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5. Dezember 2006, von Maria Putzhuber

Gender ist kein Thema…

Die Finalteilnehmer der BIENE 2006 stehen fest.
…Teilnehmen am Biene Award können Betreiber und Gestalter deutschsprachiger Webangebote. Für junge Webdesigner in der Ausbildung oder im Studium schreiben die Veranstalter einen Nachwuchspreis aus…

Barrierefreies Webdesign ist Männersache

Barrierefreies Webdesign ist eine männlich dominierte Szene könnte frau kritisieren. Diese Szene ist sensibilisiert für behindertengerechte Sprache, sie wird immer brav Menschen mit Behinderungen sagen statt Behinderte und nie und nimmer von geistiger Behinderung sprechen, obwohl sich die Lebenslage von Menschen mit Lernschwierigkeiten deshalb nicht signifikant verbessern wird.

Mit geschlechtergerechter Sprache hat sie hingegen nichts am Hut, das ist bloß umständlich und langatmig, die Texte werden länger, die Einkommensunterschiede von Frau und Mann nicht kleiner, Screenreader lesen holprig, wenn da ein Binnen-I steht (obwohl die kleine Sprechpause eigentlich eh der Sinn der Sache ist) und Frauen sind natürlich, selbstverständlich immer mitgemeint.

Die Barrierefrei Szene ist konservativ

Engagement für die eine Zielgruppe scheint Engagement für die andere auszuschließen. Barrierefrei AktivistInnen scheinen aus eher konservativen (christlich sozial – wohltätigen?) Kreisen zu stammen, die haben andere Sorgen als auch noch feministische Empfindlichkeiten zu bedienen.

Mit dieser vereinfachenden Vorannahme habe ich einen Blick auf die Startseiteninhalte der “Finalisten” geworfen auf der Suche nach denen, die neben technischer Barrierefreiheit womöglich auch noch sprachliche Inklusion, Berücksichtigung und Sichtbarmachung von 50% der Menschheit hinkriegen.

Bei pfizer.de/ finde ich
Patienten, die gerade von Ihrem Arzt ein Medikament verschrieben bekommen haben.

Beim bundesrat.de bilden Vertreter der 16 Landesregierungen den Bundesrat.
Ja, muss die öffentliche Hand nicht Gender Mainstreaming wenigstens sprachlich Genüge tun?

Die versorgungsverwaltung.nrw.de weiß, sie muss:
In ihrer Verwaltung bearbeiten rund 2500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jährlich mehr als 700.000 Anträge, die Bürgerinnen und Bürger an sie richten.

straelen.de hat allerdings wieder nur Mitarbeiter im Rathaus.

Die holocaust-chronologie.de will auch mich informieren: …Liebe Leserin, lieber Leser…über den Völkermord an den Juden. (Jüdinnen sichtlich mitgemeint)

Bei barmer.de beraten mich nur Experten.

BikeTrekking.de ist das Portal für Reiseradler (gerne blind, aber nicht weiblich).

gib-aids-keine-chance.de/ weiß natürlich, dass es Sex und Gender gibt! Jawohl, sie richtet sich an Multiplikatorinnen und Multiplikatoren der Präventionsarbeit, im Menü gibt’s Info rund um Sexualität aber nur für Lehrer und Schüler.

vrr.de wendet sich an Ab-und- zu Fahrer, Vielfahrer und Touristen. Allerdings sieht im prominenten Bild oben laut Alternativtext eine Frau verträumt aus dem Fenster eines fahrenden Zuges. Großzügig wird verschwiegen, dass die Frau nicht mehr ganz so jung ist wie die im Bild weiter unten – alt = Eine junge Frau trägt ihre kleine Tochter huckepack. Die Bilder- und Alternativtextwahl vermittelt mir ein nettes, konservatives Frauenbild.

Auf cconsult.info dominiert das Bild eines jungen Businesstypen, das Paradebeispiel für den Unternehmensberater, der gesundheitlich besonders stark beansprucht ist.

