20. Juli 2007, von Beate Firlinger
Webtalk: Christian Henner-Fehr über Kultur 2.0
Wir setzen unsere lose Reihe der Webtalks fort und haben diesmal den Kulturmanager Christian Henner-Fehr zum Interview per Email gebeten. Er betreibt ein lesenswertes Weblog, in dem er über aktuelle Trends im Kultur- und Projektmanagement berichtet.
Unser Webtalk bewegt sich thematisch in ein Gebiet, das wir mit dem Schlagwort “Kultur 2.0″ umreißen möchten. Die Fragen und Antworten drehen sich dabei um das Spannungsfeld von Kultur, Kommunikation, Partizipation und Web, mit dem sich Christian Henner-Fehr eingehend und professionell befasst.
1. Welche Fragen wirft das Stichwort “Kultur 2.0″ für dich auf?
Zu diesem Stichwort fallen mir einige Fragen ein. Aber nachdem der Webtalk ja doch eher so gedacht ist, dass ich hier Antworten liefere, verkneife ich mir meine Fragen und stürze mich auf den Begriff Kultur 2.0.
Dieses 2.0, das man da an die unterschiedlichsten Begriffe hängt, also Web 2.0, PR 2.0 oder eben auch Kultur 2.0, ist ja eigentlich vor allem eine Provokation, denn die Aussagekraft ist eher begrenzt. Wenn man sich das, was da alles als 2.0 verkauft wird, anschaut, dann geht es vor allem, wie Du auch eingangs erwähnt hast, um Kommunikation und Partizipation.
Diese beiden Begriffe sind für den Kunst- und Kulturbereich auf sehr unterschiedlichen Ebenen interessant. Zuerst einmal auf der künstlerischen Ebene. Kultur 2.0 kann die Aufforderung sein, Kunst nicht nur zu konsumieren, sondern aktiv daran teilzuhaben und selbst Kunst zu produzieren. Robert Scharfenberg hat dazu auf mindestens haltbar einen sehr schönen Text geschrieben. Es könnte aber auch auf der programmatischen Ebene bedeuten, dass wir alle es in der Hand haben, Kunst und Kultur zu definieren. Insofern lassen sich dann Künstler wie Marcel Duchamp oder Joseph Beuys vielleicht als Vorreiter von Kultur 2.0 bezeichnen.
Der Begriff lässt sich aber auch noch anderweitig verwenden, zum Beispiel in der Kommunikation der Kultureinrichtung mit ihrem Publikum, in der Zusammenarbeit mit anderen Kulturbetrieben und schlussendlich innerhalb der eigenen Organisation. In jedem Fall besagt 2.0, das sich etwas im Verhalten, in der Kommunikation verändert. Wenn wir jetzt aber den Begriff Publikum durch Kunden ersetzen, dann sehen wir, dass Kultureinrichtungen in den drei Punkten vor ähnlichen Herausforderungen stehen wie jedes normale Unternehmen auch. Was nicht überraschend ist, denn eine Kultureinrichtung ist ja in gewisser Weise auch ein Unternehmen. Das heißt, wir müssen uns eigentlich über das 2.0 unterhalten.
2. Welche Herausforderungen und Chancen eröffnen sich für den Kulturbetrieb im Zeitalter des Web 2.0?
Das Internet bietet, und da bin ich bei den Chancen, zum Beispiel kleineren Kultureinrichtungen die Möglichkeit, durch geschicktes Agieren eine viel größere Zahl an Menschen zu erreichen als das früher möglich war. Schaffe ich es, mit diesen Menschen in einen Dialog zu treten – und da gibt es unter dem Stichwort Web 2.0 einige hilfreiche Tools wie z.B. Weblogs, Foto- oder Videoplattformen – dann wird es mir unter Umständen gelingen, meine Kultureinrichtung bekannter zu machen und die Zahl der BesucherInnen zu steigern.
Die Herausforderung besteht darin, mich auf etwas einzulassen, was ich letzten Endes nicht steuern kann. Wenn ich das Gespräch, den Dialog suche, dann habe ich keinerlei Garantien, dass mein Gegenüber auch das denkt und sagt, was ich gerne hätte. Das heißt, der Schuss kann auch nach hinten losgehen.
