5. November 2007, von Maria Putzhuber
Pfiffige Überschriften

Es gibt erstaunlich viel zu sagen über etwas so Kurzes und Harmloses wie Überschriften.
Hr. Hellbusch behandelt ihre Funktion zur strukturellen Navigation hier im letzten MAIN_blog Artikel. Auch das Access-for-all-Blog schreibt ausführlich darüber: Webtest 1×1: Von Überschriften und Headings. Überschriften sind also wichtige Wegweiser in der Textwüste, besonders für Screen-Reader BenutzerInnen. Damit sei nun genug darüber geschrieben worden, möchte man meinen, aber ich will trotzdem noch ein paar Anmerkungen zur inhaltlichen Gestaltung draufsetzen.
Überschriften sollen klar, knapp und sinntragend sein
Ein Gemeinplatz, oder? Aber halten wir uns dran? Kein bisschen!
- Die WAI sagt es in den Core Techniques for Web Content Accessibility Guidelines 1.0:
“Strive for clear and accurate headings and link descriptions. This includes using link phrases that are terse and that make sense when read out of context or as part of a series of links (Some users browse by jumping from link to link and listening only to link text.) Use informative headings so that users can scan a page quickly for information rather than reading it in detail.”
-
Jede Usability und Texten fürs Web Bibel sagt es, Nielsen und Loranger (Web Usability, 2006, S. 273) predigen es mit erhobenem Zeigefinger:
“Widerstehen Sie der Versuchung, pfiffige oder witzige Überschriften zu texten.”
Sehen wir uns ein paar aktuelle Accessibility Blog Paraden Titel an:
Lustige Titel
- Accessibility Blog Parade: Ich wünsch mir was
- Bewegliche Ziele
- Bobby und Co – 99 Prozent böse!
- Brettl vor’m Kopf
- Maus raus
Klar, knapp und sinntragend? Mitnichten! Wir titeln lieber kreativ.
Ernsthafte Titel
- Barrierefreiheit, Accessibility und Universelles Webdesign
- Barrierefreiheit als Geschäftsfeld
- Barrierefreiheit und die Welt der Prüfzeichen in Deutschland
- Die Vielfalt von Listen in HTML
- Strukturelle Navigation: Beispiel der Gebrauchstauglichkeit
Sinntragend und selbsterklärend ja, auch recht effizient deutsch, an Knappheit ließe sich jeweils noch ein wenig feilen.
Ich kann mir vorstellen, was im Artikel steht, aber mag ihn deshalb noch nicht lieber lesen, außer ich schätze den Autor / die Autorin von vornherein oder erwarte mir große neue Einsichten.
Zuviel Information und zuwenig Zeit
Es gibt natürlich jede Menge gute Gründe für brave, knappe, klare und sinntragende Überschriften und Links.
- Die meisten Internet BenutzerInnen sind zielgerichtet und ungeduldig.
- Sie kommen über Suchmaschinen und suchen ein konkretes Informationspartikelchen.
- Sie bleiben nicht lange auf einer Webseite, sondern fliegen wie fleißige Bienchen von einer zur anderen.
- Sie überfliegen (scannen) Text und lesen ihn höchstens aufmerksamer, wenn er dem momentanen Informationsbedürfnis haargenau entspricht.
- Suchmaschinenn haben keinen Verstand und keinen Humor.
- Blog LeserInnen lesen viele Blogs und haben wenig Zeit (Wahrscheinlich lesen nur gute FreundInnen Blogartikel wirklich genau).
- LeserInnen von RSS Feeds abonnieren viele Feeds, ein Überschriftenlink konkurriert also mit 100 anderen.
- Ältere Internet SurferInnen sind vorsichtiger und klicken angeblich nicht gern auf Links, unter denen sie sich nichts vorstellen können.
- Sehschwache UserInnen mit Zoom Software sehen nur einen kleinen Bildausschnitt und benötigen eine höhere Erinnerungsleistung.
- Blinde UserInnen müssen sich genau überlegen, welchem Link sie folgen, um einigermaßen ökonomisch mit ihrer Lebenszeit umzugehen…
Ist pfiffig trotzdem manchmal besser?
Zu diesem Resultat würde ich nun gerne kommen….
