16. November 2007, von Beate Firlinger
Webstandards für den Web Standard
Damit der ORF nicht so einsam an unserem Blogdorfpranger steht (Bewegliche Ziele), stellen wir ihm den Standard online zur Seite. Als Service gibt es dazu auch wieder einen Prüfbericht, den Maria Putzhuber im Auftrag von MAIN erstellt hat: Der Standard: Accessibility Prüfbericht (PDF, 340kb).
Einen Vergleich erlaubt auch ein schneller BITV-Test der deutschen Prüfstelle BIK in Selbstbewertung: derstandard.at BITV Selbstbewertung. In der linken Navigationsleiste kann der Fragebogen aufgerufen werden, und zwar mit der Fragebogennummer: 1589, Passwort: derstandard.

Komplexe Seite – mangelhafte Zugänglichkeit
derStandard.at ist so wie ORF.at eines dieser komplexen Riesenprojekte, das einen gleich von vorne herein irgendwie entmutigt, Verbesserungen bei der Zugänglichkeit einzufordern. Dazu kommt, dass die Webseite funktioniert, hohe Zugriffszahlen und eine lebhafte Community hat und sehr viel an Information und Service bietet. Gewiss war diese Site auch höchst kostspielig und ist natürlich hochprofessionell (nur für Standardistas auch “merkbar schludrig”, so Maria Putzhuber) programmiert. In der Konzeption wurde offensichtlich die Frage nach der Accessibility überhaupt nicht gestellt geschweige denn mitbedacht. Ein Umbau des teuren, komplizierten Webauftritts erscheint höchst unrealistisch. Webstandards für den Web Standard sind also vermutlich erst bei einem nächsten Relaunch vorstellbar.
In einem BITV Test von Online Zeitungen der deutschen Prüfstelle BIK 2004 wurde der Standard mit 64,5 von 100 Punkten als nicht zugänglich eingestuft. Dieses Urteil lässt sich heute etwas revidieren. Denn Screen-Reader können mittlerweile besser mit Javascript umgehen, die Seite ist damit auch für blinde LeserInnen – sagen wir – “entzifferbar”. Von komfortabler Lesbarkeit kann aber weiterhin nicht die Rede sein.
Die frames- tabellen- und javascriptlose Text only Version des Newsrooms, die 2004 noch kostenpflichtig war, ist mittlerweile frei zugänglich und – aus pragmatischer Sicht für blinde UserInnen – eine nutzbare, wenn auch nicht optimale Alternative: Die Alternativtexte für Bilder in der grafischen Version sind unzureichend, auf Werbung kann mensch auch verzichten, die News sind dieselben. Auch zum Zoomen eignet sich die lineare Textversion besser.
Die Details zum Barrierecheck auf derStandard.at hat Maria Putzhuber für das MAIN_blog nachfolgend zusammengefasst (putzhuber.net, barrierefreies Webdesign und Acccessibility Consulting):
Zusammenfassung des Prüfberichtes
Von Maria Putzhuber
Die Webseite derStandard.at ist nicht WAI konform. Von 66 (Farbkontraste doppelt gezählt 67) Checkpunkten werden bei großzügiger Auslegung 22 nicht erfüllt.
WAI A:
- erfüllte Checkpunkte (mit ?): 7
- nicht erfüllte Checkpunkte: 6
- nicht anwendbare Checkpunkte: 4
Zu tun:
- Alternativtexte überarbeiten
- Einsatz von Funktionsgrafiken überprüfen
- Frames betiteln
- Frames bei verschiedenen Darstellungsmodi überprüfen (z.B. Zoomfunktion von IE7, vergrößerte Schrift, Kontrastmodus, abgeschaltenes CSS)
- Videos untertiteln
WAI AA:
- erfüllte Checkpunkte (mit ?): 17
- nicht erfüllte Checkpunkte: 11
- nicht anwendbare Checkpunkte: 2
Zu tun:
- Textstrukturierung (Überschriften, Absätze) verbessern
- Navigationteile klarer strukturieren (mit Überschriften?)
- Schriftgröße in em
- Validierungsfehler überprüfen
- Tabellenlayout überprüfen
- Tastaturbedienbarkeit von Videos überprüfen
- Sichtbarkeit von Fokus für TastaturbenutzerInnen, Hover Effekte (?)
- klare Linkbezeichnungen
WAI AAA:
- erfüllte Checkpunkte: 6
- nicht erfüllte Checkpunkte: 5
- nicht anwendbare Checkpunkte: 9
Die Webseite derStandard.at entspricht nicht aktuellen Webstandards, sie basiert auf Layouttabellen und Frames. Sie verwendet veraltete (deprecated) HTML Elemente und ist nicht valide. Die Darstellung ist javascriptabhängig. Ohne Javascript steht eine (mittlerweile nicht mehr kostenpflichtige ) Text only Version zur Verfügung. Es gibt auch eine Version für mobile Geräte.
Zugänglichkeit für blinde UserInnen:
Die Seite ist im Prinzip zwar zugänglich mit modernen, javascriptfähigen Screen Readern, aber für blinde UserInnen schwierig in der Handhabung. Sie ist schlecht strukturiert und nicht optimiert für maschinellen Output für Screen Reader. Falls sie optimiert werden sollte, ist ein Usertest mit Betroffenen zu empfehlen.
Bildalternativtexte sind generell nicht für blinde UserInnen optimiert (nur © Infos, fehlendes alt Attribut bei verlinkten Bildern usw.). Im Inhalt fehlt vor allem eine (auch im HTML) strukturierte Navigation (mit Überschriften, Sprungmarken, in Listenform …) und eine strukturierte Textgestaltung (mit Überschriften, Absätzen). Sprachauszeichnung fehlt. Links sind nicht immer klar verständlich.

