20. Juni 2007, von Maria Putzhuber
M:0:07 Award
Barrierefreie Ausstellung Maler Ahoi!
Museum Online, eine Initiative von Kultur Kontakt Austria, fördert Kunstvermittlung von Museen und daraus resultierende Webprojekte an Schulen. Beim diesjährigen Wettbewerb zum Thema „Unbekannte Sammlungen“ hat auch die barrierefreie virtuelle Ausstellung „Maler Ahoi!“ von Belvedere, Bundesrealgymnasium Franklinstraße (F21) und der Hauptschule des Bundesblindeninstituts (BBI) einen Preis gewonnen.
Ausstellungstipp für die Mittagspause: www.museumonline-belvedere07.at
Weils schade wär, wenns nach Projektende keine/r mehr ansieht, will ich (selbst beteiligt als professionelle Webdesignunterstützung) ein wenig klappern: Herausgekommen nach mehrmonatiger Arbeit in Belvedere und Schule ist eine spannende Ausstellung zum 150-jährigen Jubiläum der österreichischen Novara Expedition, kuratiert von SchülerInnen aus 1. Klassen des Floridsdorfer Gymnasiums, mit schönen Bildern, hauptsächlich vom Expeditionsmaler Joseph Selleny aus dem Depot vom Belvedere, unverblümten und sehr genauen Bildbeschreibungen der 11-Jährigen, die teils auch in Gebärdensprache übersetzt wurden, vielen Zusatzinfos und tollen Skulpturen von HauptschülerInnen des BBI.

Die Route der Novara, (c) BBI, S. Cerepak
Keine Langeweile auf der Novara
Man muss sich ein wenig einlassen auf die sehr umfangreiche Webseite und hineinlesen in die Texte der SchülerInnen und wird dann beeindruckt davon sein, was Kinder, die letztes Jahr erst die Volksschule hinter sich gelassen haben, zustandebringen.
Die Webseite dokumentiert das gesamte Projekt: Interessant sind auch die Hintergrundinformationen zur Novaraexpedition und zum Weg eines Kunstwerks vom Depot in eine Ausstellung. Im Logbuch gibt’s viele Fotos, die die Arbeit der SchülerInnen dokumentieren und von ihnen selbst ins Netz gestellte Texte.
Texte schreiben in Wordpress, (c) F21, D. Höfferer
Engagement
Projektarbeit an Schulen braucht besonderes Engagement von allen Beteiligten. Dieses Beispiel scheint mir recht gelungen zu sein: fächerübergreifend und in den Unterricht integrierbar. Neben der Kunstvermittlung wurden allerhand Textsorten aus dem Deutschlehrplan abgehandelt (und die Rechtschreibfehler waren wunderbar bis furchterregend).

Arbeit mit Bildern, (c) F21, D. Höfferer
Beim bildnerischen Gestalten der Route der Novara im BBI wurde ganz nebenbei auch jede Menge Geographie und Geschichte rübergebracht. Das Thema Expedition wurde diskutiert, gespielt, gemalt, in Texte und Skulpturen verarbeitet, im Internet recherchiert und nach verschiedenen Blickwinkeln in Ausstellungsräume gebracht.
Integration
Bei einem gemeinsamen Termin von Kindern beider Schulen im Belvedere war’s schön zu sehen, wie selbstverständlich die sehenden Mädchen ihre blinden Kolleginnen bei der Hand genommen haben.
Ansehen der Originale aus dem Depot, (c) Belvedere, S. Cerepak
Hemmungen im Umgang mit Behinderung haben eher Erwachsene als Kinder. Bei der Preisverleihung hätte ein 13-jähriger Schüler keine Angst gehabt, vor über 100 Leuten zu demonstrieren, wie er als Blinder mit dem Internet umgeht. Ein wenig Angst hatte aber wohl die Moderatorin, dass eine Projektpräsentation mehr Raum beansprucht als die anderen und ihr Zeitplan durcheinanderkommt. Sie hat’s abgewürgt und der Bub konnte sein angeschlepptes Equipment wieder einpacken und sich fragen, wozu er sich auf die Präsentation so gut vorbereitet hat. Schad: Interessant wär’s gewesen.
PS: Sehr sehenswert sind übrigens auch die anderen Projekte: großer Respekt für die tolle Arbeit – vier der neun Ausstellungswebseiten sind auch bereits sehr professionell nach aktuellen Webstandards programmiert. Da braucht’s dann für Barrierefreiheit nicht mehr soviel …









Über dieses Blog
Am 25. Juni 2007 um 10:47 Uhr
Ein toller Artikel, der alles Wesentliche auf den Punkt bringt und überdies vielleicht dazu beitragen kann, dass dieses Projekt nicht allzu schnell in der Versenkung verschwindet.
Das wäre wirklich schade, denn schließlich hat Maria nicht nur als Programmiererin, sondern auch in inhaltlicher Hinsicht (durch ihre prägnante Abhandlung zum Thema “Was ist Barrierefreiheit im Netz?” habe auch ich endlich bis ins kleinste Detail verstanden, was es damit auf sich hat) wertvolle Beiträge geleistet. Darüber hinaus handelte es sich auch um ein besonders spannendes und zeitweise sehr berührendes Unternehmen. Spannend, weil sich die SchülerInnen unter der Ägide ihrer LehrerInnen Dagmar Höfferer und Felicitas Dornstauner mit so viel Engagement, Liebe zur Sache und Akribie auf das komplexe Thema eingelassen haben. Berührend, weil die “Integrationsfrage” wohl wirklich erst durch unsere Erwachsenen-Gesellschaft zum “Problemfall” gemacht wird. Den meisten Kindern – das hat die Erfahrung wieder einmal gezeigt – braucht man nämlich keine “Do’s” and Dont’s” im Umgang mit behinderten Menschen erklären. Sie lassen sich wie selbstverständlich auf das “etwas Anderssein” ein. Sie unterstützen dort, wo ein wenig Hilfe notwendig ist und fragen ganz unbefangen nach den Bedürfnissen – die dadurch gar keine “besonderen Bedürfnisse” mehr sind, sondern eben ganz selbstverständlich werden (eine schöne Sache, wenn man bedenkt, dass sonst europaweit gerade um die Selbstverständlichkeit gerungen werden muss). Die war für mich persönlich die wichtigste Erfahrung in den sechs Monaten Projektdauer. Für andere könnten es die vielfältigen Facts rund um die Novara-Expedition sein, die fantasievollen Geschichten über Joseph Selleny oder die tolle Relieflandkarte der SchülerInnen des BBI – alles Aspekte, für die es sich in jedem Fall lohnt, einen Blick “in den Kunstspeicher” zu werfen!
Susa Cerepak, Belvedere
Am 3. Juli 2007 um 19:20 Uhr
Herzlichen Dank für den informativen und umfangreichen Artikel. Nach nunmehr ein paar Tagen Abstand und den abgeschlossenen Dokumentationen ist es nach wie vor eine wunderbare Erinnerung an ein spannendes Projekt. Besonders der fächerübergreifende Aspekt war die Herausforderung an alle Teilnehmer/innen (Schüler/innen und Lehrerin),
das Ergebnis zeigt jedoch, wieviel man jungen Menschen abverlangen kann.
Für die Zukunft wünsche ich mir viele solcher Schüler/innen und weitere Projekte mit Projektpartner/innen wie dem Blindeninstitut, dem Belvedere Wien und dem Webdesigner-Duo Putzhuber/Nussbaum.
Dagmar Höfferer, Lehrerin am GRgXXI – Wien 21