Auf stadthaushotel.com wird die Arbeit der Hotelmitarbeiter von erfahrenden Hotelfachkräften begleitet.

Bei die-gesundheitskarte.de/ werden 123.000 niedergelassene Ärzte und 65.000 Zahnärzte… über die neue Telematik-Infrastruktur miteinander vernetzt, zum Vorteil allerdings von Patientinnen und Patienten.

Bei morefriends.de kann man flirten und einen geeigneten Sprachpartner suchen.

Auf medien.fh-wiesbaden.de gibt’s vorbildlich Infos für Bewerberin oder Bewerber. Der Studiengang Medienwirtschaft nimmt aber weder Studienanfänger noch Quereinsteiger.

Gott sei Dank vorbildlich das diesjährige Österreich-Quote-Projekt: help.gv.at/. Hier finden Sie Hilfe und Informationen rund um Amtswege für Bürger und Bürgerinnen.

dsl-bank.de spricht nur Kunden und Partner an.

Löblich die antikperle.com: Seit dem frühesten Beginn der Menschheit schmücken sich Frauen, Männer und Kinder mit Perlen aus Muscheln…

kornzauber.de ist keine gewöhnliche Backstube, was schon viele ihrer Kunden bezeugen konnten, sie hebt auch den Lebensstandard von Allergikern.

zew.de/ führt eine Befragung von 270 Finanzmarktexperten durch das ZEW an.

Bei der tagesschau.de protestieren tausende Ärzte und Apotheker seit dem Vormittag gegen die Gesundheitsreform. Im Irak sterben die Zivilisten.

Und beim Nachwuchsprojekt von 11 Azubis, pilzhof-mellensee.de , gibts nur ein Autorenteam, obwohl zwei Mädchen dabei sind.

Ansonsten keine Auffälligkeiten.

WAI mindestens AA, aber weltanschaulich nicht 1 A

Bestätigt das meine Grundannahme von einseitiger political Correctness nun? Ich weiß nicht, vielleicht hat das eine gar nichts mit dem anderen zu tun?

Warum sollten barrierefreie Webseiten auch sprachbewusster und umfassend gesellschaftskritischer sein als nicht barrierefreie? Dass sie es nicht sind, ist eine Tatsache. Die Guten sind nicht rundum gut.

Zum Schluss ein Zitat von Jan Eric Hellbusch aus dem Standardwerk Barrierefreies Webdesign:
Frauen, die Wert auf die Einbeziehung der femininen Form (z.B. “Benutzerin” statt “Benutzer”) legen, bitte ich um Verständnis. Das “in” fehlt – nicht weil ich es vergessen hätte, sondern weil es mir nicht gelungen ist, eine akzeptable Darstellungsform zu finden.

Tipps für geschlechtergerechte Sprache finden Sie zuhauf im Internet, z.B. hier: http://www.wien.gv.at/ma57/sprache/index.html.

27 Reaktionen zu “Gender ist kein Thema…”

  1. Beate Firlinger

    Der Beitrag von Maria Putzhuber spricht mir aus der Seele. Auch wir von MAIN bemühen uns um geschlechtergerechte Sprache und Formulierungen. Wir ernten dabei aber auch Kritik, da dies für NutzerInnen von Screenreadern nicht wirklich angenehm und barrierfrei sei. Auch in Bezug auf die Verständlichkeit von Texten entspreche das Binnen-I nicht den Kriterien für einfach verständliche Sprache.

    Ich denke aber, sprachliche Sensibilität ist nicht nur notwendig, sondern auch möglich. Mit ein bisschen Willen und Überzeugungsarbeit geht das schon, wie sich ja gerade beim “Wording” zum Thema “Behinderung” zeigt, das sich in den letzten Jahren sehr verändert hat.

