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15. September 2007, von Beate Firlinger

Russische Begegnung

“Besuch aus Russland” hieß es für MAIN am vergangenen Montag, den 10. September 2007. Unsere Gäste waren drei Frauen und ein Mann aus dem Föderationskreis Wolga. Diese von der Wolga durchquerte Verwaltungseinheit liegt im Südwesten der Russischen Föderation und wird auch “Privolzhsky Federalny Okrug” genannt. (Siehe auch Wikipedia: Föderationskreis Wolga und Politische Gliederung Russlands.)

Organisiert wurde das Treffen von Franz Kumpl, einem österreichischen Slawisten und Russlandexperten, der die Österreich-Tour der Gruppe auch selbst begleitete. Der international tätige Sozialmanager lebt und arbeitet derzeit in Nischni Nowgorod, der Hauptstadt des Föderationkreises Wolga. Er ist Teamleiter eines groß angelegten Projektes mit dem Titel “Soziale Integration behinderter Menschen im föderalen Bezirk Privolzhsky”, das im Rahmen eines europäisch-russischen Kooperationsprogrammes durchgeführt und von der Europäischen Union finanziert wird.

Selbstbestimmung

Das ambitionierte Projekt startete Mitte 2005 und läuft noch bis Ende 2007. Es umfasst komplexe und vielfältige Aktivitäten in verschiedenen Regionen des Bezirkes Privolzhsky, die sich ein Ziel setzen: eine Infrastruktur zu entwickeln und aufzubauen, die es Menschen mit Behinderungen ermöglicht, als selbstbestimmte und gleichberechtigte Mitglieder der russischen Gesellschaft zu leben.

Modell mit Puppen, eine davon im Rollstuhl, die von Plastik umhuellt ist.

Poster, das beim Projekt-Wettbewerb “Eine Welt für alle” eingereicht wurde.

So wurde etwa ein “Disability Resource Network” geschaffen, um die Vernetzung von Fachleuten und den Know-how-Transfer zu erleichtern, ein Modul “Empowerment für NGOs” im Behindertenbereich gestartet oder ein neues Modell von “Rehabilitationszentrum” eingerichtet, das Angebote zur beruflichen und sozialen Integration von Menschen mit körperlichen Behinderungen setzt. (Wer mehr über die verschiedenen Projektmodule wissen möchte, findet nähere Infos auf der englischsprachigen Website zum Projekt: Social Integration of the Disabled People in the Privolzhky Federal Okrug.)

Bewusstseinsbildung

Eines der Pilotprojekte, das im Oblast Samara (einem Verwaltunsgbezirks des Föderationskreises Wolga) stationiert ist, befasst sich schwerpunktmäßig auch mit Bewusstseinsbildung, Sensibilisierung und Public Relations für die Anliegen und Rechte von behinderten Menschen in Russland.

Poster aus dem Wettbewerb, das einen Rollstuhlfahrer zeigt, der am Meer sitzt und symbolisch mit ausgestreckten Armen die Welt umarmtAls öffentlichkeitswirksame Aktion wurde dabei unter dem Motto “One World for Everyone” ein Wettbewerb für soziale Werbung in den Kategorien Poster, Kurzfilm, Website und Event durchgeführt.

Die Einreichfrist endete mit April 2007 und die Ergebnisse können sich sehen lassen: 365 Einreichungen von kreativen Köpfen mit und ohne Behinderungen aus allen Teilen des Föderationskreises, eine Ausstellung im Samara Regional Museum, die im Juni 2007 feierlich eröffnet wurde, ein dazugehöriger Katalog, der eindrucksvoll die hohe Qualität der Beiträge veranschaulicht, und vier GewinnerInnen in der jeweiligen Kategorie, die von einer fachkundigen Jury gekürt wurden – womit ich schön langsam wieder auf das eingangs erwähnte Treffen zurückkomme. Denn als Preis für die ersten Plätze gab es eine Österreichreise, bei der auch der fachliche Austausch mit MAIN auf dem Programm stand.