Textauslese mit dem Webformator
Aus pragmatischer Sicht (viele Betroffene werden ihr nicht zustimmen) ist Screen Reader NutzerInnen eher die Text only Version zu empfehlen. Aber auch sie sollte verbessert werden: Hauptmenü als Liste, nicht mit Trennzeichen Senkrechter Strich. (Ev. leerer) Alternativtext für Werbebanner, eher Verzicht auf beim Vorlesen störende Sonderzeichen wie [+] oder < > bzw. deren Auslagerung ins CSS. Erläuterung von unklaren Angaben wie [668] .
Die Text only Version bietet aktuelle Nachrichten, aber auch das Zeitungsarchiv, nicht jedoch den Bereich Livingroom (Leichtsinn, Reise, Gesundheit etc…). Wetterinfos, Karriere-, Immobilien- und Autoinserate sind bei abgeschaltenem Javascript in einer framelosen Version erreichbar. Diese sollten auch in der Text only Version verlinkt werden.
Zugänglichkeit bei Sehbehinderung:
Die Seite ist bei Auflösung 800×600 ohne Querscrollen lesbar. Sie ist für UserInnen mit Sehbehinderung im Kontrastmodus (Windows mit Internet Explorer; im Opera Kontrastmodus fehlt das Topmenü) und mit Zoomsoftware lesbar.

Kontrastmodus im Opera ohne Topmenü
Mit Zoomsoftware ist eine Seite generell schwerer bedienbar, weil jeweils nur ein kleiner Bildausschnitt sichtbar ist; hier auch im Speziellen, weil die Seite sehr voll ist mit lauter sehr ähnlichen Elementen und (bei Artikelansicht) mehrfache Scrolloptionen da sind.
Die Schriftgröße ist fixiert mit px, im Firefox oder Safari ist Schriftvergrößerung aber um einige Stufen möglich, ohne dass das Layout zerfällt (nicht im IE).
Die Zoomfunktion des IE7 ist aufgrund des Framesets nur erschwert nutzbar.
Das Hauptmenü verschwindet zum Teil, der Hauptframe wird abgeschnitten. Man kann sich zwar mit den Pfeiltasten bewegen, aber müsste querscrollen, um die verschiedenen Scrollbalken der Frames zu bedienen.