    Interessant finde ich aber schon, dass wir bei all den Programmen und Initiativen zum Gender Mainstreaming noch nicht weiter sind und so viele Websites bzw. Kommunikationsprofis nur die männliche Hälfte der Welt ansprechen, wie von Maria Putzhuber beschrieben. Denn Sprache ist ja angeblich ein Spiegel der Gesellschaft und ein Instrument der Weltaneignung, wie es so schön heißt …

  2. Michaela Braunreiter

    Als weibliche Screen-Reader-Benutzerin kann ich mich den beiden Damen nur anschließen. Ich empfinde es als gar nicht störend, wenn meine Sprachausgabe anstatt z.B. Schülern SchülerInnen oder Webdesignern WebdesignerInnen vorliest, was oft als Argument für die männliche Schreibweise vorgebracht wird.
    Das Binnen-i muss natürlich auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Doch eine Öffnung für gendergerechten-Sprachgebrauch und eine Diskussion über möglichst lesefreunliche Formen kann ich nur begrüßen. Auch wenn Fragen der Zugänglichkeit vorrangig zu lösen sind, heißt Barrierefreiheit für mich auch die Bedürfnisse weiblicher Webnutzerinnen, -programmiererinnen und -designerinnen zu beachten.

  3. Michael Stenitzer

    Maria, du hast vollkommen recht. Wenn’s um Gender Mainstreaming geht, da hört sich für Viele der Spaß auf. Untertags radeln sie bei Rot über die Ampel und abends beim Bier lassen sie die Sprachpolizei raushängen: “Das Binnen-I ist ja auch nach der neuen Rechtschreibung verboten”. Da bekommt man richtig Angst vor einer Vorstrafe.

    Das betrifft aber bei weitem nicht nur die Barrierefrei-Szene, sondern die gesamte Medienwelt, auch die weltoffenen und linken Medien (zumindest in Österreich). Da erfrischt es, wenn eine Redakteurin – wie unlängst im Mittagsjournal – mal ausschließlich die weibliche Form verwendet.

  4. Klaudia Mattern

    Liebe Maria, dein Artikel hat mich wirklich begeistert. Danke! :-)

    Ich hab dieses Thema auch schon des öfteren angesprochen, aber jetzt ist es endlich “schwarz auf weiß” und kann potentiell 2 Milliarden Menschen auf dieser Welt zum Nachdenken anregen.

    Vielleicht noch diese Inputs für Denkwillige:
    Könnte es z.T auch daran liegen, …
    … dass Frauen eben KEINE Minderheit sind?
    … dass eine Mehrheit von 52% in der Bevölkerung damit
    auch in gewissem Maße als ÜberMACHT wahrgenommen werden würde?

  5. GwenDragon

    Ihr sprecht mir aus der Seele.
    Ich als Webprogrammiererin und -designerin ärgere mich über die schreibfaulen Standardmenschen.
    Da wird so manche Frau zum Herrn. Mit-gemeint und mitgedacht? Pustekuchen!

    Schon schlimm genug, dass so manche Dummköpfe doch glatt eine im Schriftverkehr als Herr … anreden, weil diese der Meinung sind, bei jeder Webdesignperson, die sich mit solch komplexen Sachen wie Webprogrammierung u. ä. beschäftigt, müsse es sich um einen Mann handeln.

    Grund genug, noch radikal-gynozentrischer zu werden!

    Und gleich mit kleinem-i zu formulieren, denn der Herr ist ja mitgemeint.

    Einen lieben Gruß von der Drachin aus Deutschland

  6. DragonLady

    Ja, heute durfte ich in der Realität erfahren, was ein Herr „Webdesigner“ aus der Barrierefreiheit einer von mir vor Jahren für eine Kundin erstellten Website gemacht hat. Sie ist weder mit einem Webreader sinnvoll zu navigieren noch hat sie eine Struktur. Vom einem nicht-geschmeidig-transformieren ’mal ganz abgesehen. Alternative Stylesheets fehlen, weil entfernt. Aber wozu denn auch Barrierefreiheit!? Behinderte sollen kaum solche Website besuchen.
    Aber so ist das eben bei der Geiz-ist-Geil-Mentalität in Deutschland. Hauptsache der Herr macht’s umsonst. Und männliche Überheblichkeit und Inkompetenz scheint wohl bei manchen Damen doch besser anzukommen als die Erfahrung einer Fachfrau.

