25. Oktober 2006, von Beate Firlinger
Wunschkonzert
Wir schreiben die Kalenderwoche 43. Trotz milder Temperaturen liegt ein Hauch von Advent in der abendlichen Luft. Am Programm stehen zwei Veranstaltungen aus dem so genannten “Behindertenbereich” – oder wie immer das zu bezeichnen wäre.
Am Montag, den 23. Oktober, wurden im Wiener Museumsquartier die drei “Förderpreise für Kunst und Kulturprojekte zur Integration von Menschen mit Behinderung 2006″ vergeben. Ausgezeichnet wurden zwei Projekte aus den geschützten Werkstätten großer Behinderteneinrichtungen: die Kunstwerkstatt de La Tour der Diakonie Kärnten und LINUM, der Verein für Handwerk und Kunst unserer Zeit aus Pürbach in Niederösterreich. Die dritte Preisträgerin ist Doris Prenn mit ihrem Büro prenn_punkt im oberösterreichischen Alkoven, das seit Jahren engagiert und konsequent die barrierefreie Gestaltung von Ausstellungen und Museen umsetzt.
Am Dienstag, den 24. Oktober 2006, ging im herrschaftlichen Prälatensaal des Wiener Schottenstifts eine Podiumsdiskussion über die Bühne. Thema der vom Projekt Motary Aktiv organisierten Gesprächsrunde: „Wirtschaft barrierefrei – auch 2006 noch Utopie?“ Umgeben von Kristallllüstern und mächtigen Gemäldeschinken erörterten VertreterInnen der öffentlichen Hand und der Politik gemeinsam mit Wirtschaftstreibenden die Frage, wie die Unternehmen in Österreich für die Bedürfnisse und Anliegen von Menschen mit Bewegungseinschränkungen stärker sensibilisiert werden können.
Guter Wille …
Was – trotz unterschiedlicher Thematik – beiden Zusammenkünften gemeinsam war: ein Kreis von Menschen, die guten Willens sind, und ein gerüttelt Maß an salbungsvollen Worten, die den Tenor der Ansprachen und Diskussionsbeiträge bestimmten. Was in beiden Fällen ein wenig zu kurz kam: eine tiefer gehende Befassung mit gesellschaftspolitischen Leitlinien und nachhaltigen Strategien zur Weiterentwicklung und Umsetzung von Barrierefreiheit und Inklusion in der österreichischen Kultur bzw. Wirtschaft.
Denn es stellt sich schon die Frage, warum zwei von drei Kunst- und Kulturprojekten gewürdigt wurden, die doch eher traditionellen Ansätzen folgen und die kreative Arbeit von Menschen mit Behinderungen in Ateliers und Werkstätten zum Inhalt haben. Ohne das Engagement der Beteiligten schmälern zu wollen – aber sind diese Projekte wirklich innovativ, geben sie Impulse zur Förderung von KünstlerInnen mit Behinderungen, weisen sie – mit Ausnahme der Auszeichnung von prenn_punkt – einen Weg, wie und mit welchen Mitteln barrierefreie und inklusive Kunst- und Kulturvermittlung künftig zu gestalten sein wird?
… salbungsvolle Worte …
Ohne die Details der Projekte zu kennen, ist das schwer zu beantworten. Allerdings wurden die Kriterien, die der Preisvergabe zugrunde liegen, in der Öffentlichkeit nicht entsprechend kommuniziert. Bekannt ist lediglich, was auch Kunststaatssekretär Franz Morak in seiner Rede sagte: “Die Preise sollen ein sichtbares Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung sein – sowohl für die Kreativität von Menschen mit Behinderung als auch für erfolgreiche Aktivitäten zur gesellschaftlichen Integration von Menschen mit Behinderungen. Es geht um eine Sensibilisierung der gesamten Bevölkerung für die vielfältigen Begabungen behinderter Menschen und deren nachhaltiger gesellschaftlichen Integration …”
… und fromme Wünsche
Stärker noch als das Kulturevent geriet dann der Abend mit der Wirtschaft zum Wunschkonzert. Zuerst berichteten die Gäste von der Telekom Austra, Microsoft Österreich, Citroën Österreich und den REED Messen recht ausführlich über ihre unternehmerischen Aktivitäten für Barrierefreiheit und Integration. Dann widmete sich ein guter Teil der Diskussion der Frage: Was wünscht sich die Wirtschaft von den Menschen mit Behinderungen und was wünscht sich die Wirtschaft von der Politik und von der öffentlichen Hand? Dabei entstand doch ein wenig der Eindruck, dass es sich bei der Schaffung notwendiger Rahmenbedingungen zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen nicht um Grundrechte, gesellschaftliche Verantwortung und Verplichtungen (auch der Wirtschaft) handelt, sondern um eine Art freiwillige Good-will-Aktion von Seiten der Unternehmen.
