3. Juli 2007, von Beate Firlinger
Stadtführung ohne Barrieren
Nachtrag zum LiNK_pr2
Wie angekündigt, hier ein erster Nachtrag zur Abschlussveranstaltung unseres Lehrgangs LiNK_pr2, genauer gesagt zu den Projektarbeiten. Denn während und nach dem Event wurde vielfach der Wunsch an uns herangetragen, mehr über die Projektarbeiten beim LiNK_pr2 zu erfahren. Dem wollen wir nachkommen und vorerst einmal eines der insgesamt vier Projekte näher vorstellen. Weitere Infos zum Lehrgang und zum Event finden sich hier im MAIN_blog in den Beiträgen LiNK_pr2 im Finale und Missing LiNK_pr.
Zum Hintergrund für jene, die nicht im Bilde sind: Beim zweiten Lehrgang für inklusive Kommunikation und barrierefreie Public Relations, LiNK_pr2, entwickelten die TeilnehmerInnen in Kleingruppen Ideen und PR-Strategien für barrierefreie Angebote. Unterstützt wurden sie dabei durch Fachleute aus den Bereichen Accessibility, Kommunikation, Event- und Kulturmanagement, die als Coaches für die Projektarbeiten fungierten.
Herausgekommen sind dabei spannende Konzepte, allesamt fundiert und ausgegoren. Es handelt sich um ambitionierte Vorhaben, die sich um die Zugänglichkeit von Tourismus, Kultur, Kulinarik und Events drehen und die Potenziale von barrierefreien Angeboten für die Wirtschaft erschließen und aufzeigen möchten. Das ist auch im Sinne der Nachhaltigkeit des LiNK_pr2 erfreulich. Denn es ist geplant, dass die Projektarbeiten in nächster Zeit schrittweise realisiert und praktisch umgesetzt werden.
Projekt: Barrierefreie Wiener Stadtführungen
Die beiden Kulturvermittlerinnen Brigitte Hauptner und Susanne Cerepak haben sich für ihr Praxisprojekt zum LiNK_pr2 das Thema “Barrierefreie Wiener Stadtführungen” gewählt. Als Coach betreute sie dabei der Kulturmanager Christian Henner-Fehr.
Bedarfsanalyse
Die Gruppe startete die Projektarbeit mit einer Analyse des Ist-Zustandes. Als Grundlage dafür diente eine Befragung der beiden als relevant definierten Dialoggruppen: Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen einerseits und die Wiener FremdenführerInnen andererseits. Ziel war es, zu ermitteln, ob es überhaupt Bedarf und Interesse an barrierefreien Wiener Stadtführungen gibt. Wie die Auswertung der Fragebögen zeigte, lautet die Antwort eindeutig: Ja.
So haben beinahe drei Viertel der befragten Menschen mit Behinderungen bereits an Wiener Stadtführungen teilgenommen. Ungefähr gleich viele FremdenführerInnen haben bereits Erfahrungen mit der Teilnahme von Menschen mit Behinderungen an ihren Angeboten gemacht. Eine große Nachfrage an diesen kulturellen Aktivitäten ist damit eindeutig erkennbar.
Im krassen Gegensatz dazu bietet derzeit aber nur ein geringer Teil aller FremdenführerInnen eigene Touren für Menschen mit Behinderungen an. Die überwiegende Mehrheit der StadtführerInnen zeigt jedoch großes Interesse, Möglichkeiten zur barrierefreien Gestaltung ihrer Touren kennenzulernen.
Marktpotenzial
Aus diesen Ergebnissen leitete die Projektgruppe Argumente ab, die das wirtschaftliche Potenzial für den Tourismus in Wien benennen. Sie besagen, dass aufgrund der demografischen Entwicklung die Nachfrage nach barrierefreien Angeboten steigt. Barrierefreier Tourismus ist somit als wachsendes Marktsegment mit einem immer größer werdenden KundenInnen-Potenzial zu betrachten. Dazu kommt auch eine Imagesteigerung für die Kulturstadt Wien und eine mögliche Erweiterung des BesucherInnen-Kreises innerhalb des Städtetourismus.
Qualitätskriterien
In den Fragebögen wurden von den behinderten Menschen vielfältige Barrieren aufgezählt, mit denen sie bei Stadtführungen konfrontiert waren. Diese betrafen in erster Linie bauliche Barrieren, aber auch zum Beispiel das unzulängliche Angebot an Führungen in Gebärdensprache wurde beanstandet.
Die genannten Mängel fanden Eingang in die Qualitätskriterien, die Brigitte Hauptner und Susanne Cerepak in einem nächsten Arbeitsschritt zur Frage “Was sind barrierefreie Stadtführungen?“ erstellt haben. Als barrierefrei sind ihrer Definition nach Touren dann zu bezeichnen, wenn zumindest alle Wege und Orte einer Route für Menschen mit Bewegungsbehinderungen zugänglich sind, alle Orte für blinde und sehbeeinträchtigte Menschen sinnlich erfahrbar sind und bei allen Touren eine Dolmetschung in Gebärdensprache angeboten wird. Eine Adaption von angebotenen Touren für Menschen mit Lernschwierigkeiten und/oder mehrfach behinderte Menschen könnte in einer weiteren Projektphase konzipiert und vorgenommen werden.
Als Qualitätskriterien für ihr Projekt definieren die beiden Kulturvermittlerinnen unter anderem die enge Einbindung von Menschen mit Behinderungen in das Projektteam, die Qualifikation der Tour-LeiterInnen sowie die laufende Überprüfung der geführten Routen auf Hindernisse und Barrieren.
Sensibilisierungs-Tour
Zur praktischen Umsetzung des Projektes haben Brigitte Hauptner und Susanne Cerepak eine Reihe konkreter Maßnahmen ins Auge gefasst. Sie reichen von Test-Touren von Menschen mit Behinderungen über Sensibilisierungs-Touren für FremdenführerInnen bis hin zu Kommunikations-Workshops für alle Beteiligten.
Zunächst einmal soll aber durch eine Projektförderung dem barrierefreien Wiener Stadtspaziergang weiter auf die Sprünge geholfen werden. Danach ist für die beiden Kultur-Fachfrauen eine Ausweitung des Angebotes zum Bummel ohne Barrieren in alle möglichen Richtungen vorstellbar.









Über dieses Blog
Am 6. Juli 2007 um 22:32 Uhr
Danke, dass es zu den Projekten nunmehr auch Berichte geben wird.
Dass sinnlichere Erfahren von Orten etc. könnte ich mir durchaus auch für nicht sehbeinträchtigte Menschen positiv vorstellen.
Am 31. März 2009 um 16:58 Uhr
super artikel, klingt interessant!