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16. September 2006, von Beate Firlinger

In Linz beginnt’s …

In Linz beginnt’s, angeblich. Als gebürtiges Stahlstadtkind kann ich diesen Ausspruch natürlich nur bestätigen. Und auf so manchen Bereich mag er vielleicht sogar zutreffen. Etwa auf die Ars Electronica, zu der ich am 4. September 2006 meine Kollegin Michaela Braunreiter begleitete. Sie war als Vertreterin von MAIN eingeladen, um gemeinsam mit anderen Fachleuten an einem Table Talk, einer Art Podiumsdiskussion, teilzunehmen. Thema: “Access to all areas – Technologien ohne Barrieren”.

Foto: Aussenansicht Museum Lentos in Linz mit Rollstuhlfahrerin im VordergrundMuseum Lentos in Linz. Foto: Firlinger

Dass die Frage nach der Zugänglichkeit von Informations- und Kommunikationstechnologien auf dem Programm des diesjährigen Ars Electronica Festivals stand, ist nicht zuletzt den beiden Ö1-Journalistinnen Ina Zwerger und Sonja Bettel zu verdanken. Sie organisierten den Table Talk in Kooperation mit der Ö1-Sendung Matrix, moderierten fachkundig die Diskussion und gestalteten einen interessanten Matrix-Beitrag zum Thema barrierefreie Technologien.

Foto: Michaela Braunreiter und Ina Zwerger im GespraechMichaela Braunreiter im Gespräch mit Ina Zwerger. Foto: Firlinger

Der möglichst barrierefreie Zugang zu Information, Kommunikation und Technologie ist ein Grundrecht. Darüber waren sich die ExpertInnen beim Table Talk einig. Michaela Braunreiter berichtete unter anderem von der Studie “Mediennutzung ohne Barrieren”, die von MAIN_Medienarbeit Integrativ durchgeführt wurde. Wie die Ergebnisse zeigen, werden Menschen mit Behinderungen noch nicht ausreichend als KundInnen und Zielgruppen von Medien und Marktkommunikation wahrgenommen. Dementsprechend groß sei auch der Bedarf an Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung, so Michaela Braunreiter, um alle jene für Barrierefreiheit zu sensibilisieren, die Inhalte anbieten und gestalten.

Foto: Kunstobjekt mit Kabeln


Auch Klaus Miesenberger vom Institut Integriert Studieren an der Johannes Kepler Universität Linz ortete mangelndes Bewusstsein für die Vorteile der Accessibility. Das sei eine wesentliche Ursache dafür, warum in Österreich nach wie vor so wenig an barrierefreiem Web- und Informationsdesign umgesetzt wird. Dennoch zeigte er sich zuversichtlich, da es immer mehr mündige NutzerInnen gäbe, die ihr Recht auf zugängliche und nutzbare Information und Kommunikation einfordern. Auch immer mehr Unternehmen, so Miesenberger, würden die Marktnischen sehen und die wirtschaftlichen Vorteile von Barrierefreiheit entdecken.

Dass sich langsam, aber sicher ein Wandel zu Barrierefreiheit und Nachhaltigkeit vollziehen werde, meinte auch Manfred Tscheligi vom “center for usability research & engineering”, kurz CURE. Bei den Usability-Projekten von CURE geht es darum, methodisch die Bedürfnisse von BenutzerInnen in die Technologieentwicklung miteinzubeziehen. Ein breites Forschungsfeld, so Tscheligi. Schließlich hätten alle NutzerInnen spezielle Bedürfnisse. Es sei aber doch recht mühsam und ein zäher Motivationsprozess, bei den heimischen Unternehmen eine Akzeptanz für neue, andere Zugänge zu Entwicklungen und Anwendungen zu erreichen.

Foto: Kunstobjekt mit Buchstaben in Glaesern
Ein weiterer Gast beim Tischgespräch war der Videokünstler Antoni Abad aus Barcelona. Er berichtete über das von ihm initiierte Projekt “canal*ACCESSIBLE”, das 2006 mit der Goldenen Nica in der Kategorie “Digital Communities” ausgezeichnet wurde. Für das Projekt hat sich eine Gemeinschaft von 40 mobilitätsbehinderten Personen zusammengefunden, die die zahlreichen Hindernisse auf ihrem Weg durch Barcelona mit Mobiltelefonen fotografieren und diese per Multimedia Message ins Internet transferieren. Bislang wurden auf diese Weise rund 3.600 bauliche Stolpersteine im Web dokumentiert und auf einem Stadtplan verortet. Ein ambitioniertes Unterfangen, das die Zugänglichkeit bzw. Unzugänglichkeit in der Topographie Barcelonas sichtbar werden lässt. “Empowerment von benachteiligten Bevölkerungsgruppen einmal nicht als leere Phrase”, heißt es in der Begründung zur Vergabe der Goldenen Nica an die Community aus Barcelona.

Foto: Der Videokuenstler Antoni Abad aus Barcelona bei der Praesentation im Linzer BrucknerhausDer Videokünstler Antoni Abad aus Barcelona praesentiert das Projekt canal*ACCESSIBLE im Brucknerhaus in Linz.

Leider ist die Website von “canal*ACCESSIBLE” selbst aber nicht barrierefrei und gestaltet sich für blinde und sehbehinderte NutzerInnen als äußert unzugängliches Gelände.

Auch die Website der Ars Electronica kann nicht gerade als barrierefrei bezeichnet werden. Ebensowenig finden sich beim Besuch der Ausstellung “Cyberarts 2006″ barrierefreie Angebote, die die Schau der bei der Ars Electronica prämierten Kunstobjekte sinnesbeeinträchtigen Menschen zugänglich machen. Immerhin gibt es eine Rampe und einen Lift im OK, dem Centrum für Gegenwartskunst in Linz, wo die Ausstellung zu sehen ist. Und rätselhafte Braillzeichen, die in den Gängen des OK den Fußboden zieren. Ein dekoratives Detail ohne Informationswert, wie Michaela Braunreiter erkundete.

Foto: Braillezeichen am Boden mit Fuss




In Linz beginnt’s also doch noch nicht ganz – zumindest was die barrierefreie Vermittlung von Kunst bei der Ars Electronica betrifft.


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