  7. Lilo

    Was so selbsternannte Webdesigner und -texter verzapfen mit Sprache ist wirklich ein Graus.

    Ich, wenn ich fortwährend „als Kunde“ abgesprochen werde, verlasse eine Website, woher soll ich wissen, dass das Angebot für Frauen ist? Jedenfalls ärgere ich mich. Von KundInnenzentriertheit haben so manche Herren und Damen des Webgewerbes wenig gehört.

    Seltsam, Frauen sind ca. 53% der menschlichen Bevölerung, dürfen sich aber nicht nur mit wenig Geld zufrieden geben, sondern auch noch mit einer männlichen Bezeichnung.

    Vielleicht sollte eine doch wie schon angesprochen das »kleine i« für alle verwenden. Das »kleine i« ist ja auch inklusiv :)

    Eine abstruste Neue Deutsche Rechtschreibung wird eher angenommen als Frauen korrekt zu benennen. Aber wohl unsichtbar aollen wir sein, nett und wenig zu hören.
    Kommen wir wieder in die Rumpelkammer der 50er Jahre? Wo der Herr des Hauses alles bestimmt? Wo die Frau nett und adrett ist und am Herd lebt? Auch wenn es in Deutschland eine Bundeskanzlerin gibt. Ist das ein Fortschritt oder nur ein „geduldetes Weibchen“ mit Politikompetenz? Weibliches Geschlecht macht noch lange keine Frau, das gilt auch für die deutsche Angela.
    Mich macht es gruseln, in welchen Konservatismus wir (viele Frauen) online und im echten Leben schlittern.

    »venceremos mujeres«

  8. Maria Putzhuber

    tja nett, so radikalfeministischen beifall zu bekommen, aber ganz konstruktiv kommt er mir nicht vor.

    ich verstehe durchaus, dass das für viele kein vorrangiges thema ist und muss zugeben, dass ich selber recht lax bin in meinem sprachverhalten. es macht mühe, die altgewohnte sprache zu verändern und es ist was von oben aufgesetztes. es kann durchaus in frage gestellt werden.

    andererseits entsteht in meinem kopf tatsächlich ein anderes bild, wenn ich von kundInnen lese und nicht nur von kunden.

    in sachen barrierefreiheit engagierte geben sich gerne mühe. sie strengen sich z.b. sehr an für eine basis benutzerfreundlichkeit, also mehr als die blanke wai a zugänglichkeit für screenreader benutzerInnen oder promoten die gebärdensprache, die sie selber ja überhaupt nicht verstehen.

    vielleicht könnten sie ja auch öfters mal eine weibliche endung in ihre sätze streuen und dadurch vielen frauen vermitteln, dass sie sie dabeihaben wollen, bzw. männern wie frauen zeigen, dass sie als frauen auch sichtbar dabeisein wollen. bringt mehr, als es kostet.

  9. Martin Ladstätter

    Wirklich lesenswerter Beitrag von Maria. Gratulation. Ich glaube aber nicht, dass das Binnen-I gescheit ist. Wir haben unsere Zeitung grundsätzlich mit Binnen-I geschrieben, bis wir beschlossen haben es nicht mehr zu verwenden (und unser Vorstand besteht zu 60 % aus Frauen).

    Die Begründung war natürlich nicht das dümmliche “ist eh mitgemeint”, sondern die Erfahrung, dass es gar nicht so wenige Menschen damit Leseschwierigkeiten haben. Wir verwenden nun statt “KundInnen” “Kundinnen und Kunden”. Ist zwar länger, aber deutlich leichter zu lesen.

    Nebenaspekt: Abteilungssoftware und Rechtschreibkontrolle arbeiten wieder.

