Das Einspaltenlayout MAIN_web nackt ermöglicht Ihnen, die Schrift stark zu vergrößern: mit der Taste Strg + Mausrad oder im Browsermenü unter Ansicht!

Hier gehts zurück zum Original Layout von MAIN_web.

Sie sind hier: MAIN web Home / MAIN blog / Artikel: WCAG 2.0 Last Call will kommentiert werden

10. Januar 2008, von Maria Putzhuber

WCAG 2.0 Last Call will kommentiert werden

Bin ein fleißiges Lischen und hab die Last Call Draft Version der WCAG 2.0 durchgeackert und flott (und schludrig) zu eigenen Verdauungszwecken übersetzt: Für eilige BerufskollegInnen WCAG 2.0 A, WCAG 2.0 AA, WCAG 2.0 AAA.

Für die Nichteingeweihten: das ist die
Last Call Entwurfsversion der Web Content Accessibility Guidelines
, die nun noch bis 1. Februar kommentiert und kritisiert werden darf (auch von Ihnen übrigens), bevor sie dann den Status einer Candidate Recommendation erlangen soll. Betreffen tun die WCAG vorallem WebseitenmacherInnen, die sich dran halten sollten, um das Internet auch für Menschen mit Behinderungen gut zugänglich zu machen. Geht schon, ist das Fazit. Damit kann man ganz gut leben, oder doch nicht?

Die Level A Erfolgskriterien tun nicht arg weh, AA schon mehr, aber im Normalfall ist das alles machbar mit etwas Engagement.

Außer es scheitert bereits an grundlegenden Sachzwängen, für die die bereits vielgeprügelten Richtlinien EntwerferInnen nichts können. Gescholten wurden sie bislang weniger für zu strenge Vorgaben, mehr für Umständlichkeit, Unverständlichkeit und Verzettelung. Seit 2002 versucht sich die WAI – und mit ihr viel zu viele verschiedene InteressensvertreterInnen – an einer Neuauflage der Web-Zugänglichkeits-Richtlinien WCAG 1.0 von 1999. Was nun vorliegt, ist ein gutes Konsensprodukt, nach einem langen, mühevollen Prozess.

Der Level AAA wird wie auch bisher schönes Kann Ziel für besonders Ambitionierte und PreisanwärterInnen bleiben. Einige der Kriterien davon sind sehr einfach erfüllbar, andere im Weballtag aber ziemlich unrealistisch.

Standards für Profis

Leicht verdaulich sind die Dokumente (normative Richtlinien mit Erfolgskriterien, dazu nichtnormative technische Best Practice Info und Verständnishilfen) immer noch nicht. Es ist aber auch kein leicht verdauliches Thema, und Webgestaltung ist generell ein anspruchsvolles Berufsfeld, in dem sich viel zu viele AmateurInnen wichtig machen. Wer also über die unzumutbar gewundene Formulierung von technischen Standards Dokumenten jammert, muss sich womöglich auch selbstkritisch fragen, ob der eigene professionelle Standard genügt.

Ein paar Problempunkte

Hier nun ein paar schnelle Anmerkungen, zu Punkten, wo ich auch bei meinen eigenen Webprojekten auf Probleme stoße. Vielleicht dient es als Diskussionsanstoß….

1.1 Textalternativen bieten

Über Textalternativen, Alternativtexte für Bilder im speziellen, sollte man eigentlich kein Wort mehr verlieren müssen. Sie sollten selbstverständlich sein. Sie sind es im Weballtag aber keineswegs: für häufig aktualisierte Bildergalerien beispielsweise oder User Uploads von großen Bildermengen wird es vermutlich niemals zur Regel werden, dass sinnvolle Alternativtexte vergeben werden.
Das sind nun vielleicht für blinde UserInnen auch keine sehr relevanten Inhalte, WCAG konform kann und wird es aber niemals sein.

Akustische Alternativen für grafische CAPCHAS werden nur Standard, wenn sie out of the box – in Formulargeneratoren, CMS Plugins – bereits vorhanden sind. Ebenso müssten sich kurze Textalternativen für eingebundene Medien in den vorgegebenen Player Plugins leicht vergeben lassen. Niemand bindet Audio und Video Files oder Flashanimationen heute noch manuell ein.

1.2 Synchronized Media zugänglich machen

Die WAI verwendet nun den Begriff “Synchronized Media” anstelle von Multimedia, um wer weiß welche spitzfindigen Fälle abzufangen. Jedes Wort ist in diesen Richtlinien wohl mittlerweile 2x umgedreht und abgewogen worden und man kommt sich etwas destruktiv vor, da wieder herumzukritisieren, aber eine Standardsorganisation wirkt lebensfremd, wenn sie Fachtermini festlegt, die die Fachwelt nicht verwendet. Lustig: im Google bin ich mit der Übersetzung “Synchronisierte Medien” an erste Stelle gerutscht (die einzige bin ich aber doch nicht). Diese Übersetzung ist sicher falsch und ich bin die Blöde. Ich kanns nicht übersetzen und bitte um Hilfe!

Mit WAI AA Konformität wird sich die Webwelt bei diesem Punkt – wie ja auch bisher schon – schwer tun, weil Live Video- und Audioinhalte rasant zunehmen. Aber es ist klar, ein Video mit Ton ist ohne Untertitel, Textalternative oder Audiobeschreibung unzugänglich für gehörlose und blinde Menschen. Bei multimedialen Inhalten müsste meines Erachtens aber die Wichtigkeit gewertet werden. Bei alltäglicher Schnellproduktion sind Untertitel und Transkriptionen häufig nicht drin.