Horizonterweiterung

Plakat zur Ausstellung “Die Welt auf Fingerspitzen”: Aus einer Weltkugel ragen Baudenkmaeler, die von Haenden ertastet werden.Für uns war der Besuch der russischen Delegation nicht nur nett, sondern auch in jeder Hinsicht Horizont erweiternd. Denn die TeilnehmerInnen hatten viele interessante Informationen im Gepäck.

Beispielsweise berichtete Irina Alexandrovna, die den Wettbewerb in der Kategorie Event gewonnen hat, über ihre Arbeit. Sie zeichnet im historisch-landeskundlichen Samara Regional Museum “Petr Alabin” (Website in Russisch) als Projektmanagerin für die Ausstellung “Die Welt auf den Fingerspitzen” verantwortlich, die blinden BesucherInnen anhand von Tastmodellen eine Reihe von Architekturdenkmälern in Samara und berühmte Bauwerke der Weltarchitektur zugänglich macht.

Standbild aus Video-Clip, das eine junge, gehoerlose Frau zeigt, die in Gebaerdensprache spricht.

Der junge Student und Videokünstler Anton überreichte uns wiederum seinen Clip, mit dem er den Wettbewerb in der Kategorie Video gewonnen hat. Im Mittelpunkt des Werbespots steht eine junge, gehörlose Frau, die humorvoll und in Gebärdensprache erläutert, wo es aus ihrer Sicht lang geht mit überkommenen Vorstellungen von behinderten Menschen. Anton lebt in Ischewsk, der Hauptstadt der Republik Udmurtien, und will sich beruflich weiter mit “Social Advertising” beschäftigen.

Engagement

“Bei uns ist die Öffentlichkeitsarbeit und die Werbung im Sozialbereich noch sehr schlecht entwickelt”, erklärte Irina Alexandrovna bei unserem Gespräch. Wir, meine Kollegin Brigitta Aubrecht und ich, können das nicht beurteilen, da wir auf dem Gebiet der russischen Föderation so gut wie gar nicht bewandert sind. Aber der Eindruck, den wir durch unsere Gäste gewinnen konnten, ist ein überaus guter. Jedenfalls die Beispiele und Botschaften des Wettbewerbes, die uns gezeigt wurden, brauchen den Vergleich mit österreichischen Initiativen ebensowenig zu scheuen wie das Engagement für eine integrative und barrierefreie Öffentlichkeit und Gesellschaft, das die russischen KollegInnen an den Tag legen.

Danke für diese Begegnung. Spasiba.
Delegation aus Russland vor dem Eingang von MAIN

Foto: Beate Firlinger

PS: Barrierefreies Internet war den Gästen aus Russland übrigens noch weitgehend unbekannt. Doch das wäre ein eigenes Thema.

PPS: Alle Bilder von Beiträgen zum Wettbewerb sind der CD-ROM entnommen, die dem Katalog zur Ausstellung “One World for Everyone” beiliegt.

Eine Reaktion zu “Russische Begegnung”

  1. Artur Hessler

    Der Artikel ist sehr interessant, und eine Zusammenarbeit in der Behindertenhilfe sehr wichtig. Ich bin im Oblast Kaliningrad (Polessk) und in Pskov aktiv. in Fort- und Weiterbildung von Fachkräften in der Behindertenhilfe tätig.Gerne stehe ich für eine Zusammenarbeit und einen Erfahrungsaustausch zur Verfügung.
    Eine Entsendung über den Senior Experten Service Bonn ist kostengünstig möglich.
    Ich bin im Netzwerk International der Lebenshilfe Marburg tätig.
    Ich wünsche allen einen guten Erfolg, viel Erfahrungen und einen langen Atem.
    Mit freundlichem Gruß
    A. Hessler

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