29. Oktober 2007, von Maria Putzhuber
A-Tag 07

Der <A-Tag>07 von accessible media ist bereits Schnee von vorvoriger Woche, aber erst jetzt ist Zeit für eine Executive Summary für die EntscheiderInnen, die nächstes Jahr wieder entscheiden müssen:
- will ich mich fürs Thema barrierefreies Internet interessieren
- möchte ich dabei auf einer Tagung in Wien gesehen werden
Bewertung
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Die Pluspunkte
- Relevanz: ziemlich hoch
- Kosten: gering (aber das Sozialamt hat sich trotzdem gefreut, dass für eine Sozialthema-Tagung überhaupt wer was zahlen mag)
- Vortragende: größtenteils top
- Organisation: sehr professionell (Rudi Konar, www.accessibility.at und Konsorten)
- Ambiente: schick (Techgate Vienna Lounge)
- Aussicht über Wien: grandios (damit auch ein wenig Relevanz in diesen Artikel kommt, ein kleiner assoziativer Sprung zu Barrierefreiheit ist mehr als “Design für Blinde”)
- Catering: sehr fein
- Schwingungen für Pausengespräche: sehr gut
- Sympathiewerte der Anwesenden: hoch
- Nachhall: positiv
Die Minuspunkte
(mit ein wenig Anstrengung)
- miese Frauenquote
- wenig Zeit für Publikumsfragen
- etwas abgekühlte heiße Eisen bei der Podiumsdiskussion und dort auch
- leiser Trend zur Experten Arroganz.
Die Fachleute haben die Basis-Sensibilisierungsarbeit langsam satt und raten zu Google und Accessibility Stammtisch. Wer nicht viel Zeit vergoogeln will, kann Antworten auf die Fragen: wer muss was genau und seit wann und wo steht das, hier finden: Gesetzliche Bestimmungen, Erläuterungen E-Gov Gesetz, Erläuterungen BGStG, Schlichtungen.
Die Inhalte der Tagung sind angeblich in Bälde nachzuhören und nachzulesen bei Freak Radio, die Präsentationen wird’s bei accessible media geben, ein Resümee findet sich bei BIZEPS: Das war “<A-Tag>07: Barrierefreie Medien”.
Lorbeeren für die AkteurInnen
Jede bessere Veranstaltung wird heutzutage fein rundum dokumentiert, man könnte also auch gleich zuhause vor dem Bildschirm sitzenbleiben. Ich fürchte, ich geh zu einer Fachtagung nicht primär der Vortragsinhalte, sondern der Leute wegen, weils hochspannend ist, wer da wie auftritt. Deshalb noch eine wirkungstechnische Analyse des Tagungspersonals vom <A-Tag>07, à la „All the world’s a stage, And all the men and women merely players…“.
Standing Ovations für die Infotainer
Die Highlights einer Tagung sind die Infotainer. Sie ködern das Publikum mit einem einleitenden Fußballwitzchen, bannen es mit typografisch kunstvollem (Tomas Caspers über “Das Web zum Mitmachen: Barrieren in der Praxis”) und bilderreichem Powerpoint (Peter Purgathofer über schräge “Captchas im Spannungsfeld zwischen Accessibility und Sicherheit”), fesseln es mit spannenden Fakten, gewürzt mit Anekdötchen. So mitreißend enthusiastisch wären wir alle gern.
Respekt für blinde HeldInnen
Jan Eric Hellbusch über seine Beratertätigkeit bei zwei Biene-preisgekrönten E-Government Projekten, Eva Papst als Moderatorin: Sie haben es nicht nötig, Eindruck zu schinden, und punkten neben der vorausgesetzten Fachkenntnis mit menschlicher Größe. Das bedient nun ein Klischee, im Alltag werden sie mit menschlichen Schwächen kämpfen wie alle, aber auf der Bühne haben sie besondere Präsenz gerade mit ihrer Behinderung. Vielleicht ist das so, weil sie augenscheinlich vorspielen, woraufs im Leben (wenn man nicht bereits als Kind verhungert) ankommen könnte: mit den eigenen (ungerecht verteilten) Möglichkeiten sein Entwicklungspotential voll auszuschöpfen.
Wertschätzung für die Unprätentiösen
Sie kommen auch nicht schlecht, besonders als charmanter, trockener Schweizer (Markus Riesch zur aktuellen Studie über den Barrierefrei-Status öffentlicher Websites in der Schweiz), als gelassene, freundliche, gescheite Präsenz im Rollstuhl (Shadi Abou-Zahra über W3C-Arbeit, im Besonderen WAI-ARIA), und in der etwas undankbaren Rolle des Präsentators von EU-Reglementierungsvorstellungen (UWEM, Euracert) Klaus Miesenberger.
Gehaltserhöhung für die UnternehmensvertreterInnen
Interessant angelegt sind ihre Rollen: Professioneller Umgang mit Kritik an nicht gut zugänglichen Internetauftritten: durch unschönes Internetbashing für eine nicht so barrierefreie Seite wie vermarktet die Telekom und durch ein drohendes Schlichtungsverfahren für grafische TANs die Bank Austria. Andrea Frauscher und Wolfgang Trexler haben ein sehr positives Bild ihrer Molochunternehmen nach außen vermittelt: da arbeiten sympathische, engagierte, unarrogante Leute, ehrlich bemüht, innerhalb ihres Spielraums zu Verbesserungen für KundInnen mit Behinderung beizutragen. Die Telekom ist beim Relaunch der telekom.com Seite keine Kompromisse mehr eingegangen, die Bank Austria bietet nun auch akustische TANS und Mobile Banking.
Die Parts der bekehrten Unwissenden sind in jedem Fall spannender als die Musterschülerrolle (Johannes Rund über die goldene Biene für help.gv)
Lob für die politischen VertreterInnen
Ihr Repertoir ist etwas eingeschränkt, aber bildet einen feinen Rahmen: Personifiziertes Wohl- und Unterstützungswollen von Staatssekretärin Heidrun Silhavy und dem Leiter des Bundessozialamts Günther Schuster.
Alles in allem war das eine sehr gut durchkomponierte Tagung, sehr straff inszeniert, prächtig ausgestattet und zusammengehalten von der Integrationsfigur der Wiener Web Accessibility Szene, der um-, vor- und nachsichtigen Eva Papst, über die sich nichts Böseres sagen läßt als „Eva Papst for President“.









Über dieses Blog
Am 29. Oktober 2007 um 19:50 Uhr
„Eva Papst for President” – das ist nicht nur ein äußerst charmantes Lob, sondern auch eine durch und durch unterstützenswerte Idee!
Kann man schon irgendwo seine Unterstützungserklärung abgeben?