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13. Mai 2008, von Maria Putzhuber

Tagen macht glücklich!

efa-Tagung 2008: Konzepte und Zukunftsbilder für ein Barrierefreies Internet

Erst dieses Pfingstwochenende hatte ich Zeit und Lust kurz in die Videos der South by South West Interactive reinzuschauen. Diese Riesenwebkonferenz war schon im März, 7500 Leute waren dort in Austin, Texas, ich aber nicht. Die Videos und Podcasts davon geben einen kleinen, wenn auch unbefriedigenden Eindruck.

Auf der efa-Tagung war ich aber, mit 300 weiteren “ExpertInnen”. Immerhin war das die größte Accessibility Tagung in Deutschland. Die ganze Tagung wurde live im Internet übertragen: Präsentation der Studie zur Internetnutzung von Menschen mit Behinderung, je 8 parallele Workshops am Vormittag und Nachmittag und Start des BIENE-Wettbewerbes. Sie wird auch im Nachhinein auf Video verfügbar sein. 2500 Leute haben via Internet teilgenommen, das ist schon erstaunlich! Obs im Nachhinein noch so interessant ist, werden wir sehen.

Nochmal zurück zur SXSW Interactive. Die Keynote der Game Designerin Jane McGonigal auf der SXSW fand ich lustig: Sie hat Ergebnisse der Glücksforschung zitiert und den schrägen, aber für eine Spiele Designerin logischen Schluss gezogen, dass Multi-Player Games die 4 wichtigsten Glücksfaktoren 100%ig erfüllen und also der ultimative Glücksmotor für die Menschheit sind.
Wir sollten uns bewußtmachen, sagte McGonigal, dass wir eigentlich alle im Happiness Business tätig sind, in dem es schlussendlich darum geht, den Menschen mehr Lebensqualität zu verschaffen.
Damit kratze ich wieder die Kurve zur efa-Tagung und frage mich, hat sie, gemessen mit wissenschaftlich fundierten Glücksindizes, glücklich gemacht?

Glücksfaktor 1: Eine befriedigende Arbeit tun

Die Alltagsarbeit 2 Tage gestapelt zu lassen und mit einer Billigfluglinie nach Düsseldorf zu fliegen (wegen einer Tagung, wichtig, wichtig) ist durchaus befriedigend. Der Wissenschaftspark Gelsenkirchen ist interessant: Hinter einem Teich ein Riesenglashaus, in dem wohl der Geist besonders gut gedeihen soll, daran angeschlossen jede Menge Tagungszimmer, in die 300 Leute zu diversen Workshops dirigiert werden. Massives Technikaufgebot, durch die Gegend surrende RollstuhlfahrerInnen, hohe Dichte an GebärdensprachlerInnen, Herrn Cigcis Blindenpudel auch da, nett!… und lauter Leute, die man nur aus dem Internet kennt, plötzlich live. Alles interessant und sehr zufriedenstellend!

Der Patrick H. Lauke ist im Leben etwas kleiner und less arrogant als seine von mir wahrgenommene Internetmarke, der Jens Grochtdreis dicker und lustiger, der Ansger Hein jünger. Den Michael Jendryschik kann ich in der für ihn angelegten Schublade “seriöser Techniker” lassen. Martin Stehle ist ein feiner Sir, Ralph Raule ganz lässig mit seinem Mikrophönlein, Carlos Velasco ganz gescheit, Martin Kliehm ein sanfter Kluger. Und der Christian Heilmann ist ein rotblondlockiger, freundlicher Engel. In den Pausen klappt er alle Naslang sein Mac Book auf und zeigt großzügig irgendwas Cleveres vor.

Und wo sind die Frauen in deiner Wahrnehmung, Marie? Sie sind nämlich auch da:
Anna Courtpozanis ist eine dieser perfekt vorbereiteten Frauen, hat eine interessante Braille Spickzettelrolle, aber eigentlich braucht sie keine Vortragskrücken und geht souverän darüber hinweg, dass in der Hightechumgebung nicht mal eine Powerpointpräsentation zum Beamer gebracht werden kann. Elke Wetzig, gescheit, Nicole Weißkopf, gescheit, Sylvia Egger gescheit und patent! Und an den deutschen Universitäten wachsen überhaupt kluge, enthusiastische, inspirierende junge Frauen: Maria Krüger, ziemlich präsent! Ihre Diplomarbeit über barrierefreies Flash steht auf der Leseliste. Diana Ruth muss man sich auch merken und googeln. Die war zwar nicht, gehört aber unbedingt aufs Podium von Accessibility Veranstaltungen.

