18. Oktober 2007, von Maria Putzhuber
Barrierefreies Web als Geschäftsfeld
Beginnen wir mit name dropping: Jan Eric Hellbusch definiert hier im MAIN_blog Barrierefreiheit neu als Gebrauchstauglichkeit vor dem Hintergrund einer Behinderung. Usability für Menschen mit Behinderung nun also, mehr als reine Accessibility im Sinne von irgendwie Zugänglichkeit.
Ist das Wortklauberei oder eine interessante Neupositionierung der Barrierefrei-Community? Wahrscheinlich hat er immer schon so argumentiert, aber immerhin scheint es ihm nötig, es nochmals sehr deutlich zu machen.
Unternehmen wollen Profit
Alles gut, wahr und schön, aber wer kaufts?
Als das Thema barrierefreies Internet vor ein paar Jahren in Mode kam, haben fast alle damit Befassten – BehindertenvertreterInnen wie Agenturen – die Umwegrentabilität beschworen: inkludierte Suchmaschinenoptimierung, automatisch höhere Usability, Eignung für mobile Geräte, Imagesteigerung, Gesetzestreue und zu guter Letzt 10% mehr potentielle Kundschaft. Ja sogar MigrantInnen könnten im easy to read Shop besser einkaufen (also nochmal 10% drauf), hieß es rührend naiv.
Die schlauen UnternehmerInnen sagen aber immer noch, wenns um ihren Webauftritt geht, “Barrierefreiheit ist mir wurscht, Behinderte sind nicht meine vorrangige Zielgruppe.”
Viele Agenturen, die nicht gerade die öffentliche Hand bedienen, haben sich längst wieder anderen Entwicklungen (web 2.0 und 3.0 und weiß nicht was) zugewandt, die mehr Geld und Innovationskraft versprechen. Die, die in der Barrierefrei-Nische sitzengeblieben sind, können entweder nichts anderes oder sie meinen es ernst.
Wir müssen klüger werden
Das ist der neue Trend: Barrierefreiheit im Internet ist nicht sexy und auf verschlungenen Umwegen profitabel, sie ist ein ernstes Fach, das wissenschaftlich angegangen werden will. Nun wird allenthalben gefördert geforscht, die WAI forscht, die EU forscht, die Biene forscht und auch hier in Wien hat das ZIT – Zentrum für Innovation und Technologie GmbH heuer 1,5 Millionen Euro für den Call Vienna enabled ausgeschüttet für Forschungs- und Entwicklungsprojekte von Wiener Unternehmen, die zur Barrierefreiheit beitragen. Bei 5 von 11 geförderten Projekten geht’s ums Internet. Ich (putzhuber.net, schreibe hier zu Werbezwecken) darf mit dem Leadpartner wienfluss (und werbe auch für die Konkurrenz) gleich bei zwei sehr spannenden Forschungsprojekten mitmachen.
Wir müssen klüger klingen
Der WCAG 2.0 Entwurf ist mit Begleitdokumenten bedeutungsschwer auf hunderte Seiten angeschwollen. WAI-ARIA klingt auch sehr klug. Etwas akademische Abgebrühtheit ist hilfreich, um nicht abgeschreckt zu werden. Wir sprechen nun alle professionell fachenglisch, keine/r verschluckt sich mehr am Wort Accessibility. Auch hier in Österreich, wo wir immer ein wenig hinterherhinken: web-barrierefrei ist zu accessible media geworden und forciert nun design for all. Für eine ernstzunehmende Informations- und Prüfungsstelle fehlen die Ressourcen, aber immerhin wird 1x im Jahr eine so hochkarätige Tagung (heuer A Tag genannt) veranstaltet, dass auch die namhaften deutschen Konferenznomaden anreisen.
Usability klingt klug und ist klug
Barrierefreiheit grenzt sich nicht mehr ab von Usability, sondern hängt sich an die Rockzipfel der etablierten großen Schwester, in der Hoffnung, dass etwas von deren teurer Aura auf sie abfärben möchte. Die teuren Zertifikate für dezidiert barrierefreie Webauftritte bewähren sich bislang nicht, aber die Berücksichtigung von Accessibility und Usability Kriterien in Kombination – user centered design – könnte ein Qualitätsstandard sein, den Unternehmen auch zu kaufen bereit sind.