Gezoomt im IE7 auf 125%
Der farbige Hintergrund nützt UserInnen mit Blendempfindlichkeit, wirkt jedoch besonders auf der Startseite etwas dunkel und nicht einladend.
Das Verhältnis von Farbsättigung zu Kontrast und die Helligkeitsdifferenz sind ausreichend, nicht jedoch die Farbdifferenz. Blaue Links auf grauem Hintergrund wirken auch für Normalsichtige schwerer lesbar und verschwommen. Weiße Schrift auf hellgrau (z.B. Text only) ist kaum lesbar.
Als zweite Kennzeichnung von Links (neben der Farbe) gibt es kleine Pfeilgrafiken bzw. Fettdruck bei Hauptartikeln. Der Farbunterschied von Links und Normaltext könnte größer sein. Hover Effekte (zur deutlichen Kennzeichnung, dass Text anklickbar ist) fehlen.
Generell ist die Seite sehr voll, mehr Weißraum wäre wünschenswert.
Die Text only Version nützt bei Bedarf nach einem Einspaltenlayout zur starken Vergrößerung, ohne gleich querscrollen zu müssen.
Bedienbarkeit bei motorischer Behinderung:
Die Seite ist tastaturbedienbar (mit Tabulatortaste, Entertaste und Browser Suchfunktion). Es gibt aber keinerlei Navigationsunterstützung für TastaturbenutzerInnen wie Farbänderung der Links bei Fokus, Sprungmarken zum Inhalt oder Zwischenüberschriften. (Überschriften könnten mittlerweile – im Opera – auch mit Tastatur angesteuert werden.)
Das umspringende Hauptmenü ist schwer bedienbar für Menschen mit feinmotorischen Problemen, ebenso divs mit Scrollbalken und kleine Links mit geringem Zeilenabstand.
Das Submenü wird bei Tastaturbedienung nicht angezeigt, ist aber auf Ressortseiten angezeigt.
Angebote für Menschen mit Hörbehinderungen:
Für gehörlose NutzerInnen gibt es keine Gebärdensprachvideos, für Menschen mit Hörbeeinträchtigung und gehörlose Menschen auch keine Untertitelung von Videos.
Angebote für Menschen mit Lernschwierigkeiten:
Für Menschen mit Lernschwierigkeiten gibt es keine Angebote (Kurzversionen, Easy to Read Texte).









Über dieses Blog
Am 19. November 2007 um 23:04 Uhr
Oh la la, das Reizwort Text only! Ich bin darauf hingewiesen worden, dass der Artikel den Eindruck erweckt, der Standard könne mit seiner Text only Version den Anforderungen der Barrierefreiheit genüge tun. Das ist selbstverständlich nicht so.
Textversionen als behindertengerechte Notlösung sind mit dem Einsatz von CSS Layouts längst obsolet geworden. Die Textversion des Standard hat nur als kompaktere Version der Nachrichten ihre Berechtigung.
Sie ist kein gleichwertiger Ersatz und durch ihr mangelhaftes Markup in sich selbst ebensowenig WAI konform wie die restliche Standardwebseite. Sie ist allein durch ihre Kompaktheit auch mit Screen Readern etwas leichter verdaulich. Aber mit Barrierefreiheit hat das noch lange nichts zu tun.
Die Accessibility Probleme der Standard Webseite sind altbekannt. Handlungsbedarf wurde bislang keiner gesehen und auch eine weniger pragmatische Analyse hier würde daran nichts ändern.
Aber die Meinung von echten, betroffenen UserInnen könnte für den Standard vielleicht von Interesse sein, weil dadurch die schwammige Zielgruppe “Menschen mit Behinderungen” konkreter wird. Vielleicht hat jemand Lust hier einen Kommentar abzugeben, warum die Nutzung von derstandard.at für ihn oder sie schwierig ist?