30. Juni 2007, von Angelika Pichler
Gefühle in Bewegung
Vorbemerkungen von Beate Firlinger:
Heute, am 30. Juni 2007, hat das Tanztheater “membran” seinen letzten Auftritt im Odeon-Theater in Wien.
Die aktuelle Produktion des tanzfabrik-wien unter der Leitung von Mario Mattiazzo ist experimentelles Tanztheater über Gebärdensprache und Gefühle mit gehörlosen und hörenden DarstellerInnen. Es geht um Ausdrucksformen der Kommunikation und im speziellen um Bewusstseinsbildung für die Gebärdensprache als Muttersprache, als eigenständige Kultur. In der Zusammenarbeit von gehörlosen und hörenden DarstellerInnen werden auf beiden Seiten Barrieren abgebaut und der Blick auf neue Welten freigegeben. Membran ist die Integration der Hörenden in die Welt der Gebärdensprache durch Fühlen und Schauen.
Auch wenn vorerst keine weiteren Aufführungen geplant sind, möchten wir dieses Projekt hier im MAIN_blog vorstellen. Dies auch deshalb, weil wir glauben, dass das Interesse für die “Übersetzung” von Musik, Rhythmus, Klang und Emotion in Gebärdensprache und Tanz groß ist. Der nachfolgende Artikel von Angelika Pichler von der tanzfabrik-wien bietet einen guten Einblick in die “Gefühle in Bewegung” und die Welt ihrer DarstellerInnen:
Tanz und Gebärdensprache
Was haben Gebärdensprache und Tanztheater miteinander zu tun? Die Gebärdensprache ist eine räumliche Sprache, sie besetzt Raum. Mario Mattiazzo, der Initiator des Tanztheaters membran mit gehörlosen Menschen, erklärt: „Ich bin Tänzer und Choreograph, mich interessieren vor allem Bewegungen. Mich interessieren Inhalt und Bedeutung von Bewegung. Tanz ist für mich eine Form zu kommunizieren. Tanz muss Informationen übertragen. Gebärdensprache und Tanz passen für mich sehr gut zusammen: Die Gebärdensprache ist auch Gestik und hat eine Bedeutung und der Tanz und die Choreographie haben auch eine Bedeutung.“
prozesshaft
Die Anerkennung der Gebärdensprache in der Österreichischen Verfassung im Juli 2005 inspirierte ihn zu diesem dritten Stück, das sich um Gefühle wie Trauer, Freude, Liebe, Angst dreht. „Die Frage ist, wie kann man diese Gefühle mittels Bewegung und Tanz vermitteln?“ Mario Mattiazzo arbeitet mit der Improvisationstechnik, es gibt wenig Vorgaben und mit dem, was die Tänzer und Tänzerinnen hervorbringen, wird prozesshaft gearbeitet. Mario Mattiazzo arbeitet mit gehörlosen LaiendarstellerInnen, da es keine ausgebildeten gehörlosen TänzerInnen in Österreich gibt. Die hörenden DarstellerInnen haben eine Ausbildung hinter sich. Wie gestaltet sich die Arbeit mit hörenden und gehörlosen Menschen?
kreativ
„Das Positive bei gehörlosen Menschen ist: Sie sind meist kreativer, man bekommt viel von ihnen”, sagt Mattiazzo dazu. “Die erfahrenen hörenden Tänzer und Tänzerinnen sind sehr zielstrebig und meist auf eine Sache, auf ein Ziel konzentriert. Die gehörlosen Laien sind da viel spontaner. Die Prozesse sind weniger konsequent, dafür kreativer, viel kreativer. Ich arbeite auch gerne mit Leuten, die noch zusätzlich etwas einbringen. Es gefällt mir, wenn zum Tanz viele Aspekte hinzukommen: Malen, Filmen, Bildhauerei.“
ganznormalanders
Nadia Kichler hat im Dezember 2004 beim Tanztheaterprojekt „Changing Rhythms“ mitgewirkt. Darin stand die Jugendkultur im Mittelpunkt. Kichler ist gehörlos und studiert Molekularbiologie an der Uni Wien. Sie macht diesmal wieder mit, weil: „Ich wieder neue Erfahrungen sammeln und eine neue Herausforderung annehmen möchte. Vor zwei Jahren haben wir hart gearbeitet, aber es hat auch viel Spaß gemacht. Ich tanze gerne und ich freu mich auch schon wieder auf die Improvisation. Was ich noch sagen möchte: Solche Arbeiten, Projekte mit Gehörlosen und Hörenden werden immer noch als fremd empfunden, so andersartig, und das finde ich schade. Mit Hörenden zu arbeiten ist für mich ganz normal, umgekehrt ist das anders. Ich möchte trotzdem an solchen ‘fremden’ Konstellationen – Tanz mit Hörenden und Gehörlosen – mitarbeiten. Die Welt soll endlich mal erfahren, dass es Gehörlose gibt und dass wir natürlich anders sind, aber ganznormalanders.“
Alice heißt eigentlich Xiaoshu Hu, hat jedoch diesen neuen Nahmen angenommen, weil ihren ursprünglichen Namen hier niemand aussprechen konnte. Sie ist zum ersten Mal mit dabei. Die gehörlose Studentin an der Akademie der bildenden Künste ist vor drei Jahren von China nach Wien gekommen und hat schon in China gerne Theater gespielt und getanzt. Dies ist eine gute Gelegenheit für sie, einem ihrer vielen Interessen nachzugehen. Ein weiteres Anliegen von Alice ist auch: „Ich möchte tanzen. Ich erwarte mir, dass das Gehörlosenleben, die Gehörlosenkultur und die Gebärdensprache mit einfließen. Und dass wir das dem Publikum näher bringen.“
expressiv
Für die Verständigung wird bei Gebärdensprachen nicht der akustisch-auditive Kanal verwendet, sondern der manuell-visuelle Kanal. Gebärden werden mit Hilfe der Hände, des Gesichts und der Kopf- und Körperhaltung gebildet. Die Verwendung des Raums spielt dabei eine besondere Rolle, denn grammatische Strukturen werden hauptsächlich durch die Bewegung der Hände im Gebärdenraum ausgedrückt. Gebärdensprachen sind somit “räumliche Sprachen”. Wie expressiv dieser Raum genutzt wird, spiegelt die Emotionalität des Sprechers/der Sprecherin (oder des Textes) wieder. Dem Einsatz der Mimik kommt eine wichtige semantische Rolle zu, da sich aus dem Gesichtsausdruck die Intensität der Gefühle ablesen lässt.
spielerisch
Parallel zu den Aufführungen bieten wir auch Tanzworkshops unter dem Motto: „gehör los tanzen!“ für Schulen an. Ziel ist es, mittels Tanz einen neuen Zugang zu einer Sprache zu gewinnen. Der Körper wird dabei als Kommunikationsmittel wahrgenommen und spielerisch eingesetzt, um dadurch das Interesse an der Gebärdensprache, insbesondere der ÖGS (Österreichischen Gebärdensprache), zu wecken. Die Sprache kann in choreographischen Sätzen von den SchülerInnen erforscht, ausgetastet und ausgelebt werden.









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