    Und die positive Nachricht zum Schluss. Die Jury beim heurigen BIENE-Wettbewerb bestand fast zur Hälfte aus Frauen (Ich glaube es waren 6 von 13). Die Welt ist also doch noch nicht verloren, wenn natürlich noch viel zu tun bleibt. ;-)

  10. Lilo

    Sicherlich wird das Bitten-I bei manchen Menschen Leseschwierigkeiten hervorrufen (können). Aber gibt es denn das zum Beispiel mit der neuen Rechtschreibung nicht auch wie beim Wort Dampfschifffahrt? Oder ist das dreifach-f nicht irritierend? Es wird mittlerweile so oft inflationär und völlig Zeichensetzung betrieben, da kann doch ein I nicht den Untergang einer Schreibkultur bedeuten. Da ist die Verwendung falscher Apostrophe, Trennstriche, unsinniger Anführungs- und Leerzeichen viel schlimmer.
    Ich denke, es ist für Menschen eine Frage der Gewöhnung. Und wer mag sich schon gern umgewöhnen.
    Konkret wäre es wirklich sinnvoll, damit nicht so manche und mancher irritiert wird, die weibliche und männliche Form zu verwenden.

  11. Lilo

    Ich meinte natürlich Binnen-I. Immer diese Schnelltipperinnenfehler.

  12. Gerhard

    Eine Unterscheidung nach Geschlecht empfinde ich als äußerst rückständig und diskriminierend. Frauen und Männer (diese Reihenfolge der Nennung ergibt sich rein aus dem Alphabet) sind gleichwertige Bürger und sollten auch so bezeichnet werden. Ist (beispielsweise für geschlechtsspezifische statistische Auswertungen) eine Unterscheidung notwendig, empfiehlt sich die Bezeichnung männlicher bzw. weiblicher Bürger (auch hier ergibt sich die Reihenfolge der Nennung wieder rein aus dem Alphabet). Eine Unterscheidung der Geschlechter war nie Ziel der Emanzipation!

  13. Gwendragon

    Hallo Gerhard,

    sicher magst du solche Unterscheidung nach Geschlecht als rückständig betrachten.
    Dabei ist vieles in unserer Gesellschaft rückständig und es stört keine Frau und keinen Mann.

    Weiblicher Bürger? Gibt es auch weibliche Männer? Hmm, das muss wohl die Emanzipation sein. Auch Männer sind weiblich, sind manchmal auch die „besseren“ Frauen!? mag sein.

    Die Gleichwertigkeit der Bürger gibt es nicht. Auch nicht heute.
    Wer solches forderte, ist in der Gesellschaft, in der Bürger gleichwertig waren – gemeint ist diese nach der Französischen Revolution – auf dem Schafott gelandet.
    Gemeint ist Olympe de Gouges.

    Sicherlich droht den Damen und Herren heute kein Schafott mehr, wenn sie geleiche Rechte fordern.
    Die Einengungen sind subtiler.

    So ganz verstehe ich nicht, was Sie als Emanzipation bezeichnen. Ich empfehle doch mal Wikipedia für den Originalbegriff. ;)

    Es hat schon einen Sinn, Geschlechter zu unterscheiden. Jedenfalls wird es seit Jahrhunderten getan.
    Was nicht bedeutet, dass Unterschiede zu einer Rechtehierachie führen.

    Und um Werte und Rechte geht es nicht, es geht darum, wer die Regeln bestimmt und wer sie befolgen muss.

  14. Gerhard

    Ob man anwesende Personen beispielsweise als Zuhörer oder als Zuhörer und Zuhörerinnen bezeichnet macht doch ansich keinen großen Unterschied. Hier ist eine ursprünglich völlig logische und befürwortenswerte Bewegung leider deutlich über ihr ursprüngliches Ziel hinausgeschossen und läuft Gefahr sich lächerlich zu machen. Sozusagen frei nach dem Motto: „Wir fordern absolute Gleichberechtigung – und videoüberwachte Frauenparkplätze.“.

  15. Matthias Mauch

    Nichts gegen Gleichberechitung oder Gleichstellung. Aber ich möchte mir eine Bemerkung erlauben.

    Barrierefreiheit:
    Ein sehr weiter Begriff, Toiletten für Rollstuhlfahrer, Busse für gehbehinderte Menschen, Hinweisschilder für Sehbehinderte. Internet kommt erst ein Stück danach.

