8. Oktober 2007, von Beate Firlinger
Nachlese Medienworkshop
Am vergangenen Donnerstag, den 4. Oktober 2007, fand in den Räumlichkeiten von MAIN der Workshop „Zwischen Verklärung und Vorurteil – Sichtweisen von Behinderung in den Medien” statt. Diese Weiterbildungsveranstaltung für Medienmenschen wurde von MAIN gemeinsam mit dem Österreichischen Journalisten Club (ÖJC) und dem Österreichischen Zivil-Invalidenverband (ÖZIV) organisiert. (Siehe auch Pressecorner im MAIN_web: OTS-Aussendung von MAIN)
Anlass für den Workshop gab der ÖZIV Medienpreis 2007, der heuer zum zweiten Mal herausragende Medienberichte über Menschen mit Behinderungen im Arbeitsleben und in der Wirtschaft auszeichnet. Die Preisverleihung geht am 15. November 2007 bei der ÖZIV Medienpreis-Gala über die Bühne. Als Mitglied der Jury bin ich schon gespannt, welche Beiträge eingereicht wurden und prämiert werden.
Erwartungen
Zum Workshop am 4.10.2007 haben sich rund 20 Personen eingefunden, die durchaus kontroversiell über ihre Erfahrungen, Erwartungen und Empfehlungen zur Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen debattierten. Als Vertreter der Medien waren Fred Turnheim (ÖJC Präsident) und Claus Reitan (Chefredakteur Österreich) Gäste am Podium. Als betroffene ExpertInnen brachten Mag.a Dorothea Brozek (Geschäftsführerin Wiener Assistenzgenossenschaft), Günter Roiss (Österreichischer Gehörlosenbund) und Mag. Michael Krispl (Verein Blickkontakt) ihre Sichtweisen zum Thema ein.
Fragen
Meine Aufgabe war es, die Diskussion zu leiten und mit inhaltlichen Impulsen zu stimulieren. Angeregt durch die BarCamps und andere offene, lockere und meiner Meinung nach sehr sinnvolle Veranstaltungkonzepte, bereitete ich keinen fixen Vortrag vor. Ich strukturierte den Workshop mit insgesamt zehn Fragen, die ich mit Fakten und Zitaten ergänzte und in den Raum stellte:
1. Wie kommen Menschen mit Behinderungen in den österreichischen Medien vor?
2. Aus welcher Perspektive wird Behinderung in den Medien betrachtet und dargestellt?
3. Welche Rollen werden behinderten Menschen in der Berichterstattung zugeschrieben?
4. Wie wirken sich massenmediale Beiträge auf die Selbstbilder von behinderten Menschen aus?
5. Inwieweit können die Medien dem Wunsch nach einer alltagsnahen Darstellung von Menschen mit Behinderungen nachkommen?
6. Was zeichnet sprachlich sensible, korrekte und nicht diskriminierende Medienberichte aus?
7. Welche Erfahrungen gibt es im Umgang von Medien und Menschen mit Behinderungen?
8. Werden Betroffene als ExpertInnen in eigener Sache wahrgenommen und gezeigt?
9. Wie kann der Blick geschärft, der Dialog verbessert und der Perspektivenwechsel eingeleitet werden?
10. Welche Ideen und Strategien gibt es, um das Bewusstsein für eine zeitgemäße Berichterstattung zum Komplex Behinderung zu heben?
Antworten
Die Antworten auf diese Fragen waren vielfältig und keineswegs einhellig. Dennoch kam die Gespächsrunde zu einem substanziellen Ergebnis: Wir planen gemeinsam mit dem Österreichischen Journalisten Club eine offene Arbeitsgruppe einzurichten. Dieses Forum soll den Dialog zwischen Medien und Menschen mit Behinderungen fördern und das komplexe Spannungsfeld von Medien, Behinderung und Gesellschaft genauer unter die Lupe nehmen.
Studie
Viele Aspekte blieben beim Workshop naturgemäß unterbelichtet und wären Gegenstand weiterer medien- oder kulturwissenschaftlicher Betrachtungen. Zur Frage, wie Menschen mit Behinderungen in den österreichischen Medien dargestellt werden, gibt es bislang erst einige wenige empirische Erhebungen und qualitative Untersuchungen. Dazu zählt vor allem die Diplomarbeit “Darstellungen von Behinderung in der Tagespresse” von Christiane Galehr (Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, 2005). Diese Studie sei hier allen empfohlen, die sich intensiver mit der Materie befassen möchten. Sie kommt unter anderem zu folgendem Befund:
“Bezüglich der sozialen Konstruktion von Behinderung … in den untersuchten Tageszeitungen zeigt sich, dass … die behinderten Menschen hauptsächlich in Zusammenhang mit ihrer Behinderung als klassifizierbares Wesensmerkmal in Erscheinung treten. Damit ist gemeint, dass behinderte Menschen gegenwärtig zwar häufig in die Berichterstattungen eingebunden werden, die Behinderung als das besondere Darstellungselement aber nach wie vor im Vordergrund steht. Dadurch werden behinderte Menschen häufig auf ihre Behinderung reduziert und damit sozusagen durch die Hintertür diskriminiert und instrumentalisiert.”
Die gesamte Diplomarbeit kann online nachgelesen werden: Darstellungen von Behinderung in der Tagespresse, in der bidok, der digitalen Volltextbibliothek des Instituts für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck.
Literatur
Auch das MAIN_web bietet weiterführende Literatur zum Thema. So findet sich in unserer neu gestalteten Infothek MAIN_wissen unter Publikationen ein Zugriff auf die Online-Version des MAINual – Handbuch Barrierefreie Öffentlichkeit, das MAIN 2005 herausgebracht hat. Unter dem Motto “Image innovativ” beinhaltet der 2.Teil des Buches verschiedene Beiträge über Medien, Öffentlichkeit und Behinderung.
Alt, aber gut, ist das Buch der Begriffe, ein Wörterbuch zu Sprache, Behinderung und Integration, das ich im Jahr 2003 mitherausgegeben habe. Ein Nachschlagewerk für alle, die nach Anleitungen für einen nicht-diskriminierenden, respektvollen Sprachgebrauch suchen.
Workshop Salzburg
Abschließend sei hier auch nochmals auf den Workshop “behindert, besonders, bedürftig …?” am 23. Oktober 2007 in Salzburg verwiesen, bei dem es ebenfalls um korrekte Sprache, zeitgemäße Bilder und nicht diskriminierende Darstellungsformen in Medien und Öffentlichkeitsarbeit gehen wird. (Siehe auch Beitrag im MAIN_blog: an die Floskel gefesselt …)









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