10. Oktober 2007, von Jan Eric Hellbusch
Sinn für Barrierefreiheit
Vorbemerkung Beate Firlinger:
Unsere Accessibility Blog Parade ist eröffnet. Das MAIN_blog öffnet für dieses Webereignis seine Logins für eine Reihe von GastautorInnen. Den Auftakt macht ein grundlegendes Statement von Jan Eric Hellbusch, einem DER Accessibility Experten in Deutschland. Er betreibt eine höchst informative Website zum Thema Barrierefreies Webdesign und eine Website Sinn für Barrierefreiheit. Jan Eric Hellbusch ist übrigens am 19. Oktober 2007 einer der Vortragenden der Veranstaltung A-Tag 07 Barrierefreie Medien von accessible media in Wien.
Was bedeutet Barrierefreiheit?
In dieser Accessibility Blog Parade geht es vor allem um die barrierefreie Webgestaltung und deshalb steht der Mensch mit einer Behinderung stets im Vordergrund. Dass die Barrierefreiheit auch anderen nützt, ist gar keine Frage. Wer aber Barrierefreiheit verallgemeinert und Behinderte nicht an erste Stelle stellt, sollte vielleicht die folgenden Gedanken zur Begriffsklärung beachten.
Immer wieder ist im Web zu lesen, dass es sich bei dem Begriff “Barrierefreiheit” um eine falsche Übersetzung des englischen Begriffes “Accessibility” handele und dass wir eher über “Zugänglichkeit” und “Erreichbarkeit” diskutieren sollten. Es mag sein, dass es auch solche Übersetzungen für “Accessibility” gibt, aber bei “Web Accessibility” wird sogar beim World Wide Web Consortium die Behinderung als Ausgangspunkt definiert:
“Web accessibility means that people with disabilities can use the Web. More specifically, Web accessibility means that people with disabilities can perceive, understand, navigate, and interact with the Web, and that they can contribute to the Web.”
Um es mit Tim Berners-Lee, dem W3C Direktor und Erfinder des World Wide Web, zu sagen: “Die Macht des Webs liegt in seiner Universalität. Zugang durch Alle unabhängig von einer Behinderung ist ein essenzieller Bestandteil.”
Die Zugänglichkeit eines Webauftritts ist dann gegeben, wenn die Inhalte von allen erreicht und verstanden werden können. Allerdings wird die Nutzbarkeit eines Webauftritts erst durch den Nutzer / die Nutzerin beurteilt werden können. Es ist die Nutzbarkeit, die die Barrierefreiheit von der reinen Zugänglichkeit unterscheidet.
Die Barrierefreiheit wird auch in vielen europäischen Gesetzen definiert. Beispielsweise wird im deutschen Behindertengleichstellungsgesetz “Barrierefreiheit” unmittelbar mit der Nutzung durch Menschen mit Behinderungen verknüpft:
“Barrierefrei sind [...] gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.” Folgende Begriffe sind dabei von Bedeutung:
gestaltete Lebensbereiche
Alles, was von Menschen gestaltet wird, kann unter dem Aspekt der Barrierefreiheit betrachtet werden. Die gestalteten Bereiche sind als Gegensatz zu natürlichen Bereichen (wie ein Fluss oder ein Wald) zu betrachten, wobei eine Brücke über den Fluss oder ein Waldweg wieder gestaltete Bereiche sind. Ohne Zweifel gehören Webangebote zum gestalteten Lebensbereich.
zugänglich und nutzbar
Die Zugänglichkeit z.B. zu einem Gebäude alleine reicht nicht für die Barrierefreiheit aus, das Gebäude muss auch sinnvoll nutzbar sein. Ein Gebäude mit Rampen kann für RollstuhlfahrerInnen zugänglich gemacht werden, aber wenn der Fahrstuhl in den ersten Stock nicht breit genug für den Rollstuhl ist, dann ist das Gebäude nicht sinnvoll nutzbar. Im Web ist das ähnlich: Die Zugänglichkeit alleine reicht nicht aus, die Angebote müssen auch von Menschen mit Behinderungen sinnvoll genutzt werden können, um barrierefrei zu sein.