    So, ich glaube nicht, das Menschen mit Einschränkungen, egal ob visuell, motorisch oder geistig, sich Gedanken darüber machen wie man “Besucher/innen” auslegt. Vielmehr denke ich, ist bei diesen Personen der Inhalt einer Webseite wichtig und nicht unbedingt, ob diese Webseite barrierefrei ist.

    Barrierefrei, tolles Wort, viele unterschiedliche Meinungen, viel Proteste und viele, die einfach mit schwimmen. Hauptsache mit dabei sein beim neuen Trend.

    Vor vielen Jahren, als noch nicht jeder Internet hatte, war das alles egal. Der Inhalt war meist in Textform, strukturiert und skalierbar. Heute ist eine Webseite ohne medien- und zeitgerechtes Design nichts mehr wert. Plötzlich tauchen hier Barrieren auf, warum frage ich mich?

  16. Rainer Schlegel

    Ich bin für Gleichberechtigung aber gegen Formalismus und zwanghaftes Gleichmachen. Sprache entwickelt sich. Insofern kann man hinterfragen, ob es für bestimmte Worte eine geschlechtsübergreifende Bezeichnung geben sollte. Das Binnen-I ist sicher nicht die beste Wahl. Es impliziert beim Vorlesen (so der Screenreader mitmacht) nur eine weibliche Form.

    Das oft gesehene man/frau ist stilistischer Blödsinn, da “man” gar keine männliche Form ist sondern geschlechtsneutral.

    Der bei Pfizer erwähnte Patient ist natürlich ein Mensch und insofern männlich und weiblich. Aber ist “er” nicht auch für den Arzt eine Funktionsbezeichnung? Muss man nun immer akribisch Patienten und Patientinnen unterscheiden? (Bei manchen Ärzten hat man sowieso den Eindruck, man sei kein Mensch sondern ein Koffer oder Möbelstück. Und eine Köfferin habe ich noch nicht gesehen.) Sind die Vertreter (Mehrzahl!) beim Bundesrat allein durch diese Wortwahl durchweg männlich geprägt? Ich glaube, viele Frauen übertreiben mit der Geschlechtsspezifik.

    Wie äußert sich DER weibliche Protest? Ist ER eine Protestin? Und sollte ich, um meine Maus am PC nicht weiter zu quälen, in Zukunft einen Mäuserich benutzen? Sorry für die Ironie, aber ich habe in der Hinsicht schon radikale Feministinnen erlebt, dass mir die Spucke wegblieb. Als ich im Erziehungsurlaub mit meinem damals knapp zweijährigen Sohn auf dem Weg zum Arzt auf einem Frauenparkplatz geparkt habe, wurde ich dermaßen runtergeputzt von einer Aktivistin des Weiblichen, dass ich schon um meine Gesundheit und den Autolack gefürchtet habe. Erst mein Hinweis auf meine berufstätige Frau und meinen eigenen Erziehungsurlaub hat sie beruhigt. Dabei sind diese Plätze im Sinne der Gleichberechtigung auch allgemein für Personen mit Kindern gedacht, damit die Kleinen auf dem Parkplatz kurze Wege haben und nicht im Gewühl unter die Räder kommen.

    Also bitte sinnvolle Sprache, angemessene Berücksichtigung der Geschlechtsunterschiede und vor allem: Toleranz. In diesem Sinne ein schönes 2007.

  17. Sascha Stoltenow

    Mann und Frau sehen ja immer gerne das, was sie sehen wollen. Da ist es auch leichter undifferenzierte Behauptungen aufzustellen.

    Anstatt aber solche Unverschämtheiten wie die Wahl der “Männer des Jahres” durch das Fachmagazin Horizont, der “Journalisten des Jahres” (5 Frauen unter den besten 100) durch das MediumMagazin oder der “Wichtigsten Kommunikationsmanager” (3 Frauen von 100) w&v zu reflektieren, ziehen sich hier AktivistInnen an einem Textabschnitt hoch, der nicht repräsentativ ist, aber toll zur Agenda passt.