Wenn auch ich mir etwas wünschen dürfte, dann bitte eine Spur mehr “Governance”, also eine Diskussion über die Steuerung, Regeln und Standards unseres politisch-gesellschaftlichen Systems, die tatsächlich Strategien für eine barrierefreie und inklusive Kultur oder Wirtschaft aufzeigt.
Lesetipp: Dankes- und Zornesrede von Elisabeth Löffler (Gehalten anlässlich der Verleihung des Würdigungspreises für Kulturprojekte zur Integration behinderter Menschen an die Performancegruppe Bilderwerfer im Jahr 2003, veröffentlicht auf BIZEPS INFO.)
Artikel mit näheren Infos zur Auszeichnung von prenn_punkt
(von Manfred Fischer, BIZEPS INFO, 29. Oktober 2006)









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Am 25. Oktober 2006 um 15:07 Uhr
Zu ergänzen ist, dass Martin Schmutz, Vertreter der Telekom Austria, auf Anfrage von MAIN bei der Veranstaltung erklärte, dass der Webauftritt seines Unternehmens bereits barrierefrei sei. Das ist natürlich grundsätzlich sehr erfreulich, ob es auch stimmt, ist noch näher zu klären. Auf den ersten Blick war die Seite für mich mit Vergrößerungsprogramm nicht einfach benutzbar. MAIN recherchiert und bittet um sachdienliche Hinweise, ob http://www.telekom.at tatsächlich den Standards der Barrierefreiheit entspricht oder doch noch Wünsche offen lässt.
Am 25. Oktober 2006 um 18:23 Uhr
Jede Seite lässt Wünsche offen…Die sogenannte Broadband Version der Telekomseite mit Javascript Dropdownmenü und Flashnavigation ist sicher nicht zugänglich. Es gibt aber auch die sogenannte barrierefreie Version (ohne Javascript und Flash). Für sehbehinderte User /innen – mit Zoomprogramm – ist der Link wohl nicht prominent und klar genug.
Der Link zur barrierefreien Version für Screenreaderbenutzer /innen kommt erst irgendwann weit hinten im Quellcode nach den 100en unbedienbaren? Javascriptmenüpunkten. Bei ausgeschaltenem Javascript erhält man die screenreadertaugliche Fassung sofort. Das Problem hier ist, dass moderne Screenreader Javascript verstehen, leider halt unvollständig. Man müsste die Seite genauer testen und dieses Problem abfangen.
Sonst ist sie standardkonform programmiert und sehr professionell gemacht. Mit linearem Aufbau und Feinheiten wie Inhalt vor der Navigation…Die Schrift lässt sich allerdings nur bedingt vergrößern, schon bei einem höheren Schriftgrad überlappen sich die Navigationsteile. Da sollte die Telekom ihre Agentur noch ein wenig quälen, um das zu optimieren.
Am 25. Oktober 2006 um 18:48 Uhr
Sehr informativer Bericht von Beate Firlinger. Ohne bei einer der beiden Veranstaltung gewesen zu sein, kann man sich wirklich ein gutes Bild davon machen.
Zum Posting von Michaela Braunreiter: „MAIN recherchiert und bittet um sachdienliche Hinweise, ob http://www.telekom.at tatsächlich den Standards der Barrierefreiheit entspricht“. Die Antwort ist leider ernüchternd.