Vielleicht ist uns Google wurscht?
Mit “Accessibility Blog Parade: Ich wünsch mir was” wird eine Suchmaschine nicht viel anfangen, aber wenns um Joomla und Barrierefreiheit geht, stößt man auch so auf Angie Radtke.
Der Artikel “Bewegliche Ziele” von Beate Firlinger im MAIN_blog ist bereits aus der Liste der letzten Einträge gerutscht und also wohl auf Nimmerwiederfinden im Archiv verschwunden, oder? Googelt man ORF und Barrierefreiheit, kommt er erst auf der 2. Seite, davor Artikel aus dem Jahr 2002. Selber schuld! Bei ORF und Accessibility aber schon an Stelle 6 auf Seite 1. An der suchmaschinenoptimierten Überschriftengestaltung kanns nicht liegen, sondern wohl nur daran, dass die emsige Datenmüllsortiermaschine Google sonst nicht viel zum Thema findet.
Vielleicht brauchen wir ein bisschen Spaß im Arbeitsalltag?
Michael Stenitzer hat mich gefragt, ob mir aufgefallen sei, dass der Titel “Bobby und Co – 99 Prozent böse!” eine Anspielung auf Jacob Nielsens apodiktischen Satz “Flash: 99% bad” sei. Ist es nicht und es ist auch egal, die Ironie wird an den meisten LeserInnen vorübergehen, die den Titel nur der hübschen Übertreibung wegen anklicken.
Wenn ich in meinen Magenteepausen die Beine hochlege und meine x RSS Feed Listen aufklappe, klicke ich sicher zuerst auf einen Link, der mir ein wenig Unterhaltung verspricht.
Vielleichts hats unerwarteten Zusatznutzen?
Wenn die personifizierte Zielgruppe: blind und 50+ sich selbst nicht an die Regeln hält, muss man sie hinterfragen. Sucht man nach Brettl vor’m Kopf in Google, findet man Eva Papsts Artikel an 5. Stelle unter lauter kabarettbezogenen Einträgen. Das ist eine recht hinterlistige Methode, um Barrierefreiheit ins breitere Bewußtsein zu rücken.
Vielleichts ist Neugier auch im Internet eine wichtige Triebkraft?
Meine Mutter (als über 70jährige Bäuerin nicht grad die unmittelbare Zielgruppe, aber wahnsinnig gescheit) meinte, am ehesten in der Liste der letzten Einträge im MAIN_blog würde sie noch “Barrierefreiheit als Geschäftsfeld” interessieren, danach “Brettl vorm Kopf”. Man lese doch lieber etwas mit einem schlauen Titel, statt einem wissenschaftlichen. Und ich solle doch einfach einen erklärenden Untertitel druntermachen.
Fazit
Wir schreiben einfach weiter, wie wir wollen. Wir müssen uns nur bewusst sein, was wir wollen.
Und wir achten stärker auf strukturierende Zwischenüberschriften, an der sichtbaren Oberfläche und im HTML. Das ist wichtig. Punkt.









Über dieses Blog
Am 5. November 2007 um 18:08 Uhr
Hab mir schnell mal unsere interne Nutzungsstatistik angesschaut. Ein paar Details:
Die meisten Einstiege und Zugriffe auf das MAIN_web und das MAIN_blog erfolgen über das Feed.
Weit vorne unter den Top 50 aller angesteuerten URLs auf unserer Site liegt bis heute konstant ein Beitrag vom Juni 2006 mit dem überaus sinnstiftenden Titel: “MAINs Stubentiger”. Ist ja auch wirklich süß unser Hauskätzchen
Der – ich gebe es zu – absolut unverständliche Titel “Bewegliche Ziele” zur Geschichte über die Barrieren auf ORF.at schlägt sich übrigens in der Statistik ebenfalls nicht schlecht. (Vielleicht haben ja doch ein paar Menschen vom ORF hineingesurft?)