Unternehmen wollen Qualität
Bei meinen – kleinen – Kunden aus der Privatwirtschaft merke ich das jedenfalls: sie bezahlen mich für Qualität, nicht für eine behindertengerechte Seite. Ein dezentes WCAG 1.0 AA Statement im Impressum als Qualitätsstempel haben sie aber gerne, je kryptischer und damit klüger und ohne sozialen Touch es allerdings bleibt, desto besser.










Über dieses Blog
Am 19. Oktober 2007 um 14:41 Uhr
Wahre Worte, gelassen formuliert!
Ein vernünftiger Seitenaufbau braucht kein “Wir sind die Guten”-Mascherl.
Zugänglichkeit sollte eigentlich in einer Web-Entwicklung ohne viel Herumgerede bereits grundsätzlich inkludiert sein.
Die Sache ist allerdings ziemlich verzwickt:
Auf der einen Seite mangelt es in der Mehrzahl an kompetenten Entwicklern, die schlicht und ergreifend die Grundlagen von HTML und CSS nicht beherrschen und Zusammenhänge oft selbst nicht verstehen. (Klingt verrückt, aber mehrheitlich leider wahr.)
Auf der anderen Seite gibt es
a) keine wirklichen Qualitätskriterien für ein Webprodukt. Das einzig vage Kriterium für Kunden ist die Ansicht auf ihrem Bildschirm.
b) keine wirklichen Anhaltspunkte zur Preisbildung. Der Marktwert für Entwicklung von Webprodukten entwickelt sich gegen 0.
Bezahlt werden eben nur “sichtbare” Animationen, hippes AJAX Getue oder der bekannte Name einer Agentur.
Ist ja auch verständlich: woran soll sich denn ein Kunde sonst halten?
Am 21. Oktober 2007 um 19:50 Uhr
[...] Putzhuber versucht in ihrem Beitrag “Barrierefreies Web als Geschäftsfeld” einige Probleme im Hinblick auf die Arbeit mit Barrierefreiheit als Geschäftfeld [...]
Am 7. November 2007 um 10:49 Uhr
Webdesigner und Programmierer sind es, die die Qualitätsmaßstäbe vorantreiben müssen. Es stimmt, daß der Kunde am Ende immer nur das beurteilt, was er auf dem Bildschirm sieht. Die Barrierefreiheit muß im Hintergrund als Selbstverständlichkeit mitgeliefert werden. Ich denke, das ist unsere Aufgabe als Dienstleister. Wir wissen um die vielfältigen Vorteile bspw. hinsichtlich der SEO.
Zudem sehe ich nicht den Widerspruch zwischen Web 2.0 ff. und Barrierefreieheit. Wie gesat: ich denke, daß es zu unserem handwerkszeug gehören muß, diese Dinge miteinander zu komobinieren. Daß es vor allem in großen Agenturen weniger um Inhalte geht als vielmehr Modeerscheinungen zu verkaufen, steht auf einem anderen Blatt. Agenturen haben nicht nicht nur dieses eine Problem, wie man an den teilweise haarsträubenden Ergebnissen der Usabilitests bei den Webkrauts immer wieder ablesen kann.
Am 7. November 2007 um 21:36 Uhr
[...] die Zugänglichkeitsprobleme von MigrantInnen, Maria Putzhuber versucht den Brückenschlag zwischen Barrierefreiheit, Usabilty und Business, Sylvia Egger hält dagegen und plädiert für die Eigenständigkeit des Themas, ich polarisiere [...]
Am 9. November 2007 um 00:24 Uhr
@ carsten
Sicher haben die Dienstleister hier eine große Verantwortung. Fortschrittliche Weblösungen incl. moderner Standards zur Verfügung zu stellen, heißt eben noch lange nicht, dass diese Technik un die damit verbundenen Möglichkeiten auch umgesetzt werden.
Hier geht es auch um Bewußtseinsbildung und Wissensvermittlung. Deshalb wäre mein Vorschlag, ein Wiki – Dokument aufzubauen, als ständig auszubauende Wissensbasis.