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25. Juli 2007, von Maria Putzhuber

Samma si ehrlich

Der 2. Accessibility Stammtisch in Wien

Der Stenitzer hat gewonnen. 25 Leute waren da, nicht die von mir geunkten höchstens 10. Im Sommerloch haben mehr Leute Zeit für ein Bier und der Stammtisch hat sich schon etabliert als Termin, bei dem es auch beruflich nützlich scheint, dabei zu sein.

Wen’s interessiert: Die alten Hasen waren da: der Schneeball Rudi, der web-tech Wolfram, der wien.at Michael, Herr forms2web und Shadi, unser WAI Mann in Europa. Und zählen wir auch die MAIN Frauen (Beate und Brigitta, die diesmaligen Gastgeberinnen), mich – putzhuber.net und den Lukas vom Gehörlosenbund noch dazu. Die dynamische next generation, der wienfluss Michael, löblicher Organisator des „zwanglosen Get-togethers“ und einige erst kürzer Infizierte: Rosa und Markus futurebytes, die Museumskonzepterin Brigitte und einige selbständige Webdesigner, ein paar MinisteriumsmitarbeiterInnen (Soziales, Verkehr und Bundeskanzleramt), eine Frau von der ÖBB und eine von der Unfallversicherung, ein Usability Dozent und zwei Gebärdensprachdolmetsche, die sich ganz schön angestrengt haben, um die tatsächlich etwas stammtischhafte Diskussion mitzugebärden. Die Galionsfiguren von accessible media hatten Urlaub oder Sommergrippe.

PionierInnen und Akademische ExpertInnen

Edith Vosta referierte kurz über den heuer abgeschlossenen ersten Lehrgang für Barrierefreies Webdesign: www.bfwd.at an der Uni Linz: zweijährig, berufsbegleitend, Online-Lehrgang mit 3 Präsenzwochenenden pro Semester, mit 10-20 Wochenstunden Aufwand, breitem Curriculum und Abschluss mit “Akademische Expertin / Akademischer Experte für Barrierefreies Webdesign”.

Die Fragen aus dem Publikum dienten zu einem guten Teil der Selbstvergewisserung, dass schon immer noch wir die Experten sind (wir, die Pioniere, die sich schon vor 2003 intensiv mit der Materie undsoweiter), auch wenn da jetzt eine Handvoll Zertifizierter am Markt ist. Beruhigend in dieser Hinsicht: eine Webdesign Ausbildung ist nicht Voraussetzung und nett auch Ediths Lampenfieberlapsus: SMIL, ja, haben wir gemacht, aber äh, was war das gleich nochmal? Der Lehrgang bildet AllrounderInnen aus, es hängt wohl vom eigenen beruflichen Hintergrund ab, wie weit und in welche Richtung man sich vertieft. Der nächste Lehrgang startet im Herbst, interessant ist ev. auch ein zweites Angebot der Uni Linz, der Lehrgang für Assistierende Technologien: www.assistec.at

Männer können Stammtisch besser

Einer der Männer fands schockierend (oder sogar erschütternd?), dass alle der drei anwesenden AbsolventInnen den Kontakt und Anschauungsunterricht mit Betroffenen als größten Nutzen des Lehrgangs bezeichneten, dieses „Hut ab vor den Behinderten“, anstelle des Fachwissens. Ich – Frau – verspürte hingegen gleich wieder ein leichtes Stressgefühl: Ich kenne meine Zielgruppe nicht wirklich, sondern benutze sie bloß, um einigermaßen sozial verträglich mein Geld zu verdienen. Ich habe noch nie ausprobiert, einen Computer mit den Augen zu steuern, kann kein Wort Gebärdensprache und vergesse vom einen aufs andere Mal Testen die Tastenkombinationen meiner 40 Minuten Jaws Version. Ich wette, dass keiner der anwesenden Fachmänner je von derartigen Unzulänglichkeitsgefühlen geplagt wurde, sondern alle 100-% überzeugt sind, ganz genau zu wissen, wovon sie reden.

Shadi, der WAI Mann, der Auskunftshirsch für die immer gleiche Frage, wann denn die WCAG 2.0 endlich fertig werden, weigert sich, seit ich ihn kenne, die WAI Richtlinien samt ausufernden Begleitdokumenten in- und auswendig gekonnt aus dem Ärmel zu schütteln. Wäre er die einzige WAI Frau in Europa, könnte er sie im Schlaf herbeten und würde trotzdem etwas nervös und ungenau rüberkommen, weil er sie nicht rückwärts deklamieren kann. Als WAI Mann ist er natürlich sehr kompetent (ist er tatsächlich!) und sein entspannter Zugang zur Sache äußerst sympathisch. Sein Referat über die WCAG 2.0 war interessant und die Diskussion ist ausgeufert, besonders im Machoeck, bis die Gebärden-DolmetscherInnen völlig resignierten.

Erwähnt hat Shadi auch noch ein neues EU Projekt: „WAI-Age – Barrierefreies Web und Senioren“ – die WCAG Arbeit soll dabei auf die Anwendbarkeit für die Bedürfnisse älterer InternetbenutzerInnen hin evaluiert werden (oder so…). In diese speziellen Bedürfnisse werden wir uns über kurz oder lang (hoffentlich) alle bestens einfühlen können, es ist ein größerer Zukunftsmarkt, EU Gelder fließen in die Richtung: Das interessiert uns also naturgemäß alle sehr.

Der Stammtisch war nett, wenn auch kein völlig zwangloses Zusammensitzen. Dafür ist die Marktnische Barrierfreies Internet zu klein und der Profilierungsdrang der Experten, die alle ihr Brot verdienen müssen, zu groß. Stammtischbrüderlich (im positiven Sinn) fühlt sich’s erst an, wenn die Bescheidwisser sich und ihre Arbeit auch selbst ein bisschen ironisieren: „Samma sie ehrlich“, sprach der Stenitzer, „wir leben alle ganz gut davon, dass Tabellenlayout mittlerweile böse ist.“ In diesem Sinne Prost!

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