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22. Oktober 2007, von Eva Papst

“Brettl vor’m Kopf”

Banner 468 x 60, statisch: ueber barrieren im netz. 10.10. bis 11.11.2007. Accessibility Blog Parade.

Nein, hier geht es nicht um das legendäre Kabarettprogramm von Gerhard Bronner & Co, sondern nach wie vor um die Accessibility Blog Parade.

Das “Brettl vor’m Kopf” hat aber durchaus etwas mit Accessibility bzw. dem Fehlen derselben zu tun, etwa dort, wo es als Symbol für die nicht sichtbaren Barrieren in unseren Köpfen steht.

Weg mit dem Brett

Wie ein Brett empfindet man aber auch diverse Barrieren vor allem im Internet, die wie ein Schild mit der Aufschrift “Zutritt verboten” wirken.

Die seitens der diversen Behindertenvertretungen geäußerte Forderung nach besserer Zugänglichkeit und Einhaltung der WAI-Richtlinien sind unüberhörbar. Und diese Forderung hat ja unbestritten Berechtigung, werden doch immer mehr Geschäftsfälle online abgewickelt. Man denke etwa an die vielen Online-Shops, Banküberweisungen oder auch die jährlich fällige Steuererklärung.

Vom Brettl zur Vorlegeplatte

Darum erwartet man als ohnehin beeinträchtigter Benutzer natürlich von WebanbieterInnen und Web-DienstleisterInnen ein Höchstmaß an Know-how über die eigenen Nöte – und natürlich auch über die Nöte anderer behinderter Menschen – über umfassende Barrierefreiheit eben.

Während also gerade aus den Reihen der diversen Selbsthilfegruppen nach acht Jahren Gültigkeit der WAI-Richtlinien ein immer ungeduldiger werdendes Füßescharren zu vernehmen ist, blickt man oft genau in diesen Kreisen kaum über den eigenen Rand des “Jausenbrettls” hinaus. Bei einem Seitenblick auf die Webauftritte von Behindertenorganisationen zeigt sich nämlich oft genug, dass dort wohl die Bedürfnisse der eigenen Leute einigermaßen zufriedenstellend berücksichtigt wurden, man aber einen alles andere als offenen Blick für die Bedürfnisse anderer behinderter Menschen hat – ein paar Vorzeigebeispiele möchte ich von dieser Kritik gerne ausgenommen wissen, auch wenn ich sie nicht namentlich aufzähle.

Angesichts dieses mitunter eingeengten Blickfelds wundert es auch wenig, wenn auch für die vorrangigen Ziele der WebanbieterInnen und deren Prioritätensetzungen nicht genügend Verständnis vorhanden ist.

Vielleicht liegt es ja in der Natur der Sache, dass Menschen mit erschwertem Zugang zu Diensten, die für andere selbstverständlich sind, mit allen Mitteln um eine Verbesserung der eigenen Situation kämpfen müssen und darum vorwiegend auf die eigenen Bedürfnisse fokussiert sind. Sobald man sich dessen aber bewusst wird, beginnt sich der Horizont auch schon zu weiten und mit einem vorsichtigen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus bemerkt man erst das Angebot auf dem Präsentierteller anderer, der für alle etwas bereit hält.

Ein reichhaltiges Buffet

Ob nun Grafiker, Datenbank-Programmierer, CSS-Spezialist, Shop-Inhaber, Behörde, Power-User oder behinderte AnwenderInnen – ein Höchstmaß an Zugänglichkeit wird trotz aller gesetzlicher Rahmenbedingungen nur dann erreicht werden können, wenn alle bereit sind, die Bedürfnisse anderer erst einmal kennen zu lernen, sich damit auseinander zu setzen und sie so gut es geht auch zu berücksichtigen.

Dies gilt gleichermaßen für die Verantwortlichen der Webauftritte und die damit betrauten DienstleisterInnen wie auch für die NutzerInnen des Webs.

Barrierefreiheit beginnt im Kopf

Die eigenen Vorstellungen umzusetzen oder umgesetzt zu wissen, ist sicher befriedigend. Noch erfolgreicher ist es jedoch, die Erfordernisse vieler zu harmonisieren, auch wenn dies gelegentlich den Verzicht auf die Umsetzung kleinerer eigener Wünsche bedeuten mag. Echte Erfolgsrezepte sind eben häufig auf große Kompromissbereitschaft aller Beteiligten zurück zu führen. Warum sollte dies im Bereich Accessibility also anders sein.

Bauen wir also unsere Barrieren im Kopf ab, blicken wir über den Tellerrand hinaus und vernetzen wir unsere Erkenntnisse.

Wenn ich nicht ganz irre, dann ist genau das die Aufgabe dieser Accessibility Blog Parade.

7 Reaktionen zu ““Brettl vor’m Kopf””

  1. Maria Putzhuber

    netter artikel bei sitepoint: warum barrierefreiheit? na, weils unser job ist!
    Why Accessibility? Because It’s Our Job!

  2. Jo Spelbrink

    Mit kopflastigen Argumenten und Fakten wird seit jeher versucht Barrierefreiheit zu vermitteln bzw. zu verkaufen! Und damit werden noch mehr Fakten und Argumente in die Schlacht geworfen … Es muß dem Kunden in den Kopf gehen usw. denken sich viele Professionalisten und Aktivisten dann, die sich die Barrierefreiheit auf die Fahnen geheftet haben.

    Qualität ist etwas, was individuell emfpunden wird. Der Kunde kann nur die Wirkung nachvollziehen, die unmittelbar auf ihn wirkt. Doch nicht nur im Webdesign kämpft man mit diesem Problem.