in der allgemein üblichen Weise
Dieser Passus bedeutet, dass es keine Sonderlösungen geben darf. Ein Gebäude ist nicht barrierefrei, wenn es zwar zugänglich ist, aber der Rollstuhlfahrer / die Rollstuhlfahrerin nicht durch den Haupteingang, sondern durch einen Nebeneingang hinein kann. Im Web bedeutet dies, dass es keine “barrierefreie” Versionen eines sonst nicht barrierefreien Auftritts geben darf, sondern dass die Standardangebote von vorne herein zugänglich und nutzbar sein müssen.
ohne besondere Erschwernis
Die Nutzung gestalteter Bereiche darf nicht mit zusätzlichen Hürden belastet werden. Die vorherige Anmeldung eines Rollstuhlfahrers / einer Rollstuhlfahrerin beim Hausmeister eines Gebäudes zur Sicherstellung der rechtzeitigen Bereitstellung einer Rampe ist ein Beispiel eine Erschwernis. Auch im Web gibt es Beispiele für besondere Erschwernisse, wenn z.B. die Inhalte nicht mit der gewohnten Software betrachtet werden können und andere Anwendungen installiert und konfiguriert werden müssen.
grundsätzlich ohne fremde Hilfe
Die Selbstständigkeit möglichst vieler Menschen mit Behinderungen muss beachtet werden. In einem Fahrstuhl muss der Rollstuhlfahrer / die Rollstuhlfahrerin die Tasten bedienen und ein sehbehinderter Mensch muss das Display lesen können. Auch im Web muss vorausgesetzt werden, dass die Nutzung selbstständig erfolgen kann. Obwohl die Nutzung des Webs bei bestimmten Behinderungsarten den Einsatz von speziellen Hilfsmitteln voraussetzt, so ist ein Angebot nur dann wirklich barrierefrei, wenn entweder die Nutzung mit diesen Hilfsmitteln möglich ist oder – im Falle des Versagens – geeignete alternative Hilfsmittel vom Anbieter bereitgestellt werden.
Gebrauchstauglichkeit
Barrierefreies Webdesign bedeutet also, dass Menschen mit Behinderungen ein Webangebot uneingeschränkt und selbstständig nutzen können. Gerade die Nutzbarkeit fordert jedoch, dass die Barrierefreiheit von Webauftritten noch ein Schritt weiter als die reine Zugänglichkeit geht: Die Nutzung muss auch mit den Fähigkeiten und den Hilfsmitteln behinderter NutzerInnen möglich sein. Es handelt sich um eine Gebrauchstauglichkeit vor dem Hintergrund einer Behinderung.








Über dieses Blog
Am 10. Oktober 2007 um 21:39 Uhr
Accessibility Blog Parade: Der erste Tag
Mit dem gestrigen Tag startete die Accessibility Blog Parade von MAIN_blog und "Nur ein Blog". Erfreulicherweise gab es schon einen ersten Beitrag und einige Ankündigungen. Nachfolgend möchte ich diese kurze Revue passieren lassen. Die Reihung
Am 11. Oktober 2007 um 07:58 Uhr
Kann diese Initiative nur unterstützen, denn leider hat dieses Thema im Web noch immer nicht die Gewichtung die es haben sollte. Viel Erfolg und auf weitere interessante Beiträge!
Am 11. Oktober 2007 um 15:11 Uhr
Was ist Barrierefreiheit?
Eine spannende und kontroversielle Diskussion dazu scheint sich auf blanzelot anzubahnen: http://www.blanzelot.de/2007/accessibility_blog_parade/
Am 17. Oktober 2007 um 07:20 Uhr
[...] unter Barrierfreiheit zu verstehen ist, hat Jan Eric Hellbusch in seinem Beitrag “Sinn für Barrierefreiheit” erklärt. Ein lesenswerter Einstieg in das [...]
Am 18. Oktober 2007 um 12:56 Uhr
Was ist Barrierefreiheit?
Die Diskussion dazu setzt sich fort und findet derzeit im Weblog F-LOG-GE statt :
http://grochtdreis.de/weblog/2007/10/16/accessibility-barrierefreiheit-zugaenglichkeit/
Am 18. Oktober 2007 um 15:58 Uhr
[...] wir mit name dropping: Jan Eric Hellbusch definiert hier im MAIN_blog Barrierefreiheit neu als Gebrauchstauglichkeit vor dem Hintergrund einer Behinderung. Usability für Menschen mit Behinderung nun also, mehr als reine Accessibility im Sinne von [...]
