Sie sind hier: MAIN web Home / MAIN blog / Artikel: Sehen mit Ohren

18. September 2007, von Maria Putzhuber

Sehen mit Ohren

Die Welt ist ein wenig laut auf dieser CD und so richtig genießen wird den 5 Kanal Ton wohl nur ein Ohrenmensch. Brandneu ist sie auch nicht: Sie enthält Interviewausschnitte von 2001, war ein Kunstradiobeitrag 2005 und kam Anfang 2007 bei Extraplatte heraus.

Aber ziemlich gut ist sie und deshalb auch so komplett verspätet noch besprechenswert! Interessant zum Nachlesen sind die transkribierten Interviews im Booklet.

Es geht um akustische Architektur- und Raumwahrnehmung. Der Elektronikmusiker und Architekt Ulrich Troyer hat dazu sechs blinde Menschen befragt, die ihre Welt zu einem guten Teil durch Hören erfahren. Interviewsequenzen, Stadt- und Innenraumgeräusche wurden zu einem Hörspiel vermixt, montiert und überlagert.

Kochen nach Gehör

Die 2003 verstorbene Behindertenaktivistin Elisabeth Wundsam erzählt hier noch wunderbar lebendig von ihren Kocherfahrungen. Solange man die Kekse noch knistern hört im Rohr, sind sie sicher nicht fertig. Ein Schnitzel in der Pfanne klingt „ganz dumpf und fast verzweifelt“ bevor es anbrennt, und ob die Nudeln al dente sind, hört sie am richtigen Quatschquatsch-Ton beim Umrühren.

Klang und Architektur

Der Musiker Otto Lechner wundert sich, wie akustisch miserabel und unangenehm die meisten öffentlichen Räume sind, mit Materialien gebaut, die erst im 20. Jahrhundert erfunden wurden, nach 4000 Jahren baulicher Kulturgeschichte akustisch „so Scheiße, dass das unglaublich ist“.

Höchst gescheit spricht er von differierenden Raumwahrnehmungen, je nachdem wie seine inneren Resonanzen sind, vom Zusammenspiel von Temperaturempfindung, Luftzug, Nahverhältnis von Haut und Wand oder Umgebung, dem Geräusch des Blindenstocks, das sich an Wänden oder dem, was einem entgegenkommt, bricht oder nicht, und allen weiteren akustischen Informationen, aus denen er sich einen Raum konstruiert. Komplex ist auch seine Analyse der Veränderung eines Raumes im Lauf eines Konzerts, der Raum macht auf und man weiß nicht genau, was passiert ist.

Echohören

Beatrix Klinger hört ihre Zimmerpflanzen, wenn die Blätter groß genug sind. Die Form von Gegenständen, die Größe und Höhe eines Raumes wird durch das zurückkommende Echo vorstellbar. Kerstin Tischler spürt den Widerstand von Gegenständen in Kopfhöhe „irgendwie durch die Haut“, ohne sie ertasten zu müssen, und offene Türen ziehen sie magnetisch an.

Auch Josef Knoll „lebt davon, Hauswände zu hören“, an denen er entlang geht, und hasst stark hallende Räume wie Bahnhofshallen, in denen er sich überhaupt nicht mehr orientieren kann. Man hört sehr viel, sagt Michael Krispl, aber sei trotzdem meist zu schnell unterwegs, um nicht mit Hindernissen, die aus Wänden herauswachsen, wie Postkästen oder Müllkübeln, zusammenzuprallen.

Totale Stille ist mir unsympathisch

Geräusche sind eine sinnliche Erfahrung und Lärm ist Information. Josef Knoll sammelt Meeresrauschen, für Otto Lechner ist es ein Hörgenuss, in einer Kathedrale zu sitzen und eine Frau mit Stöckelschuhen durchgehen zu hören, Kerstin Tischler findet es beruhigend, einen gewissen Geräuschpegel um sich zu haben, und auch Elisabeth Wundsam hatte lieber Lärm als Stille, weil sie dann wusste, was sich draußen und herinnen alles tut.

Kaufen, Hören, Lesen

“Sehen mit Ohren” inspiriert dazu, sich über die eigene akustische Weltwahrnehmung Gedanken zu machen. Die Toncollage ist vielschichtig und hörenswert, die Interviews sind im Booklet nachzulesen und auch elektronisch erhältlich. Wo, das steht in Brailleschrift auf dem schneeweißen Cover der CD, das eine Augenfreude ist. Die CD gibt’s auf der Webseite www.ulrichtroyer.com oder bei www.extraplatte.com zu kaufen.

3 Reaktionen zu “Sehen mit Ohren”

  1. Hans Pointner

    Ich habe die CD SEHEN MIT OHREN auch gehört und kann die Ausführungen von Frau Putzhuber nur unterstreichen. Es war sehr interessant zu erfahren, wie blinde Menschen die Welt wahrnehmen.

  2. Gerhard

    Ohrenmensch? Da ist ja „entartete Kunst“ geradezu harmlos.

  3. Manuela

    Vielen Dank für die Empfehlung. Ich habe mir das Projekt daraufhin besorgt und kann es wirklich auch weiter empfehlen.

Einen Kommentar schreiben

top