Was schließe ich daraus: Die Titelgebung spielt sicher eine wichtige Rolle bei Google und Co. Bei Blogs wie dem unsrigen geht es aber nicht so sehr um Masse und Quantitäten und Suchmaschinen. Es geht mehr um die Kommunikationkultur, um spannende Inhalte für die AbonnentInnen des Feeds, um pfiffige Titel und ebensolche Beiträge (wie jene von Maria) für Neuankömmlinge, um kreative (manchmal auch provokative) Botschaften für bestimmte Ansprechpersonen und um die (durchaus auch humor- und lustvolle) Vernetzung von und mit schon Interessierten, die hoffentlich mehr werden.
Bezüglich Zugänglichkeit durch Sinngebung werde ich mir dennoch bei der Titelgebung künftig mehr Mühe geben. Auch Untertitel machen meiner Meinung nach Sinn. Die Verschlagwortung der Inhalte ist ebenfalls zu verbessern und sowieso ein eigenes Thema …
Am 10. November 2007 um 12:42 Uhr
Danke für den informativen und erhellenden Artikel.
Der Blick in Richtung Suchmaschinen fehlt mir fast ganz.
Beim Texten achte ich, berufsbedingt, auf die “richtige” Ansprache.
Dein Fazit ist dann der nächste Punkt, nach dem ich verfahre.
Mit Spass, Gefühl und Wellenschlag entstehen in der Regel meine Überschriften.
Vielleicht sollte ich das mal überdenken.
Gruß aus Bielefeld
M.E.
Am 10. November 2007 um 21:17 Uhr
Im großen und ganzen ein stimmiger Artikel der auch auf dich Problematik von Suchmaschinen eingeht. Wobei ich die Konkretheit von Titeln nicht nur auf Suchmaschinen festnageln würde. Jeder Leser der mit einem Blog noch nichts zu tun hatte wird bei einem witzigen Titel sicher nicht sofort wissen worum es geht. Daher ist eine hohe Absprungrate fast schon garantiert.
Nur in Readern wo bereits bekannte Beiträge zu finden sind bringen witzige Titel mehr weil Sie, sofern der thematische Background des Blogs bereits bekannt ist, die Aufmerksamkeit mehr ansprechen.
Zumindest für die Suchmaschinen gibt es noch eine Zwischenlösung: Einfach den Meta-Tag Title extra vergeben, so ist in den Ergebnissen von Suchmaschinen ein prägnanter Titel möglich und für die Feeds ein Witziger
Am 25. Juni 2008 um 23:41 Uhr
[...] strukturellen Einsatz. Über so etwas Kurzes und Harmloses wie Überschriften (Putzhuber, Maria: Pfiiffige Überschriften, MAIN_blog) lässt sich dann tatsächlich eine Menge [...]
Am 25. Juni 2008 um 23:44 Uhr
[...] strukturellen Einsatz. Über so etwas Kurzes und Harmloses wie Überschriften (Putzhuber, Maria: Pfiiffige Überschriften, MAIN_blog) lässt sich dann tatsächlich eine Menge [...]
Am 14. Juli 2008 um 23:52 Uhr
[...] strukturellen Einsatz. Über so etwas Kurzes und Harmloses wie Überschriften (Putzhuber, Maria: Pfiffige Überschriften, MAIN_blog) lässt sich dann tatsächlich eine Menge [...]
Am 6. August 2008 um 10:22 Uhr
[...] zum Thema Überschriften richtig [...]
Am 6. August 2008 um 10:44 Uhr
Danke der Beitrag hat mir sehr weiter geholfen. Habe auch gleich mal einen Link von meinem Blog gesetzt
. Viele Grüße
Am 6. August 2008 um 12:15 Uhr
[...] wo Überschriften sind“. Trotz web 2.0, Internetblogs noch und nöcher, self-html, usw… scheint das Thema wohl noch nicht wirklich klar zu sein. Wikipedia definiert den Begriff [...]
Am 27. August 2008 um 08:51 Uhr
Sicher ein Dauerthema. Meine Meinung dazu: Allzu “clevere” Überschrifte wie das genannte “Bewegliche Ziele” machen es einem Uneingeweihten nicht leicht, den Zugang hier herein zu finden.
Allerdings freut sich wahrscheinlich der Stammleser, dass ein wenig Sprachspielerei neben Fakten und Tatsachen sozusagen die Konsumation der Inhalte erleichtert.
In diesem Sinn wirkt eine solche Überschrift sogar barrieresenkend, wenn auch auf einer recht unerwartbaren Ebene.