1.4 Unterscheidbar sein

1.4.3 Ein Kontrastverhältnis von 5:1 für AA Conformance: da scheitert bald mal eine Seite, das ist aber auch nicht Neues. Es sind geprüfte Werte, wer sie nicht einhalten kann, ist nicht barrierefrei für viele UserInnen mit Sehbehinderung.

1.4.4 Eine Textvergrößerung von 200% verträgt vermutlich kein businessübliches Design. Zoomen ist kein Problem, aber nur Textvergrößerung funktioniert auch bei gut programmierten Seiten oft maximal 2 Stufen. Bei 1.0em ist 200% jedenfalls 2.0em, nicht 1.2em. Der Punkt ist etwas unklar formuliert.

2.2 Genügend Zeit geben

2.2.2 Bewegung, Blinken, Scrollen oder automatischer Update von Information können unterbrochen werden, wenn sie länger als 3 sec. dauern.

Werbung ist wohl nicht mitgemeint, oder? Genügt ein Werbeblocker? Ansonsten kann keine Seite, die animierte Werbung schaltet, Barrierefreiheit beanspruchen.

3.1 Lesbar und verständlich sein

3.1.2 Sprachauszeichnung für fremdsprachige Passagen und Begriffe, mit einigen Ausnahmen. Die Vorgaben in den WCAG 2.0 sind deutlich moderater als bislang und akzeptabel. In der freien Wildbahn wird sie aber nach wie vor keiner machen und also strenggenommen nicht AA konform sein.

Information zu nicht W3C Techniken

Technische Hilfestellungen zur Erreichung von WCAG Konformität gibt es von der WAI derzeit nur zu HTML, CSS, ECMAScript, SMIL, ARIA und Web Servern. Proprietäre Formate wie PDF oder Flash werden nicht erwähnt. Die klaren Accessibility Richtlinien hierzu müssen von den Herstellern selbst kommen. Ich hätte trotzdem gerne von der WAI eine klare Ansage, wie die z.B.: PDFs im Web müssen getaggt werden zur Erreichung von Level So und So. Ansonsten verstehe ich, PDFs müssen nur als Text verfügbar sein.

Fazit: Barrierefreiheit kostet nach wie vor Zeit und Geld und Einsatz

Die neuen Richtlinien sind besser als die bestehenden. Und weiterhin wird nur ein Bruchteil aller Webseiten sie ganz erfüllen. Jeder und jede im Webgeschäft sollte sich aber damit auseinandersetzen, weil es Qualitätskriterien sind, die man mit etwas Berufsethos im Leib kennen muss, um dann auch bewußt entscheiden zu können, das ist für mich machbar und das ist es nicht.

Webseiten, die unters E-Government Gesetz fallen, sind zwar in den Inhalten umfangreich, aber meist einfacher gestrickt. Hier gibt es zudem klare Budgets und klare Verpflichtung. Barrierefreiheit ist damit leistbar. Business Seiten lassen sich weniger leicht über einen Kamm scheren, aber auch hier handelt es sich in der Regel um simplen Content, der mit Qualitätsbewußtsein im Hinterkopf ziemlich gut zugänglich gestaltbar ist.

Formulargestaltung mit Eingabehilfen, Fehlerhandling und Kontrollmöglichkeit ist einfach eine Sache professioneller Programmierung.

Interaktive Seiten – E-Commerce, News- und Community Seiten sind aufwendig. Es muss gar nicht um Ajax Barrierefreiheitshürden gehen, simple Produkt und Inhaltsvielfalt, ständige Aktualisierung unter Zeitdruck und Multimedialisierung genügen, um die hehren Barrierefreiheitskriterien für im Alltag nicht mehr machbar zu halten.

Positiv: Die Trennung von Struktur und Layout – das ist so logisch, dass es gängiger Standard werden muss.

Standard Konformität – die Internet Explorer Entwickler freuten sich wie die Schneekönige, weil der kommende IE8 den Webstandards Acid2 Test bestanden hat. Sie haben anscheinend den Spagat geschafft, einen standardkonformen Browser zu schaffen, der gleichzeitig die Fehlerhaftigkeit und Fehlertoleranz bisheriger IE-Versionen weiter unterstützt. Hier geht auch mal der Mainstream in die richtige Richtung.

Eine Reaktion zu “WCAG 2.0 Last Call will kommentiert werden”

  1. Gerald - hyperkontext

    Wow, danke mal für die prompte Übersetzung.

    Wie schon von Dir erwähnt: Diese Richtlinien sind im Großen und Ganzen besser (realitätsnäher) als die derzeit gültigen. Und sie sind selbstverständlich notwendig.

    Ansonsten hab ich aber eine fatalistische Meinung dazu:
    a) Quantitativ wird das genau gar keine Verbesserungen bringen (entweder es ist der Wille zur Umsetzung da oder nicht) und
    b) qualitativ zählt (mit oder ohne Richtlinien) die Gebrauchstauglichkeit.

    Deswegen halte ich bei den Einzelheiten lieber meinen Mund … oder besser gesagt, meine Finger im Zaum.

Einen Kommentar schreiben

top