Eine typische Seite eines Unternehmens, das Anstrengungen für barrierrefreies Internet unternommen hat. Doch nach 15 Minuten testen auf dieser Seite lässt sich klar sagen, dass sie sogar grundsätzlich und minimale Standards der Barrierefreiheit nicht enthält.
Doch man sieht auch deutlich, dass hier Bemühungen – wenn auch teilweise falsch verstandene – vorhanden waren. Mich erinnert dies an die Studie, die MAIN präsentiert hat. Die Telekom sollte Beratung angeboten werden.
Am 25. Oktober 2006 um 20:08 Uhr
sehr streng wieder, der martin. ich trau mich ja als webdesignerin im barrierefreien glashaus nicht so öffentlich mit kategorischen steinen auf kollegen zu werfen…was ist nun sooo übel? gut, nicht mal ne sprachangabe auf der seite, leicht zu lösen. gut, nur mit der tastatur tät ich mir schwer, keine optische kennzeichnung und eine mir nicht klare, verdrehte tabreihenfolge bei den navigationsteilen. onChange eventhandler bei den selectboxen, ie schriftgrößenbug…viele verbesserungswürdige details, aber der seite nicht mal minimale standards der barrierefreiheit zuzugestehen ist auch nicht fair.
Am 31. Oktober 2006 um 19:46 Uhr
@Maria: War ich wirklich so streng? Wenn ich mir DEINE Liste anssehe, dann ist das schon viel.
Zusätzlich kommt aber noch, dass eine Sonderversion haben. Und noch erschwerend, dass diese Sonderversion nicht mal zu 100 % den gleichen Inhalt. Und wenn ich darüber hinaussehen würde, könnte ich noch bemängeln, dass neue Fenster ohne Vorankündigung geöffnet werden. Und auch, dass einige Syntaxfehler drinnen sind stört mich auch, wenn der Anbieter “strict” sein will.
Und Sprungmarken sogar für die Zielgruppe zu verstecken, in dem man “display:none;” schreibt, ist auch nicht die hohe Kunst.
Aber in einem Punkt würde ich Dir Maria sofort recht gegen. Es gibt schlimmere. Nur tröstet mich das nicht. Was mich tröstet ist der § 6 BGStG.
Am 31. Oktober 2006 um 19:59 Uhr
@Maria
Also, wenn Martin streng ist, dann brauchen wir noch mehr strenge Leute. Das Urteil “Sie haben sich aber bemüht” reicht halt nicht und dass das zunehmend von Menschen mit Behinderungen nicht mehr akzeptiert wird, ist gut. Es geht nicht um Almosen, es geht um gleichberechtigte Teilhabe.
Am 1. November 2006 um 11:32 Uhr
Ich finde auch, dass es notwendig ist, streng und künftig noch strenger zu sein. Es geht ja nicht um böswillige Beschuldigungen, sondern um die Frage nach den Standards von Barrierefreiheit, in diesem Falle im Web bzw. des Internetauftritts der Telekom Austria. Da muss schon konstruktive – und wenn angebracht – auch scharfe Kritik geübt werden dürfen, weil sonst wird ja alles beliebig. Wozu gibt es dann überhaupt Richtlinien zur Web Accessibility, wenn diese nur halbherzig eingehalten werden?
Schon klar, es gibt mehrere Prioritätsstufen für Zugänglichkeit und das Thema “barrierefreies Web” ist nicht ganz einfach, wie ich seit dem Umbau von http://www.mainweb.at aus eigener Erfahrung weiß. Es ist ein weites Feld, das ständig in Bewegung ist und viele, auch nicht gelöste, technologische Herausforderungen birgt. Aber gerade diese Dynamik erfordert eine Offenheit für Kritik, die es in der fachlichen Diskussion weiter einzufordern gilt. Weil sonst basteln alle ein bisserl an ihren Webseiten herum, erfüllen damit (mehr oder weniger zufällig) das eine oder andere Kriterium für Zugänglichkeit und behaupten dann – wie bei der Podiumsdiskussion gehört: Wir sind total barrierefrei! Was ja, wie zumindest eure Beiträge in diesem Blog belegen, nun wirklich nicht der Fall sein kann.