Am 6. November 2007 um 20:39 Uhr
[...] Wolfgang Wiese betrachtet das Thema als globalen Ansatz fürs Web, Jan Eric Hellbusch stellt der Mensch mit einer Behinderung in den Vordergrund, Stefan Blanz analysiert den Sinn der Grenzen von Inhalt und Bedeutung des [...]
Am 8. November 2007 um 00:47 Uhr
[...] Jan Eric Hellbusch: Sinn für Barrierefreiheit http://www.mainweb.at/blog/2007/10/10/sinn-fuer-barrierefreiheit/ [...]
Am 12. November 2007 um 12:55 Uhr
[...] “über barrieren im netz” erschienen. Jan Eric Hellbusch hat in seinem Beitrag “Sinn für Barrierefreiheit” erklärt, was er unter Barrierefreiheit versteht. Wer wissen möchte, wie man sie im [...]
Am 24. April 2008 um 19:17 Uhr
Ich kann das ganze Thema hier nur sehr unterstützen. Wir gestalten seit Jahren ausschließlich barrierefreie Webseiten, auch wenn es ab und an schwer fällt, den Kunden klarzumachen was der Vorteil daran ist. Macht weiter so!
Am 31. Juli 2008 um 08:56 Uhr
Ordentliche Programmierarbeit führt auch zwangsläufig zu barrierearmen Lösungen. Durch den konsequenten Einsatz von XHTML und CSS bekommt man einen schlankeren Quelltext.
Dies ist natürlich nur der technische Teil! Allerdings tun sich dann auch Screen-Reader leichter und als positiver Nebeneffekt: die Suchmaschinen sehen dies auch gerne und honorieren dies mit besseren Platzierungen!
Am 15. Oktober 2008 um 21:08 Uhr
Aus meiner Sicht besteht nach wie vor eine Diskrepanz zwischen proklamierter Barrierefreiheit und tatsächlicher. Denn der Aufwand zur tatsächlichen Barrierefreiheit ausgehend von einer gut zugänglichen Webseite ist doch enorm und bringt für Laien und die meisten Entscheider praktisch keinen sicht- oder messbaren Vorteil.
Interessanter wären aus meiner Sicht Argumentationshilfen und Beispiele, um dies Kunden besser vermitteln zu können.
Am 19. November 2008 um 20:57 Uhr
Bei der Konzeption und dem Bau der Website, die Zugänglichkeit ist sehr wichtig, denn wir können nicht übersehen, dass diese Menschen haben körperliche Behinderungen. Es gibt Fälle, in der Webmaster immer verklagt, weil ihre Website nicht bieten für Behinderte.
Am 31. Dezember 2009 um 20:40 Uhr
Zwei Anmerkungen:
) Ausgang gewesen, hätte 1x gereicht. Und nebenbei – Euer Formular hat es dabei etwas zerrupft. Das ist meine “Standard-Barriere” – zu kleiner Text, weil sich nicht an “em” orientiert wird.
1) Meine Augen sind erschöpft, also mußte ich 3x “strg +”drücken, um diesen Blog vernünftig lesen zu können. Wäre die Browser-Schriftgröße (1em
2) Im Gespräch in der Linux User Group habe ich gegenüber von “Profis” (also Leute die beruflich auch Websites erstellen) erwähnt, dass ich mich sehr darum bemühen würde, meine Fotoseite so “Barrierefrei” wie möglich zu machen (soweit es bei Fotos überhaupt Sinn macht), also sie mit der Tastatur bedienbar zu machen. Die Reaktion war, ich sei ungefähr eine von 20 aus einer Million, die sich um solche Fragen kümmern würde
Ich habe, seit ich selber eine Website mache immer mal Seiten getestet – und es hat mich gegruselt. Und CMS scheinen die Sache eher schlimmer zu machen oder?
Na, lasst uns alle auch in 2010 daran arbeiten, dass das Web Nutzerfreundlicher wird – für alle NutzerInnen! Macht weiter! Es ist wichtig!