Das Web 2.0 bietet aber auch die Möglichkeit, das in einer Kultureinrichtung vorhandene Wissen zum Beispiel in einem Wiki zu sammeln und allen MitarbeiterInnen zugänglich zu machen. Social Bookmarking erlaubt es mir, meine „Favoriten“ im Internet mit anderen zu teilen. Bis jetzt haben wir immer alleine vor uns hingesammelt. Jetzt können wir unsere Fundstellen mit anderen teilen und voneinander profitieren. Auf diese Weise lassen sich etwa Hintergrundinformationen zu einem Kunstprojekt ohne großen Aufwand an Interessierte weitergeben. Es gibt also sehr viele Möglichkeiten für Kunst- und Kultureinrichtungen, Web 2.0-Anwendungen zu verwenden.
3. Wie werden diese Möglichkeiten der neuen Webkultur von den Kultureinrichtungen wahrgenommen und genutzt?
Noch viel zu wenig. Aber es ist natürlich nicht damit getan, ein paar Videos auf YouTube zu stellen und darauf zu warten, dass das Theater oder der Konzertsaal von einer riesigen Zahl von YouTube-UserInnen gestürmt wird.
Web 2.0 heißt für mich nicht nur, mich über ein paar neue Anwendungen zu freuen und sie auszuprobieren. Web 2.0 verlangt, wenn es erfolgreich sein soll, nach einer entsprechenden Unternehmenskultur. Ich muss im konkreten Fall bereit sein, Kontrolle abzugeben, egal, ob das den Umgang mit meinem Publikum, den Medien oder den eigenen MitarbeiterInnen betrifft.
Die Veränderungen, die wir uns vom Web 2.0 erwarten, können nur dann erfolgreich sein, wenn wir gleichzeitig die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen. Die Einführung einer neuen Software macht aus meinem Unternehmen kein neues Unternehmen. Das ist ein Wechselspiel und die Technologie liefert vielleicht den Input für Veränderungen im Unternehmen.
In Amerika nutzt man die Möglichkeiten von Web 2.0 bereits sehr viel intensiver, z.B. gibt es dort eine recht große Zahl an Blogs, die von den Kultureinrichtungen betrieben wird. Über diese Blogs erreicht man nicht nur potenzielle BesucherInnen, sondern Kultureinrichtungen können auch über mehrere Blogs hinweg untereinander diskutieren und so ein Netzwerk aufbauen, in dem es um ihre Themen geht.
4. Welche guten Beispiele, innovativen Ansätze und interessanten Projekte an der Schnittstelle von Kultur und Web kannst du nennen?
Da ist zum Beispiel das Royal National Theatre, das auf YouTube einen eigenen Channel eingerichtet hat, auf dem in Kurzvideos die nächsten Inszenierungen angekündigt werden.
Sehr aktiv ist aber auch die Tate in dieser Hinsicht. Auf der Website finden sich Podcasts und seit kurzem mit Tate Shots auch eine monatlich aktualisierte Sammlung von kurzen Videos. Diese zwei Beispiele zeigen schon, dass wir hier im deutschsprachigen Raum noch etwas hinten nach sind. Aber ich bin mir sicher, dass sich das ändern wird.
Ein ganz interessantes Projekt ist Steve, ein Forschungsprojekt aus dem Museumsbereich, das sich mit dem Thema Social Tagging befasst. Ziel ist es, mehr Menschen dazu zu bewegen, in Museen zu gehen. Die Idee: Nicht die ExpertInnen erklären die Kunstwerke, sondern Menschen wie Du und ich taggen zum Beispiel Bilder von van Gogh. Vielleicht fühlen sich auf diese Weise Menschen nicht mehr so überfordert, wenn sie einen Ausstellungsbesuch in Betracht ziehen.
Einen innovativen Ansatz habe ich in Darmstadt entdeckt. Das dortige Staatstheater integriert sogenannte Quick Response (QR) Codes in seine Plakate. Dabei handelt es sich um briefmarkengroße Punktraster, die verschlüsselte Informationen enthalten. Über die QR Codes bekomme ich, wie im Fall des Staatstheaters Darmstadt, kostenlose Videoclips auf mein Handy gespielt, die mich zum Beispiel über die aktuelle Inszenierung informieren.
