen, aber dann die beschriebenen Patzer beim Frontend machen. Ich machs wieder halbwegsgut, aber 1 Tag später siehts wieder aus wie Kraut und Rüben.

    Und manchmal denk ich mir, dass es eigentlich so einfach wäre. Viel ist ja bei der Accessibility und Usability nicht zu tun, dennoch ein absolutes Stiefthema. Aber denken wir wirtschaftlich und freuen uns der Webstandards-Löcher.

  2. Michael

    Vielleicht hilft einfach die Trennung in Back-End-Entwickler, Front-End-Entwickler und Front-End-Designer. Oft geht sich zeitlich nicht alles aus – und darunter leidet immer das Front-End, denn das Allgemeinverständnis einer funktionierenden Webseite ist, dass man sie befüllen kann und die Applikationen funktionieren, also die Back-End-Programmierung.

  3. Siegfried

    Ich bin dagegen, dass man einen Bildchenmaler einen “Designer” nennt. Allenfalls einen Grafiker oder Grafik-Designer. Das Schlimme am Begriff “Webdesign”, so, wie er heute allgemein verstanden wird, ist, dass Webdesign gleichbedeutend wäre mit Bildchen malen. Und dann wird drauflosdesignt auf bunt komm raus. Mit den bekannten Resultaten. Danach legt man sich noch ein Feigenblatt zu, indem man nachträglich ein Bisschen “Accessibility” hinzuflickt, und glaubt, dass es das erstens schon war und zweitens Nichts mit dem eigentlichen Webdesign zu tun hätte.

    Dabei ist es genau umgekehrt. Webdesign fängt genau dort an. Genau dort werden saubere Grundlagen gelegt. Das Bildchenmalen kommt dann als Sahnehäubchen obendrauf. Aber wer das Sahnehäubchen ohne den Obstsalat darunter verkauft, bescheisst.

  4. Beate Firlinger

    Manueller Trackback: Wolfgang Wiese aka xwolf kann Maria auch sehr gut nachfühlen und meint in seinem Blogbeitrag Medien(in)kompetenz allerorten: Wir brauchen wieder echte “Webmaster”!

  5. Gerald - hyperkontext

    Manueller Trackback:
    September 2008 im Kontext
    http://hyperkontext.at/weblog/artikel/september-2008-im-kontext/

    [...] Auch die Arbeit von Maria Putzhuber besteht oft darin, Leuten den Sinn von barrierearmen Websites zu erklären [...]

  6. Nur ein Blog

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