5. November 2006, von Beate Firlinger
Lesetipp: Krimi mit Gebärden
Dies soll keine Rezension eines Fachbuches werden, sondern eine Leseempfehlung für einen Roman, der einiges mit dem Thema “Barrieren in der Kommunikation” zu tun hat. Wenn auch nicht vordergründig. Es geht um “Talk Talk”, den aktuellen Thriller des amerikanischen Bestseller- und Kultautors T. C. Boyle.
Die Geschichte erzählt von einer jungen Frau, deren Identität gestohlen wurde, und zwar nicht im übertragenen Sinn, sondern ganz real. Sie wurde Opfer eines Betrügers, der mit ihrer Kreditkarte bezahlt, auf ihre Kosten in Saus und Braus lebt, in ihrem Namen Verbrechen begeht und überhaupt ihre ganze Identität übernommen hat. Doch die Protagonistin ist kämpferisch. Sie will sich rächen und den Täter um jeden Preis finden. Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt, ein spannendes Roadmovie, das die Figuren quer durch die Vereinigten Staaten treibt.
Sprache und Identität
“Talk Talk” ist aber nicht nur ein Krimi über Identitätsdiebstahl, sondern auch ein Roman über Sprache und Identität. Seine Hauptfigur, die junge Frau namens Dana Halter, ist Lehrerin an eine Gehörlosenschule und selbst gehörlos. Sie wird als eigenwillig und attraktiv beschrieben, als schwierige und selbstbewusste Persönlichkeit, die sich nichts gefallen lässt und sich wehrt, wenn sie sich diskriminiert fühlt, weil sie gehörlos ist. Diese Erfahrung mit Diskriminierung zieht sich wie ein zweiter Film durch die Handlung, ebenso wie die Beschreibung der Kommunikation in Gebärdensprache.
Der Titel des Buches “Talk Talk” bezieht sich auf einen Ausdruck aus der amerikanischen Gebärdensprache, der American Sign Language (ASL), heißt es in der Vorbemerkung zum Roman. Auf Deutsch lässt sich das mit “gebärden” übersetzen und meint die Unterhaltung und Konversation von gehörlosen Menschen mit Handzeichen, Gestik und Gebärden. Wie der Autor erklärt, habe er im Buch nicht versucht, die Gebärdensprache wörtlich in die Lautsprache zu übersetzen, sondern Gehalt und Bedeutung der Gebärden in einen gesprochenen Dialog zu übertragen.
Gefühlswelt gehörloser Menschen
Meist gelingt es T. C. Boyle hervorragend, gesellschaftskritische Themen in zeitgemäße, bissige Unterhaltungsliteratur zu verpacken. In diesem Fall hat er sich gewiss eingehend mit der Sprache und Kultur gehörloser Menschen in den USA befasst. Ob auch tiefgehend und sensibel genug, ist allerdings in den Kommentaren zu “Talk Talk” umstritten.
Manche KritikerInnen meinen, Boyle sei es nicht gelungen, in diesem Roman die Gefühlswelt seiner gehörlosen Heldin tatsächlich erzählerisch spürbar zu machen. So heißt es etwa in einer Rezension von Deutschlandradio Kultur mit dem Titel “Roman ohne Thema”: „Wie stellt man eine Welt dar, die so gar nichts mit der eigenen Erfahrung zu tun hat? Boyles Lösung ist einfach, allzu einfach: Talk Talk ist eben kein Buch über das Leben und Erleben Gehörloser, sondern ein schlichter Thriller. Die Hauptfigur könnte genauso gut auch blind sein oder ein Holzbein haben, so äußerlich bleibt ihre Behinderung.“
Ich kann diese Kritik nicht uneingeschränkt teilen, auch wenn der Roman insgesamt eher oberflächlich bleibt und die Empathie nur in manchen Passagen nachvollziehbar wird. Mir hat “Talk Talk” trotzdem gut gefallen, weil es wirklich spannend und schnell zu lesen ist und auch gerade deshalb, weil es nicht ein Buch über Gehörlosigkeit ist, sondern eben ein Krimi, in dem ausnahmsweise und zur Abwechslung einmal ein gehörlose Heldin im Zentrum des Geschehens steht. Würde mich interessieren, wie das andere sehen, die sich mit der Gebärdensprache auskennen und das Buch gelesen oder das Audiobook gehört haben.
T.C. Boyle: Talk Talk
Roman. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren.
398 Seiten, Hanser Verlag, München 2006
ISBN: 3-446-20758-9
Hörbuch: 4 CD im Digipak, gekürzte Lesung, Laufzeit ca. 300 Minuten
Sprecher: Jan Josef Liefers, Lesefassung: Katja Semprich, Regie: Ralf Becher
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren.
Produktion: Der Hörverlag / Rundfunk Berlin Brandenburg 2006









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