Es tut sich also sehr viel und wir können gespannt sein, wie die Kunst- und Kultureinrichtungen die technischen Neuerungen einsetzen. Wichtig ist es in meinen Augen, dass die Ziele klar sind. Und dann heißt es einfach ausprobieren, ob das, was man sich überlegt hat, auch wirklich funktioniert.
5. Welchen Stellenwert hat deiner Meinung nach das Thema Barrierefreiheit im Zusammenhang mit “Kultur 2.0″?
Ich glaube, Barrierefreiheit hat nichts mit 2.0 zu tun, sondern ist eine Haltung, die es in unserer Gesellschaft zu entwickeln gilt. Es gibt in den angelsächsischen Ländern viel zu kritisieren, aber beim Thema Barrierefreiheit sind sie uns einfach voraus.
Dort bedeutet Barrierefreiheit: Es gibt Menschen, die Einschränkungen unterliegen und die Aufgabe der Gesellschaft – und damit von uns allen – ist es, dafür zu sorgen, dass diese Menschen die gleichen Chancen und Möglichkeiten bekommen wie wir alle.
Bei uns denkt man bei diesem Thema eher an “Behinderte”. Statt Menschen mit Behinderungen einen barrierefreien Museums- oder Theaterbesuch zu ermöglichen, ziehen wir es vor, diesen Menschen verbilligte Eintrittskarten anzubieten. Das ist dann eher so eine Art Schadensersatz.
Ja, und was Kultureinrichtungen konkret machen können, das, denke ich, wisst Ihr bei MAIN wesentlich besser als ich. Bis jetzt sind es vor allem barrierefreie Webseiten und die Behindertenparkplätze vor der Tür. Das ist alles sehr wichtig, aber wie gesagt, Barrierefreiheit endet dort nicht. Und wenn man bedenkt, dass es in Europa vierzig Millionen Menschen mit den verschiedensten Behinderungen gibt und mehr als zwanzig Prozent der Bevölkerung älter als sechzig Jahre alt sind, dann sollte klar sein, dass es sich Kunst- und Kultureinrichtungen gar nicht leisten können, auf diese große Zahl potenzieller BesucherInnen zu verzichten.









Über dieses Blog
Am 20. Juli 2007 um 15:58 Uhr
Vielen Dank, Christian, für diese reflektierten Ausführungen. Noch eine Anmerkung zum Zusammenhang von Kultur 2.0 und Barrierefreiheit: Ich denke, wenn es um eine nicht elitäres, offenes Kulturverständnis geht, das die aktive Teilnahme am kulturellen Leben möglichst vieler (aller) Menschen fördern will, dann ist die barrierefreie Zugänglichkeit von Kommunikation, Medien und interaktiven Angeboten des Web (2.0) nicht nur von Vorteil, sondern eigentlich eine grundlegende Voraussetzung dafür.
Am 23. Juli 2007 um 13:15 Uhr
Auch ich sage danke dafür, dass ich mich hier so ausbreiten durfte, Beate. Mir haben Deine Fragen viel Spaß gemacht und mich zu einigen neuen Gedanken und Ideen angeregt.
Deine Anmerkung ist natürlich völlig richtig. Ich fürchte, ich habe mich bei dieser letzten Frage etwas undeutlich ausgedrückt. ich wollte darauf hinweisen, dass das Thema Barrierefreiheit nicht nur im Zusammenhang mit Kultur 2.0 gesehen werden kann oder muss, sondern als Querschnittsthema eine Ebene weiter oben angesiedelt ist.
Es spielt keine Rolle, worüber wir uns unterhalten, Barrierefreiheit ist immer wichtig, denn es geht darum, Menschen mit Behinderungen die gleichen Chancen zu ermöglichen. Und das überall, nicht nur im Web 2.0 oder im Kunst- und Kulturbereich.
Am 23. Juli 2007 um 20:47 Uhr
[...] Und nachdem ich nun genug über Zukunftspläne geschrieben habe, geht es hier zum Webtalk. [...]
Am 22. August 2007 um 16:17 Uhr
[...] ich kurz gesagt Kommunikation und Partizipation (etwas ausführlicher habe ich das unter anderem hier [...]
Am 1. März 2008 um 09:03 Uhr
[...] ist dieses 2.0 überhaupt? Im MAIN blog Webtalk habe ich gesagt, dass es da vor allem um Kommunikation und Partizipation geht. Ein schönes [...]