Und wo bleibt die Sache? 2 Workshops für jeden! Die meinen waren, na ja, doch, durchaus interessant. Man muss ja nix mehr drüber sagen, stehn eh im Internet. Irgendwas Neues hört man immer, irgendwas lernt man immer dazu, ob hier oder da. Sie merken, wirklich fasziniert haben sie mich nicht. Erst wenn ich bei Robert Lender nachlese, merke ich wieder, dass da doch einiges Wichtige zur Sprache kam.

Die erste deutschsprachige Studie zur Nutzung des Internets und von Web 2.0-Angeboten durch Menschen mit Behinderung bestätigt wie die meisten Studien schwarz auf weiß, was man sich denken kann. Das war der erste Eindruck nach deren Präsentation. Statistik ist ja immer interessant: An der Internetumfrage für Menschen mit Behinderung nahmen überdurchschnittlich viele starke InternetnutzerInnen teil, daraus schließt die Statistik, weils die Teilnehmerzahl zulässt, Menschen mit Behinderung nutzen das Internet intensiver als DurchschnittsbürgerInnen. Soll sein, wir haben es auch bisher schon so kolportiert. Sie nutzen es selbständig, auch Web 2.0 Anwendungen, und sie stoßen auf Barrieren. Machen Sie sich selbst ein Bild, die Studie steht bald im Internet.

Glücksfaktor 2: Die Erfahrung, gut in etwas zu sein

Bei der Präsentation der Studie haben die Gebärdensprachvideos die halben Zahlen auf der Powerpointpräsentation verdeckt: ein hübsches Sinnbild für die üblen Gefühle, die Menschen mit Behinderungen haben müssen, wenn ihnen die halben Informationen deutlich vorenthalten werden.
Die Präsentatoren waren vermutlich ein wenig unglücklich über die nicht ganz mitreißende Präsentation.

Die gemeinen TagungsbesucherInnen wollen Edutainment und Inspiration. Sie wollen die charismatischen Popstars der Branche hören, sehen und womöglich sogar mit ihnen reden und von ihnen wahrgenommen werden. Nur keine Schulatmosphäre aufkommen lassen, da werden schlechte Erinnerungen wach, da waren wir auch nicht gut.

Mäßig glücklich, gemessen an Glücksfaktor 2, haben mich auch die Workshops gestimmt. Ich bin nicht gut darin, in einer Großgruppe mit 30 bis 40 Leuten großartige Erkenntnisse zu erarbeiten. Großgruppen sind nicht gut darin! Da war so ein deutscher, bildungsbürgerlicher Anspruch im Raum, der Zwang, ein Fazit für die Nachwelt, fürs Internet oder wen immer, zu ziehen. Die Diskussionen in so einem Setting bleiben aber, wenn nicht jemand plötzlich von Genie beseelt wird, an der Oberfläche. Wären sie kontrovers, wärs interessanter, aber sie drehen sich im Kreis und bringen nur mäßig viel Neues. Man denkt sich, was reden die daher, worüber müssen wir da immer noch und immer wieder reden?

Man will was beitragen, stottert einen konstruktiv gemeinten Beitrag, der nun womöglich länger im Internet steht, als man lebt. Blöd! Unglück! Aber vielleicht möchte jemand meinem Verein zum Schutz des nicht druckreifen Sprechens beitreten, den ich gerade beschlossen habe, zu gründen?
Und vielleicht war das Glücksempfinden hier bei 300 Leuten individuell völlig unterschiedlich und weit höher als bei mir.

Glücksfaktor 3: Zusammensein mit Menschen, die wir mögen

Es ist schon deutlich geworden, dass an so einer Tagung die Menschen mindestens ebenso interessieren wie die Themen. Viele Szenegrößen waren da. Mit einigen habe ich Small Talk gepflogen, einigen gern zugehört und einigen dreist ins Gesicht geknipst.

Menschen mit Behinderung, die gut mit ihrer Behinderung leben, sind starke, reife, interessante Persönlichkeiten, und die Leute in der Accessibility Szene sind überhaupt großteils nette, sozial angehauchte, idealistische, gescheite Gutmenschen, mit Anspruch und Qualitätsbewußtsein in ihrer Arbeit. Wir haben zumindestens ein gleiches Interesse: gutes Webdesign. Es müssten nicht grad 300 sein für mein Glück, 3 wären mir lieber, aber ich mag sie alle. Da muss ich gar nicht mal beschwipst sein, um sie alle zu mögen!