    Wer´s checken mag:

    “Mit den Veränderungen wollen wir vor allem die Nutzerperspektive stärker betonen und die Vergleichbarkeit der Wettbewerbsbeiträge verbessern”, erklärt Iris Cornelssen, Projektleiterin für die BIENE bei der Aktion Mensch, das neue Wettbewerbskonzept. Dazu soll auch das neue Vorschlagsverfahren beitragen, bei dem Nutzerinnen und Nutzer Webseiten für eine BIENE vorschlagen können.

    Wie im vergangenen Jahr schreiben die Veranstalter einen Nachwuchspreis für Webentwicklerinnen und -entwickler in Ausbildung oder Studium aus.

    Erstmals haben in diesem Jahr Nutzerinnen und Nutzer die Möglichkeit, Webseiten, die sie im Sinne der Barrierefreiheit für vorbildlich halten, für eine BIENE vorzuschlagen.

    http://presse.aktion-mensch.de/pressestelle/pressemitteilungen/details.php?nid=190&pn=

  18. Konrad

    Es ist ein Graus – und leider typisch fuer die deutsche Sprache (und wahrscheinlich auch fuer den deutschen Geist) dass wir anscheindend Nichts wichtigeres zu tun haben als uns in Diskussionen uebers gender mainstreaming zu verhakeln. Das machen Gesellschaften, denen es zu gut geht und die noch keinen Anlass haben oder nicht mehr ueber blosse Existenzfragen nachdenken muessen. “Tu felix Austria”. Ich bin dafuer dass wir die deutsche Sprache als Kommunikationsinstrument als diskriminierend verdammen und abschaffen und durch das Englische ersetzten. Da gibt es dann nur den “customer” und nicht die “customerin” obwohl sich letztens ein oest. Journalist in der Presse dazu hinreissen liess auch an ein neutrales englisches Wort ein “-in” anzuhaengen. Die Gehirnwaesche wirkt anscheinden.

  19. Maria Putzhuber

    danke fürs mitdiskutieren.
    @konrad und rainer: seltsam, dass das thema gendergerechte sprache immer noch solche emotionen auslöst. mich interessiert es und ich darf mir, solange eine frau in einem vollzeitjob im durchschnitt immer noch ein drittel weniger verdient als ein mann, darüber gedanken machen. es bleibt ihnen unbenommen, sich mit wichtigeren dingen zu beschäftigen. menschen mit behinderungen bei uns gehts auch – verglichen mit solchen in sagen wir mal zentralafrika, gut, dürfen sie sich deshalb nicht gegen diskriminierung hier bei uns engagieren?

    @sascha: hab den artikel mit einem absatz begonnen, der immer wieder als einführungstext zur biene zitiert wurde.
    ja, wenn ich die von ihnen zitierte ganze pressemitteilung ansehe, finde ich “Nutzerinnen und Nutzer”, ja sogar “Webentwicklerinnen und – entwickler in der Ausbildung oder im Studium”, aber alle personen, die geld oder berufshalber ehre verdienen wollen, nur in männlicher form. das ist sicher nicht absicht, aber sprachpsychologisch interessant.

  20. Sascha Stoltenow

    @jungs

    Gender Mainstreaming auf die sprachliche InnenDebatte zu verkürzen kratzt allenfalls an der Oberfläche, bleibt also symbolisch. Rhetorisch ist es natürlich geschickt, die Zeit damit zu verplempern, weil es die tatsächlichen Defizite (Einkommen, “Journalisten des Jahres”, etc) übertüncht, anstatt sie zu überwinden.

    @maria
    Dieser Text stammt
    a) aus 2005 (http://presse.aktion-mensch.de/pressestelle/pressemitteilungen/details.php?nid=156&pn=1)

    und wir lernen ja

    b) er wurde immer wieder “zitiert”, was mehr über die Zietierenden als über die Absendenden sagt

    c) Gestalter und Anbieter sind Plural sächlich, weil “die Firma xy” oder “die Behörde Z” nunmal zum Kreis der Anbietenden gehören, der völlig unproblematisch und nich misogyn auch so bezeichnet werden kann.

    d) die Preise gehen an “die Webseiten”, die ebenfalls dinglich-sächlich als Gewinnwe bezeichnet werden.