    Dazu erzähle ich jetzt eine Geschichte von einem österreichischen Lichtdesigner, der im Ausland bei renommiertesten Ausbildungszentren und auch bei den Meistern ihres Fach gelernt hat. Er kam zurück nach Österreich und machte sich hier selbständig. Er wurde kurz darauf von einem Kreativmagazin interviewt und dort beklagte er sich, dass seine Leistung oft nicht erkannt wird und er nicht die Wertschätzung erfährt, die ihm eigentlich zuteil werden müßte. Bei einer Veranstaltung, wo er das Licht gemacht hat, war die Atmosphäre sehr angenehm und das wirkte sich auf die die Stimmung der anwesenden Leute aus. Doch kaum jemand kam auf die Idee, welchen Anteil das Lichtdesign hatte.

    Wir leben in einer Welt, die Respekt vor Leistungen verloren hat, weil sie einfach nur noch blind vorausgesetzt wird. Vor lauter Fakten und Informationen haben wir das Holistische aus den Augen verloren. Komplexität wird ganz allein mit Fakten und Informationen nur komplexer statt einfacher! Darunter leidet die Diskussion um die Barrierefreiheit! Es braucht eine Vision und etwas, was die Menschen bewegt und nicht überfordert!

  3. Christoph

    Es gibt nur ein Argument, das zählt: Geld.

    So schön es auch ist, auf emotionalter Ebene zu argumentieren und in ehrenhafter Manier zu versuchen, das Web zu verbessern und Barrieren abzubauen, es wird leider, leider nicht wahrgenommen.
    Vor allen Dingen nicht von Auftraggebern, die man überzeugen muss. Hier wäre es hilfreich harte Fakten in der Hand zu haben, die genau belegen, was es bringt, in Accessibility zu investieren (ja ich weiß, die gibts teilweise, aber überzeugend sind die nicht).
    Ich kann nachvollziehen, das Auftraggeber sich schwer tun, Geld auszugeben für Dinge, die für sie auf den ersten und vielleicht sogar auf den zweiten nicht greifbar sind. Es spielt sich einfach auf einer für viele nicht verständlichen Quellcode-Ebene ab.

    Eine Treppe oder ein zu schmaler Gang sind für jeden Gehenden eine offensichtliche Barriere für Rollstuhlfahrer. Aber erklären Sie mal dem Big Boss vor seinem 22-Zoll-Monitor, dass die Schrift nicht bei jedem so groß ist wie bei ihm usw.

    Ein weniger web-affiner Entscheider kann leider nicht erkennen, ob die Website von einem Profi in bester HTML/CSS- und Usability-Manier oder in schlampigem Frontpage-Bausatz-Code vom selbsternannten Webspezi von nebenan erstellt wurde.
    Das Fachchinesich, das überall vorherrscht und unter Experten nicht mal zu einheitlicher Deutung führt, siehe “Accessibility” tut sein übriges: “Usability”, “Credibility” und wie wäre es noch mit “Social Responsibility” als Argument. Da raucht einem die Birne bei all den abilities und ibilities. Man merkt es stimmt sehr wohl: Barrierefreiheit beginnt im Kopf.

  4. Eva Papst

    Es ist schon richtig, dass letztlich das Geld zählt, wenn es um die Entscheidung geht, was genau in die Tat umgesetzt werden soll.

    In meinem Beitrag ging es allerdings nicht um Chefs, die keine Ahnung vom Thema haben, sondern eher um die diversen Behindertenvertretungen, die sehr wohl wissen, was ihre eigene Zielgruppe benötigt, aber dennoch häufig das Brett vor den Kopf nageln, wenn es um die Bedürfnisse anderer geht.

    Wenn also schon dort gelegentlich Engstirnigkeiten geortet werden können, wo eigentlich eine gewisse Vorsensibilisierung erwartet werden darf, verwundert es andererseits nicht sehr, wenn analog dazu der Entscheidungsträger eines großen Unternehmens in unserer auf Statistiken basierenden Entscheidungswelt (wie viele Betrifft das? …) den Nutzen guter Zugänglichkeit für alle nicht auf Anhieb erkennen kann.

    Zugänglichkeit für alle ist also noch kein Thema von allgemeinem Interesse. Dagegen hilft nur gezielte Information. Diese kommt allerdings nur dort an, wo eine gewisse Lernbereitschaft gegeben ist, wenn also das Brett vor dem Kopf entfernt wird. Das wiederum ist kein emotionaler, sondern ein mentaler Akt.

    Die Fakten sind im Egovernment-, Zustell- und Behindertengleichstellungsgesetz einigermaßen klar umrissen, die unabhängig von ihrem Bekanntheitsgrad ebenso Geltung haben wie der nicht für jeden klar erkennbare Nutzen von Webseiten, die für alle zugänglich sind.

    So wie man in unserer Gesellschaftsstruktur lieber mehr Geld für Schönheit als für Gesundheit ausgibt, genauso ist man auch eher bereit, für Sichtbares fünfstellige Beträge hinzulegen, während der unsichtbare Teil guter Zugänglichkeit – und damit ein ebenso wichtiger Teil der “Gesundheit” einer Webseite – nur einen Bruchteil davon kosten darf.

    Die Entscheidung, wie man mit dem Thema Zugänglichkeit und den verfügbaren Ressourcen umgeht, ist aus meiner Sicht keine emotionale, sondern eine reine Willensentscheidung, beasierend auf den eigenen Prioritäten.

  5. Jo Spelbrink

    Ich weiß nicht, ob man Barrierefreiheit immer mit dem Geld argumentieren kann. Es ist auch eine Frage des kreativen Verständnisses und der Herangehensweise, wie man ein solches komplexes Thema vermittelt. Da tun sich viele schwer!

  6. Eine letzte Runde um den Blog(ck): Barrierefreies Webdesign - pooker.blog

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