Glücksfaktor 4: Die Chance, Teil von etwas Größerem zu sein

Die Accessibility Szene ist kein kleiner schrulliger Zirkel, das ist schon eine beachtliche Bewegung mittlerweile, bei der man gern dabei ist und sich in guter Gesellschaft weiß.
So eine barrierefreie Tagung zum Thema Barrierefreiheit ist auch die gelebte Utopie einer integrativen Gesellschaft.
So hätten wirs gern. Behinderung ist weniger Behinderung als interessantes Persönlichkeitsdetail, das zum Expertenstatus beiträgt. Jeder ist Experte und wird ernstgenommen. Und von 64 Experten und Moderatoren auf den Podien der Workshops sind sogar 13 Frauen, obwohl deren Gehirn doch 10 dag weniger wiegt (Vorsicht: Späßchen, bitte nicht kommentieren) und Frauen sich ungern öffentlich produzieren.
Für alle speziellen Bedürfnisse wird gesorgt und alle kriegen gut zu essen.
Und – das ist zweischneidig – es kostet nicht mal was.

Doch, die efa-Tagung hat mich glücklich gemacht, circa 75%! EDV Tagungen sind in jedem Fall lustiger als Pädagogen Kongresse, meinte Hermi Hedenigg, noch so eine inspirierende Frauensperson.
Die etablierteren und abgebrühteren Tagungsglückssucher holen sich den nächsten Kick im Juni in London bei der @media 2008 web design and development conference. Die kostet dann was und mehr als 75 % Glück werden sie dort auch nicht kriegen.

6 Reaktionen zu “Tagen macht glücklich!”

  1. MI

    Derzeit gibt es Rückblicke auf die EfA-Tagung wie Sand am Meer, und die meisten sind auf der EfA-Website verlinkt. Aber dein Rückblick gehört zu den besonders lesenswerten, sehr nett geschrieben, detailliert und lebhaft. Und ja, ich kann mich an dich erinnern; es kommt nicht häufig vor, dass jemand aus nur einem halben Meter Entfernung ein Porträtfoto von mir schießen möchte. ;-)

    Viele Grüße, MI (der sich fragt, ob »seriöser Techniker« eine gute Schublade ist)

  2. Robert Lender

    Ein echter Putzhuber-Artikel :-) Danke! Er gibt ein lebendiges Bild von der Tagung und den vielfältigen Eindrücken die man gewinnen konnte.
    Ob und wieviel Glück die Tagung beschert hat muss wohl jede und jeder selbst herausfinden. Dazu sind Ansprüche zu vielfältig. Es freut mich, dass auch in meinem Artikel etwas “Neues” zu finden war.
    Nebstbei: Dem Verein trete ich gerne bei.
    Zur Studie. Diese Fragen habe ich mir auch schon gestellt. Für endgültige Rückschlüsse werden wir wohl auf die ganze Studie warten müssen.

  3. Sylvia Egger

    Ich könnte jetzt noch nicht sagen, ein “echter” Putzhuber-Artikel. Dazu ist meine persönliche Statistik dazu noch zu schmal. :-) Ausserdem halte ich weniger von solchen Zuschreibungen. Ich habs nicht so mit den Stilfragen. ;)

    75% würde ich nicht sagen, aber es war ja meine erste Großveranstaltung dieser Art nach BOA im letzten Winter. Mir war das alles ein wenig zuviel an Mensch und querbeet Inhalt. Aber: womöglich schaut da ohnehin nur was an Gesprächen raus und alles an Workshop oder Diskussion in Großgruppe läuft halt so mit.

    Und ich halte mich auch für gescheit und patent. ;) Danke. Ich hoffe, wir bleiben in Kontakt.

  4. Sylvia Egger

    Sorry – aber mein Kommentar ist nun zweimal da, so wollte ich mich nicht verstärkt einbringen. Ich habe garantiert nur einmal geklickt. :)

  5. Maria Putzhuber

    Nett seid ihr! Danke.
    @MI Die Technikerschublade ist sehr respektabel!

    @Robert Beware: Wer dem Verein zum Schutz des nicht druckreifen Sprechens beitritt, verpflichtet sich zu mindestens einem hilflosen blamablen Redebeitrag pro Veranstaltung.

    @Sylvia 2. Kommentar ist gelöscht. Das ist neulich schon mal passiert. Wordpress oder der Provider oder ich sind schuld.

  6. Gerhard

    “DurchschnittsbürgerInnen”

    Man kann es mit dem heute so beliebten “durchgendern” auch übertreiben. Die laut Gesetz absolut ebenbürtigen männlichen und weiblichen Bürger werden dann auch gerne mal in Bürger und Bürgerinnen geteilt. Ich dachte diese Art der Diskriminierung wäre längst überwunden.

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