    Deshalb auch:
    “Am Abend des 8. Dezember zeichnen die Veranstalter im Rahmen einer feierlichen Preisverleihung die Menschen aus, die hinter den besten barrierefreien Internet-Seiten stehen.”

    Und die Menschen verdienen damit Geld.

    Kurzum: es gibt weitaus lohnendere Ziele, um Gender Mainstreaming einzufordern als “die” BIENE, aber offensichtlich scheint es keine Frage des Geschlechts – weder sozial noch biologisch – zu sein, ob Menschen populistisch agieren und einigermaßen erfolgreiche Projekte versuchen zu instrumentalisieren. Das ist nicht nur sprachpsychologisch interessant.

  21. Gerhard

    Die Bezeichnung „Kundinnen und Kunden“ macht ansich nur Sinn, wenn man damit die Existenz zweier unterschiedlicher Käufergruppen ausdrücken möchte. Gleichberechtigung schafft nur eine einheitliche Bezeichnung.

  22. Gerhard

    Kleine Ergänzung: Ich habe mich schon oft gewundert, warum in vielen Texten ausschließlich von weiblichen Personen die Rede ist. Erst auf den zweiten Blick erkennt man dann, dass es sich um ein groß geschriebenes „i“ handelt und somit beide Geschlechter gemeint sind. Irgendwie keine überzeugende Lösung.

    Anstatt von Kundinnen und Kunden (wieso nennt man hier eigentlich die Frauen zuerst?) zu sprechen sollte man – wenn eine Unterscheidung zwingend notwendig ist – von männlichen und weiblichen Kunden sprechen.

    Bei Berufsbezeichnungen empfinde ich die geschlechtsspezifische Form als besonders unpassend: Polizisten und Polizistinnen, Bäcker und Bäckerinnen und auch Bankkaufmänner und Bankkauffrauen absolvieren jeweils die gleiche Ausbildung, so dass eine Unterscheidung keinerlei Sinn ergibt.

    Wie ist eure Meinung dazu? Ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen.

  23. Markus Pirchner

    Der Einfachheit halber sollten wir generell nur mehr die weiblichen Bezeichnungen verwenden, denn die männliche Version ist darin ja schon enthalten.
    Die geschlechtsspezifischen Wortformen sind nun mal Bestandteil der deutschen Sprache. Es ist daher alles andere als unpassend (die individuelle Befindlichkeit ist dabei völlig irrelevant), Sprache in nicht-diskriminierender Weise zu verwenden.
    Und wer es nicht zuwege bringt, seine männliche Beschränktheit zu überwinden, der kann sich ja Formulierungen mit dem Gattungsbegriff (z.B. Polizei) ausdenken.

  24. Gerhard

    Ernsthaft? Wäre es nicht viel sinnvoller, auf die offenbar gedankenlos eingeführte „weibliche“ Bezeichnung zu verzichten und die vermeintlich „männliche“ Bezeichnung wieder wie ursprünglich angedacht geschlechtsneutral zu verwenden?

  25. Friedhelm Betz

    @ Rainer Schlegel:
    Das Binnen-I ist sicher nicht die beste Wahl. Es impliziert beim Vorlesen (so der Screenreader mitmacht) nur eine weibliche Form.

    Oh, ein Schelm, der daraus seine Schlüsse zieht?

  26. Nur ein Blog

    Das Binnen-I und Barrierefreiheit

    Geschlechtergerechte bzw. geschlechtsneutrale Sprache ist ein Thema bei dem die Köpfe heiß werden, die Meinungen aufeinanderprallen und heftige Diskussionen entstehen können. Besonders spannend wird es bei der Verwendung des berühmten Binnen-I wie z.B.

  27. [i:rrhoblog] » links for 2007-08-14

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