Am 2. November 2006 um 11:43 Uhr
jawoll, vernichten wir sie! sie haben sich zwar bemüht, aber trotzdem, setzen, nicht genügend. mir geht dieses moralisierende, aber vage gefasel auf die nerven. wenn sich leute bemühen, ihre webseiten nach vorgegebenen (veralteten, ungenauen, hinterfragenswürdigen…) accessibility richtlinien zu gestalten, dann sind sie auch offen für hinweise realer user /innen, dass sie dabei doch einiges übersehen haben.
also ein email an den boss der telekom wäre vielleicht zielführend mit konkreten problemmeldungen, und er würds sehr schnell weiter nach unten reichen, mit bitte kümmern sie sich drum, ist ja peinlich, wenn wir sagen unsere seite ist barrierefrei, aber ist es de fakto nicht.
es ist schon immer noch ein bissl spezial know how, dass der eine screenreader display:none interpretiert, der andere nicht, dass onChange event handler mit der tastatur im internet explorer nicht bedienbar sind, im firefox aber schon und so weiter. und webdesigner /innen im realen arbeitsalltag haben auch noch was anderes zu tun als sich in das spezialgebiet barrierefreiheit hineinzuknien. sie sind auf feedback konkreter benutzer /innen angewiesen.
Am 2. November 2006 um 13:35 Uhr
Das Email an den Vertreter der Telekom Austria ist längst abgeschickt. Es enthält noch keine technischen Details, aber ein grundsätzliches Feedback, dass die Site nicht ganz so gut zugänglich und nutzbar zu sein scheint, wie bei der Veranstaltung erklärt. Und ein höfliches Angebot, dass wir bei Bedarf die Problemmeldungen übermitteln bzw. auch ExpertInnen vermitteln können. Ich bin schon neugierig, ob es eine Rückmeldung gibt. Mehr Infos dazu – sobald es was Neues gibt.
Am 2. November 2006 um 18:45 Uhr
ich bin bei telekom austria für die corporate website also für http://www.telekom.at und die barrierfreie version http://wai.telekom.at zuständig. danke zuerst mal für das feedback – auch wenn es nicht wirklich sehr positiv ist… (das e-mail von frau firlinger habe ich bekommen – habe sie nur noch nicht erreicht).
2005 haben wir die barrierefreiheit der website in angriff genommen und das wirklich ernsthaft: es gab dazu ein eigenes projekt mit einem externen berater (die agentur echonet, die mit uns die seite http://www.derdurchblick.at umgesetzt hat), die programmierer und ich haben uns in die w3c-kriterien vergraben. nach getaner arbeit (und redaktionelle wie programmiertechnische änderungen waren hier wirklich aufwändig) ist die seite nochmals von extern – echonet, jemanden vom öbsv und von einem sehbehinderten kollegen – gecheckt worden und für ok befunden wurde. uns ist schon klar, dass wir nicht AAA entsprechen. es ist immer eine gradwanderung – je aufwändiger eine seite gestaltet ist, desto schwieriger ist es auch sie 100% barrierefrei zu gestalten.
@martin: die wai-version ist ident mit der flash-version. wo sehen sie denn hier unterschiede?
@martin und maria: ich werde die technischen inputs auf jeden fall mit dem programmierer durchgehen – ist ja schön, wenn es verbesserungen gibt, die wir schnell umsetzen können
@maria: veränderung der schriftgröße hab ich für nächstes jahr auf der liste und wir sind auch am überlegen, zusätzlich eine reine textversion anzubieten
Am 3. November 2006 um 11:56 Uhr
Finde die Reaktion von Andrea Frauscher sehr positiv. Wir haben vereinbart, im Jänner 2007 eine persönliche Feedback-Runde zu organisieren. Da sollen dann Verbesserungsvorschläge besprochen werden, die nicht jetzt sofort umgesetzt werden können. Datum ist noch nicht fixiert. Halte euch am Laufenden.